Datum23.06.2026 05:30
Quellewww.zeit.de
TLDRViele Niedersachsen zögern noch bei der E-Mobilität, da sie Nachholbedarf bei Ladeinfrastruktur und Preisen sehen. Trotzdem sind 24 Prozent interessiert, und 19 Prozent planen einen Umstieg. Experten betonen, dass Infrastruktur und Reichweitenangst heute weniger ein Problem sind. Hauptgründe für den Zögerer sind Anschaffungskosten und mangelnde Lademöglichkeiten, insbesondere für Mieter. Niedersachsen liegt bei öffentlichen Ladepunkten im guten bundesweiten Vergleich, kritisiert werden jedoch die intransparenten und teilweise hohen Preise.
InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Verkehrswende in Niedersachsen“. Lesen Sie jetzt „Warum viele Niedersachsen bei der E-Mobilität noch zögern“. Weiter einen Verbrenner fahren – oder doch auf ein Elektroauto umsteigen? Noch hadern viele Niedersachsen mit einem Wechsel hin zur Elektromobilität, wie eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Oldenburger Energieversorgers EWE zeigt. Nur zwei von zehn befragten Niedersachsen (20 Prozent) nutzen bislang demnach E-Autos überwiegend oder gelegentlich in ihrem Alltag. Vor allem beim Ausbau der Ladeinfrastruktur und den Preisen für E-Autos sehen viele Verbraucherinnen und Verbraucher der Umfrage zufolge Nachholbedarf. Von der Mehrheit der Befragten, die bislang keine E-Fahrzeuge nutzt, geben 19 Prozent an, einen Umstieg in den nächsten zwei bis drei Jahren zu planen. 24 Prozent sagen, sie seien grundsätzlich an Elektromobilität interessiert. Für etwas mehr als ein Drittel der Befragten (36 Prozent) ist Elektromobilität dagegen nach eigener Aussage nicht relevant. Für die von Statista durchgeführte, repräsentative Umfrage wurden zwischen dem 7. und dem 22. Januar insgesamt 1.000 Menschen in Deutschland online befragt – darunter 500 Niedersachsen für landeseigene Werte. Ilker Akkaya, Geschäftsführer der EWE-Mobilitätstochter EWE Go, ist überzeugt, dass die E-Mobilität dennoch stärker in der breiten Masse ankomme. Wichtig sei dafür auch ein besseres Image. Zu lange sei über "Reichweiten-Angst" und eine fehlende Ladeinfrastruktur gesprochen worden, sagt Akkaya der Deutschen Presse-Agentur. "Das ist heute aber kein Thema mehr, wir haben ein sehr engmaschiges Netz an öffentlicher Ladeinfrastruktur und die Akkus der E-Autos werden auch immer leistungsstärker." Diese Einschätzung teilt auch der ADAC in Niedersachsen. "Viele Vorbehalte gegenüber Elektroautos halten sich zwar weiterhin hartnäckig, sind bei modernen Fahrzeugen jedoch häufig nicht mehr zeitgemäß", teilt eine ADAC-Sprecherin mit. Aktuelle Modelle verfügten über bessere Schnellladefähigkeiten und kämen im Alltag auf Reichweiten von 400 bis 500 Kilometern. Allerdings sind viele Befragte der Umfrage zufolge gerade beim Ausbau der Ladeinfrastruktur und den Kaufpreisen für E-Autos skeptisch. Zu den wichtigsten Maßnahmen für eine gelingende Verkehrswende zählen die Niedersachsen demnach den Ausbau des ÖPNV (36 Prozent), Angebote und Preise für Elektrofahrzeuge (31 Prozent) und den Ausbau der Ladeinfrastruktur für E-Fahrzeuge (29 Prozent). Weniger häufig werden etwa autofreie Innenstädte (13 Prozent) oder Carsharing-Angebote (9 Prozent) genannt. Für den Umstieg auf die E-Mobilität sind gerade die Anschaffungskosten laut ADAC ein wichtiger Faktor. Zwar kämen zunehmend günstigere E-Autos auf den Markt, die Preise stellten viele Haushalte aber weiterhin vor eine hohe Hürde, heißt es. Der ADAC geht aber davon aus, dass 2026 in Niedersachsen mehr Elektrofahrzeuge neu zugelassen werden als 2025 (zuletzt waren es 67.874). Als Gründe nennt der Automobilclub die neue Kaufprämie des Bundes für E-Fahrzeuge und die zuletzt gestiegenen Kraftstoffpreise an den Tankstellen. Auch EWE Go-Chef Akkaya sagt, um die Akzeptanz zu steigern, sei es entscheidend, E-Mobilität bezahlbar und alltagstauglich zu machen. "Ein wichtiger Hebel aus meiner Sicht, um noch mehr Niedersachsen zu überzeugen: bezahlbare E-Autos für jeden Geldbeutel." Beim Laden zahle sich ein E-Auto schon aus, so Akkaya. Schon vor dem Iran-Konflikt sei das Laden fast immer deutlich günstiger gewesen als das Tanken eines Verbrenners. Das setzt allerdings voraus, dass eine E-Ladesäule in der Nähe ist. Gerade bei der Ladeinfrastruktur sehen viele Niedersachsen der Umfrage zufolge Nachbesserungsbedarf. 40 Prozent beurteilen sie demnach als eher schlecht oder sehr schlecht, 22 Prozent sehen sie als eher gut oder sehr gut. Unter den Autofahrerinnen und Autofahrern, die schon regelmäßig elektrisch unterwegs sind, wird die vorhandene Infrastruktur dagegen positiver bewertet. Verbesserungsbedarf beim Thema Laden sieht auch der ADAC. E-Mobilität sei besonders für Menschen attraktiv, die regelmäßig auf das Auto angewiesen seien und ihr Fahrzeug zu Hause oder am Arbeitsplatz laden könnten. "Der größte Nachholbedarf besteht daher bei denjenigen, die in Mehrfamilienhäusern oder zur Miete wohnen und keinen eigenen Ladepunkt nutzen können", sagt die ADAC-Sprecherin. Aus Sicht des Verkehrsclubs bräuchte es mehr alltagstaugliche Lösungen – etwa Ladepunkte an Straßenlaternen, Bordsteinkanten oder an Quartiersparkplätzen. Defizite bei der Ladeinfrastruktur sieht die Landtags-CDU vor allem im ländlichen Raum. In einem Flächenland wie Niedersachsen sei das Auto für viele Menschen unverzichtbar, sagt Marcel Scharrelmann, wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion. "Deshalb müssen sie sich darauf verlassen können, jederzeit verlässlich laden zu können." Insgesamt habe die E-Mobilität Fortschritte gemacht – alltagstauglich sei sie aber noch nicht überall. Das Verkehrsministerium in Hannover verweist auf Anfrage auf die rund 20.000 öffentlichen Ladepunkte, die es derzeit nach Angaben der Bundesnetzagentur im Land gibt. Damit liege Niedersachsen im Bundesvergleich im oberen Feld. "Aktuell haben wir in Deutschland mehr Ladepunkte als notwendig", sagt EWE Go-Chef Akkaya. Auch EWE Go biete nach eigenen Angaben mehr Lademöglichkeiten an, als derzeit genutzt würden. Derzeit betreibt das Unternehmen nach eigenen Angaben mehr als 3.000 eigene Ladepunkte. Dennoch sei es richtig, dass die Infrastruktur in Vorleistung gehe, sagt Akkaya. "Wenn die Zahl der Elektrofahrzeuge in den kommenden Jahren weiter steigt, ist die Infrastruktur bereits vorhanden." Fast die Hälfte der Befragten Niedersachsen (47 Prozent) sagen der Umfrage zufolge, günstige Preisen seien der wichtigste Aspekt beim Ladeservice für E-Fahrzeuge. Danach folgen etwa Ladegeschwindigkeit und Erreichbarkeit. Doch gerade an der Preisgestaltung an öffentlichen Ladesäulen gibt es immer wieder Kritik, da es keine einheitlichen Preise gibt. Transparente und günstige Preise seien entscheidend für die Akzeptanz der Elektromobilität, heißt es vom Verkehrsministerium. Der Masterplan Ladeinfrastruktur 2030 der Bundesregierung könne die Transparenz erhöhen und so zu faireren Preisen beitragen, heißt es. "Eine Strompreis-Obergrenze sieht das Land hingegen kritisch, da sie in den Markt eingreifen und Investitionen in den Ausbau der Ladeinfrastruktur bremsen könnte." Auch der ADAC spricht sich für mehr Transparenz aus. "Verbraucher sollten bereits vor dem Ladevorgang klar erkennen können, welche Kosten pro Kilowattstunde entstehen." Idealerweise sollten die Preise direkt an der Ladesäule angezeigt werden, ähnlich wie an einer klassischen Tankstelle. © dpa-infocom, dpa:260623-930-266291/1