Nur Note »mangelhaft«: Jeder dritte Schulweg ist unsicher

Datum15.10.2025 18:56

Quellewww.spiegel.de

TLDREine neue Analyse des ACE-Schulweg-Index zeigt, dass jeder dritte Schulweg für Grundschüler als unsicher gilt, mit vielen Wegen als "mangelhaft" oder "gefährlich" eingestuft. Hauptgründe sind fehlende Zebrastreifen und Ampeln sowie unsicheres Verhalten von Eltern, die ihre Kinder mit dem Auto zur Schule bringen. Nur fünf Prozent der Wege wurden als sicher bewertet. Experten fordern bessere Verkehrsinfrastruktur, mehr Verkehrserziehung und dass Eltern ihren Kindern helfen sollten, selbstständig zur Schule zu gelangen.

InhaltViele Grundschüler müssen unsichere Wege gehen, in einer neuen Analyse häufen sich die Noten "mangelhaft" und "gefährlich". Das liegt auch an fehlenden Zebrastreifen und Ampeln – aber noch mehr am Verhalten der Eltern. Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Für Eltern ist es ein Szenario des Schreckens: Ihre sechsjährige Tochter will kurz vor acht Uhr eine Straße überqueren. Vor ihr ziehen Autos vorbei. Es gibt keine Ampel, keinen Zebrastreifen, nur eine schmale Lücke zwischen geparkten Autos. Das Mädchen macht einen Schritt nach vorn, einen zurück, dann wägt es sich sicher und rennt los – bevor ein Autofahrer hupt und per Vollbremsung vor ihr stehen bleibt. Gerade noch mal Glück gehabt. "Aber ist die Sicherheit unserer Schulwege wirklich eine Frage des Glücks?", fragt Manfred Wirsch, Präsident des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR). Der an diesem Mittwoch von DVR und Auto Club Europa (ACE) präsentierte "ACE-Schulweg-Index" zeigt: Das Beispiel ist fiktiv, entspricht aber dem Alltag vor vielen deutschen Grundschulen. Nur fünf Prozent der bundesweit untersuchten Schulwege erhielten das Prädikat "sicher". Die meisten anderen Wege zu 167 ausgewählten Grundschulen (siehe Karte) bewerteten die Experten immerhin als "in Ordnung". Knapp ein Drittel jedoch schnitt "mangelhaft" ab, sechs Prozent stuften DVR und ACE sogar als "gefährlich" ein. Das liegt zu einem guten Teil am Verhalten von Eltern, die ihre Kinder mit dem Auto zur Schule bringen – oft gerade aus Sorge um deren Sicherheit. In den Index ging die Unfallgefahr ein, die vor Schulbeginn durch solche Elterntaxis ansteigt. Außerdem wurde bewertet, wie die gebaute Infrastruktur der Schulwege hilft, Risiken zu vermeiden. Beides beobachteten 700 Ehrenamtliche des ACE zwischen Anfang April und Ende Juli, jeweils morgens eine halbe Stunde vor Schulbeginn im nahen Umfeld der Schulen. Die Schulen finden sich in allen Bundesländern, wurden aber nicht repräsentativ per Zufallsprinzip ausgewählt – trotzdem böten die Ergebnisse ein vergleichbares Lagebild, sagte der ACE-Vorsitzende Sven-Peter Rudolph, weil die Teilnehmer nach einem einheitlichen Verfahren vorgegangen seien. Mit Blick auf die Elterntaxis erhoben die ACE-Helfer etwa, ob die Autos in Halteverboten oder auf Gehwegen hielten, ob die Kinder auf der Fahrbahn- oder auf der Gehwegseite ausstiegen oder ob die Fahrer gefährliche Wendemanöver hinlegten. Über 6400 Situationen mit Elterntaxis  gingen in die Bewertung ein. In 17 Prozent der Fälle etwa stiegen die Kinder dabei auf der Fahrbahnseite aus – "eine viel zu hohe Zahl", sagte der Projektleiter Falk Hoffmann. Hier könnten die Eltern ihre Kinder dazu anhalten, auf der Gehwegseite auszusteigen, was deutlich sicherer sei. Mit Bezug auf die Infrastruktur wurden beispielsweise verkehrsberuhigte Zonen, Spielstraßen oder Tempo-30-Zonen positiv bewertet. Positiv fiel hierbei auf: Fast alle Grundschulen liegen in 30er-Zonen und so gut wie alle Zufahrten sind beleuchtet. Ausgewiesene Haltestellen für Elterntaxis sind immerhin keine Seltenheit mehr, sie fanden sich an rund einem Viertel der Schulen. Doch acht Prozent der Schulen boten keinerlei Querungshilfe, also keine Ampel, keinen Zebrastreifen, keine Verkehrsinsel. Die laut den Experten sicherste Lösung, eine verkehrsberuhigte Zone oder Spielstraße, fanden die Beobachter nur vor sechs Prozent der Schulen. Regional ergaben sich deutliche Unterschiede: Im Bundesländer-Vergleich schnitten Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen in beiden Kategorien gut ab. Die Schulen in Nordrhein-Westfalen punkteten mit sicherer Infrastruktur – das Land ist Vorreiter bei sogenannten Schulstraßen , also Straßen vor Grundschulen, die morgens und nachmittags für Autos gesperrt werden. Schlechter schnitten Rheinland-Pfalz und das Saarland ab, wo besonders viel Auto gefahren wird. Hier fanden sich dann auch manche der Schulwege, die der ACE als "gefährlich" einstuft – etwa an der Geschwister-Scholl-Grundschule in Kaiserslautern. Die Schule liegt in einer Tempo-30-Zone, doch fehlt eine Fußgängerampel oder ein Zebrastreifen vor der Zufahrt. Von den Elterntaxifahrern verhielt sich nur gut ein Viertel fehlerfrei, vergleichsweise viele wendeten gefährlich. Als die sicherste Schule im Vergleich zeichnet der ACE die Grundschule Grundschöttel in Wetter im Ruhrgebiet aus. Hier fuhren überhaupt nur vergleichsweise wenige Elterntaxis vor, gut neun von zehn fehlerfrei. Es gibt für sie eine feste Haltestelle, ein anderer Bereich der Zufahrt wird mit absolutem Halteverbot freigehalten. Der ACE verband seine Erhebung mit einem Appell: Sicherheit sei machbar. So müsse Verkehrserziehung ein verbindlicher Teil der Lehrpläne sein, jedes Kind müsse lernen, sicher zu Fuß, mit dem Rad, mit Roller oder Bus unterwegs zu sein. Die Kommunen müssten sichere Querungen schaffen und Falschparker konsequent abstrafen . Eltern sollten sich Zeit nehmen, den Schulweg mehrmals mit ihrem Kind zu üben – ihm aber auch früh eine eigenständige Mobilität zutrauen. (Lesen Sie hier , ab wann Kinder laut einem Verkehrspädagogen mit dem Rad zur Schule fahren können.) Ziel müsse ein Szenario sein, sagte DVR-Präsident Wirsch, in dem die anfangs erwähnte Erstklässlerin über breite Gehwege laufen kann und sie die Straße vor ihr über einen Zebrastreifen queren kann. Auch in diesem Szenario hält ein Auto vor dem Mädchen an – aber ohne Vollbremsung und ohne Hupen.