Basketball-Bundesliga: Die unglaubliche Reise des Paul Zipser

Datum23.06.2026 09:33

Quellewww.zeit.de

TLDRDer einstige Top-Basketballer Paul Zipser erlebte eine "unglaubliche Reise", die von der NBA über eine lebensbedrohliche Hirntumor-Operation bis zur Rückkehr in den Profisport führte. Nach seiner NBA-Karriere bei den Chicago Bulls und einer Rückkehr nach München drohte ein Hirntumor seine Karriere und sein Leben zu beenden. Nach erfolgreicher Operation kämpfte er sich zurück und spielt nun in Heidelberg, wobei seine Prioritäten sich auf das Leben statt auf maximale sportliche Leistung verlagert haben.

InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Basketball-Bundesliga“. Lesen Sie jetzt „Die unglaubliche Reise des Paul Zipser“. Paul Zipser hat sich auf eine Bank gesetzt und schaut Enten in einem Wasserbecken zu. Die Sonne scheint an diesem Tag im Heidelberger Stadtteil Bahnstadt, wo früher ein Güterbahnhof lag. Zipser, der einmal einer der besten deutschen Basketballer war, trinkt einen Kaffee und erzählt. Der frühere Nationalmannschaftskollege von Legende Dirk Nowitzki erzählt, wie ihn vor zehn Jahren die Chicago Bulls in die NBA holten, die beste Basketball-Liga der Welt, und wie er vor fünf Jahren auf einmal merkte: "Irgendwas ist komisch." In seinem Kopf saß ein Tumor, so groß wie eine Daumenkuppe. Aber der Reihe nach. Zipser, in Heidelberg aufgewachsen, spielte für den FC Bayern München, als er im Sommer 2016 zum besten Nachwuchsspieler der Bundesliga gewählt wurde. Damals war er auch schon Nationalspieler, ein Jahr zuvor hatte er debütiert und an der Seite von Ikone Nowitzki auch die EM bestritten. Zipser fühlte sich reif für die NBA. Er verfolgte den Draft, also die Auswahl der vielversprechendsten Talente, in der Nacht zum 24. Juni 2016 im Wohnzimmer seiner Eltern, zusammen mit seinen Schwestern Anne und Hellen sowie seiner späteren Frau Mira. "Die NBA ist für jeden Basketballer das Nonplusultra. Aus einem Traum wurde sie für mich ein reelles Ziel." Die New Orleans Pelicans wollten Zipser, allerdings sollte der 2,03 Meter große Flügelspieler erst mal in Europa bleiben. "Ich war so von mir überzeugt. Ich wusste, dass wenn ich irgendwie rüberkomme, werde ich mich auch durchsetzen", erzählt er der Deutschen Presse-Agentur. Dann meldet sich sein Agent: Die Chicago Bulls wollen ihn. Sofort. Ohne den Umweg Europa. Zipser wird in der zweiten Runde an 48. Stelle von dem Verein ausgewählt, mit dem in den 90er Jahren Michael Jordan sechs Meisterschaften gewann. Gefeiert wird am Abend in einer Sporthalle in Schriesheim, wo die Eltern wohnen und seine Schwester Anne ihren Abiball hat. "Ich war brutal glücklich", sagt Zipser. "Die Zeit war super geil." Zipser spielt zwei Jahre in Chicago, er spielt gegen LeBron James, gegen Kevin Durant, gegen Giannis Antetokounmpo. Er hat aber immer wieder mit Verletzungen zu kämpfen. Nachdem die medizinische Abteilung bei ihm einen Ermüdungsbruch im linken Fuß nicht entdeckt, verlässt Zipser frustriert die USA. Nach einer Zwischenstation in Spanien kehrt er zum FC Bayern zurück. Zipser findet in München wieder zu der Form, die ihn bis in die USA geführt hat. "Speziell in dieser Saison vor der Operation habe ich mich so wohlgefühlt auf dem Platz, neben dem Platz und in meinem Körper wie noch nie", sagt er. Die Operation: Das ist der Einschnitt in Zipsers Leben. Seine Bayern spielen gegen Ludwigsburg in den Playoffs um den Einzug ins Meisterschaftsfinale. Vor dem vierten Halbfinalspiel klagt Zipser über plötzliche Kopfschmerzen und Schwindelgefühle. Er glaubt an eine Migräne. Beim morgendlichen Warmwerfen läuft er in Schlangenlinien, ihm wird immer wieder schwarz vor Augen. Sein damaliger Trainer Andrea Trinchieri verzichtet vorsichtshalber auf seinen Star. "Es war, als ob ihn eine unsichtbare Hand aus dem Leben genommen hätte", meint der Italiener später. Längst ist klar: Etwas stimmt mit Zipser nicht. "Ich bin am nächsten Tag völlig zerstört aufgewacht. Meine rechte Gesichtshälfte hat sich taub angefühlt, meine Zunge war pelzig", erinnert er sich. In der Klinik stellen die Ärzte fest, dass in seinem Kopf ein Tumor sitzt, ein sogenanntes Kavernom. Das sind gutartige Gefäßmissbildungen, die in ihrer Struktur einer Maulbeere oder Popcorn ähneln. Allerdings hat das Kavernom bei Zipser eine Blutung verursacht und befindet sich am hochsensiblen Hirnstamm. "Da liegt unter anderem das Zentrum für die Koordination, für die Atmung und das Sehen. Das macht das Ganze so gefährlich", erinnert sich der Leiter der medizinischen Abteilung beim FC Bayern, Sebastian Torka. "Die Operation in dem Bereich ist hochkompliziert, selbst die allerbesten Operateure der Welt kommen da an ihre Grenzen." Der Eingriff dauert länger als geplant. Zipsers Schädel wird hinter dem rechten Ohr geöffnet. Nach rund sechseinhalb Stunden ist Bernhard Meyer, Chef der Neurochirurgie an der Universitätsklinik der TU München, fertig. Wie die Heilung verläuft und wie lange die Genesung dauern kann, all das ist unklar. Mit Rehas kennt sich Zipser aus. Aber der Tumor wirft ihn körperlich aus der Bahn. Nach einer Lungenembolie muss Zipser zwischenzeitlich auch noch auf die Intensivstation. "Ich hatte Probleme mit meiner ganzen rechten Seite. Alleine mit der rechten Hand ins Handy zu tippen, war ultra schwierig." Zipser muss sich vieles wieder aneignen, er selbst spricht von "Auffrischen". Es ist eine Tortur. Die Rückkehr ins Leben ist schon schwer genug, aber die Rückkehr in den Profisport? Anfang März 2022 gibt Zipser tatsächlich sein Comeback. Nach gerade einmal neun Monaten. Beim Einlaufen hört er immer wieder Gesprächsfetzen seiner Schwester Hellen, wie sie ihm Mut zuspricht. Für 15 Sekunden wird er gegen Hamburg eingewechselt. Eine kleine Ewigkeit. "Diese 15 Sekunden sind für mich eine ganze Welt", sagt der damalige Geschäftsführer Marko Pesic. Zipser spielt mittlerweile seit drei Jahren wieder in Heidelberg. Der Spieler von vor seiner Operation ist er nicht mehr. Das kann er auch gar nicht mehr sein. Zipser hat sich von seinem früheren Basketball-Ich verabschiedet. "Ich bin nicht mehr der Athlet von vor der Operation. Es nutzt nichts, sich verbissen daran klammern zu wollen", erzählt er. "Ich habe das alte Bild von mir abgelegt. Ich bin einfach ein anderer Spieler als zuvor." Dieser andere Paul Zipser wird auch in der kommenden Saison für seine MLP Academics Heidelberg auflaufen, nach dem Abstieg aus der Bundesliga allerdings nur noch in der ProA. Seine Prioritäten haben sich ohnehin verschoben: "Das Leben zu leben, steht an erster Stelle, und nicht mehr das Bestmögliche aus meiner Karriere und meinem Körper herauszuholen." © dpa-infocom, dpa:260623-930-266985/1