Bestrebungen auf der Insel: Ein autonomes Korsika? Frankreichs Unterhaus billigt Pläne

Datum23.06.2026 20:06

Quellewww.spiegel.de

TLDRDie französische Nationalversammlung hat einer Verfassungsreform zugestimmt, die Korsika mehr Autonomie gewähren soll. Dies ist ein Schritt inmitten langjähriger Spannungen und Forderungen nach Eigenständigkeit, die von gemäßigten Nationalisten im Regionalparlament vorangetrieben werden. Die Reform muss noch den Senat passieren und eine Volksabstimmung sowie eine erneute Parlamentsmehrheit überstehen. Kernpunkte sind die Anpassung von Pariser Gesetzen durch die korsische Politik und die Anerkennung der besonderen Inselidentität. Die Zustimmung markiert eine deutliche Abweichung vom zentralistischen französischen Staatsmodell.

InhaltDas Verhältnis zwischen Paris und Ajaccio gilt als schwierig. Die Mittelmeerinsel will mehr Freiheiten. Frankreichs Nationalversammlung stimmt dem Wunsch zu, doch es gibt noch Hürden zu überwinden. Das Streben nach mehr Unabhängigkeit besteht auf Korsika schon lange. Nun hat die französische Nationalversammlung dem Wunsch zugestimmt. 271 Abgeordnete stellten sich in erster Lesung  hinter eine entsprechende Verfassungsreform, 202 stimmten dagegen und 64 enthielten sich. Bevor die Mittelmeerinsel aber tatsächlich mehr Freiheit von Paris bekommen kann, müssen noch mehrere Hürden überwunden werden. Das Verhältnis zwischen der Insel Korsika und der Regierung in Paris gilt seit Langem als schwierig. Jahrzehntelang kämpften korsische Separatisten für mehr Eigenständigkeit, oft mit Gewalt. Die Untergrundorganisation FLNC legte 2014 vorübergehend die Waffen nieder. Etwa zeitgleich gewannen gemäßigte Nationalisten politisch an Bedeutung. Mittlerweile haben sie die Mehrheit im Regionalparlament und fordern einen Autonomiestatus. Vor vier Jahren waren die Spannungen bei gewaltvollen Protesten wieder deutlich zutage getreten. Präsident Emmanuel Macron hatte dann 2023 der Insel mit seinen knapp 350.000 Einwohnerinnen und Einwohnern die Autonomie in Aussicht gestellt. Zunächst muss aber der Senat als zweite Parlamentskammer den Reformtext  wortgleich verabschieden. Allerdings stehen die Konservativen, die in der Kammer die Oberhand haben, der Forderung nach mehr Einfluss der korsischen Politik bei der Gesetzgebung kritisch gegenüber. Anschließend müssen noch einmal drei Fünftel der Parlamentarier der Verfassungsänderung zustimmen. Auch die korsische Bevölkerung soll über das Vorhaben abstimmen. Frankreich ist ein Zentralstaat, der auf das Machtzentrum Paris ausgerichtet ist. Regionen und Kommunen haben nur begrenzte Kompetenzen. Dass Korsika ein Maß an Autonomie bekommen könnte, ist daher ungewöhnlich. Konkret geht es in dem Reformvorstoß darum, dass die korsische Politik Gesetze aus Paris zunächst anpassen können soll. Auch eigene Vorschriften und gesetzliche Normen soll sie bestimmen können, doch dazu soll später ein eigenes Gesetz folgen. Zudem soll eine historische, kulturelle und sprachliche Inselgemeinschaft anerkannt werden, die einen besonderen Bezug zu ihrem Land hat. Ob damit, wie von korsischen Politikern erhofft, konkrete Vorteile für Korsen auf der Insel folgen könnten, ist unklar. Am Ende der Ära Macron zerbröselt das politische Zentrum in Frankreich. Radikale von rechts und links rangeln um den Einzug in den Élysée-Palast. Die EU halten beide für ein lästiges Übel. Lesen Sie hier  mehr über den französischen Wahlkampfauftakt.