Darmkrebs: Junge Menschen laut neuer Studie häufiger betroffen

Datum23.06.2026 12:21

Quellewww.spiegel.de

TLDRLaut einer neuen Studie steigt die Darmkrebsrate bei jungen Erwachsenen (20-39 Jahre) in Deutschland an, bedingt durch Lebensstilfaktoren wie Adipositas und ungesunde Ernährung. Trotzdem halten Experten eine Senkung des Screening-Alters unter 50 Jahren nicht für sinnvoll, da die Gesamtzahl junger Betroffener gering bleibt und die Effektivität des Programms nicht verbessert würde. Die Mortalität ist in Deutschland stabil, anders als in den USA.

InhaltNeue Daten zeigen einen Anstieg von Darmkrebs bei 20- bis 39-Jährigen in Deutschland. Welche Ursachen dahinterstecken könnten und warum das Screening unter 50 Jahren laut Experten trotzdem nicht sinnvoll ist. In Deutschland erhalten immer mehr junge Menschen die Diagnose Darmkrebs, wenngleich die Zahl deutlich kleiner ist als in den USA. Das zeigen neue Daten, die ein Forschungsteam im "International Journal of Cancer" veröffentlicht hat. Demnach sei vor allem die Gruppe der 20- bis 39-Jährigen betroffen. Ein Großteil des Anstiegs entfalle auf Formen mit vergleichsweise guter Prognose wie kleine oder weniger aggressive Tumoren. Eine mögliche Senkung des Alters für das Darmkrebs-Screening – aktuell ab 50 Jahren – sehen die Expertinnen und Experten deshalb als nicht gerechtfertigt. Experten wie Thomas Seufferlein vom Universitätsklinikum Ulm, der selbst nicht an der Auswertung beteiligt war, schließen sich der Einschätzung an. Allerdings müsse man "die Daten im Blick behalten, um Screeningprogramme rechtzeitig anzupassen", sagt er. Auch Christian Pox vom St. Joseph-Stift Bremen hält eine Änderung derzeit für unnötig und warnt vor einer verringerten Effektivität des Programms bei gleichzeitig höheren Kosten. "Ein viel größerer Effekt könnte erreicht werden, wenn die Teilnahmerate an der gesetzlichen Krebsfrüherkennung bei den Berechtigten von 50 Jahren und älter gesteigert werden würde." Die genauen Ursachen für den Anstieg können auch die neuen Daten nicht erklären. Vermutlich gebe es einen Zusammenhang mit Lebensstilveränderungen ab den Fünfzigerjahren, erläutert das Team um Sven Voigtländer vom Bayerischen Krebsregister in Nürnberg und Hiltraud Kajüter vom Krebsregister Nordrhein-Westfalen in Bochum. "Dazu zählen Adipositas im Kindes- und Jugendalter, Antibiotikaeinnahme, Bewegungsmangel, ungesunde Ernährung und Reproduktionstechnologien, die potenziell zu frühkindlichen physiologischen oder metabolischen Veränderungen führen und das Darmmikrobiom beeinflussen", so die Expertinnen und Experten. Generell hingen Darmerkrankungen mit Faktoren wie Bewegungsmangel und ungesunder Ernährung zusammen. Adipositas stelle einen Zustand chronischer Entzündung dar und gelte als wahrscheinlichste Ursache für den Anstieg der Fälle von frühem kolorektalem Karzinom (Early-Onset Colorectal Cancer, EO-CRC). So wird ein Tumor des Dickdarms (Kolon) oder Mastdarms (Rektum) bezeichnet, der vor dem 50. Lebensjahr diagnostiziert wird. Die Sterblichkeit bei frühem kolorektalem Karzinom sei in den USA zwischen 2004 und 2020 durchschnittlich um 1,2 Prozent pro Jahr gestiegen, heißt es im "International Journal of Cancer" weiter. Diese Entwicklung sei in Deutschland nicht erkennbar, die Mortalität sei nahezu stabil geblieben. Die Wissenschaftler sehen eine mögliche Ursache in einer verbesserten Früherkennung. Für die aktuelle Analyse wertete das Team um Voigtländer und Kajüter Krebsregisterdaten aus neun Bundesländern sowie dem Landkreis Münster – zusammen 46 Prozent der deutschen Bevölkerung – über den Zeitraum von 2003 bis 2023 aus. In der Altersgruppe von 20 bis 49 Jahren wurden kolorektale Karzinome bei 27.568 Menschen erfasst. Eine Senkung des Einstiegsalters für das Darmkrebs-Screening auf 45 Jahre werde durch die Studie nicht gestützt, meinen die Autoren. Die praktikablen, kosteneffektiven Präventionsstrategien seien hierzulande auch längst nicht ausgeschöpft. In einem aktuellen Vergleich der Präventionspolitik von 18 europäischen Ländern belege Deutschland Platz 17. Hinzu komme die trotz des leichten Anstiegs weiter geringe Häufigkeit verglichen mit der von Darmkrebs bei über Fünfzigjährigen. Von durchschnittlich 56.200 neuen Darmkrebs-Fällen einschließlich Appendixkarzinom pro Jahr in Deutschland zwischen 2021 und 2023 waren demnach nur 3000 (5,4 Prozent) früh auftretende. Zum Vergleich: "In den USA werden mittlerweile 14 Prozent aller Personen mit Darmkrebs in einem Alter unter 50 Jahren diagnostiziert", erklärte Seufferlein vom Universitätsklinikum Ulm. Der Beginn des Darmkrebs-Screenings sei in den USA deshalb auf das 45. Lebensjahr herabgesetzt worden. Die Häufigkeit von Darmkrebs über alle Altersgruppen hinweg sinkt in vielen Ländern wie den USA, Kanada und Deutschland seit mehreren Jahrzehnten, wie es in der Studie auch heißt. Experten führen das unter anderem auf die Einführung von Screening-Programmen zurück, mit denen schon Vorstufen erkannt werden. Hinzu kommen Fortschritte in der Therapie. Nach Daten des Statistischen Bundesamtes sank die Zahl der Todesfälle in Deutschland innerhalb von 20 Jahren um 17 Prozent: Starben im Jahr 2003 noch 28.900 Menschen an Darmkrebs, waren es im Jahr 2023 noch 24.100. Menschen mit gestörtem Mikrobiom leiden häufiger unter Übergewicht, Fettleber und Darmkrebs. Lesen Sie hier, worauf es dabei ankommt .