Datum22.06.2026 06:00
Quellewww.zeit.de
TLDRDie Elbvertiefung berichtet über verschiedene Themen in Hamburg. Kurzfristige Zugausfälle aufgrund von Lenkzeiten, geplante Kürzungen bei Schulbegleitungen und Wohngeld, steigende Kosten für die Müllbeseitigung und strengere Geschwindigkeitskontrollen werden thematisiert. Zudem wird von einer Fahrradsternfahrt für bessere Radwege und der Geschichte einer iranischen Cellistin berichtet. Ein Interview zu ADHS an Schulen und eine Diskussionsrunde über Ungarn als Beispiel für autoritäre Entwicklungen runden den Newsletter ab.
InhaltDie Elbvertiefung am Montag – Mit einer iranischen Cellistin, teurem Müll, mehr Blitzern, weniger Schulbegleitungen und Kritik an den geplanten Wohngeldkürzungen vorige Woche saß ich im Regionalzug nach Hamburg, als kurz vor Buchholz in der Nordheide die Durchsage kam, dass wir dort gleich eine Viertelstunde halten würden. Es folgte über die Lautsprecher dann keine der mir vertrauten Erklärungen für den Stopp ("Überholung eines vorausfahrenden Zuges", "belegte Gleise", "Warten auf Anschlussreisende"), sondern folgende Begründung: "Unser Zugführer hat die erlaubte Lenkzeit erreicht und wird 15 Minuten Pause machen." Verächtliche Reaktionen beim Damentrio im Vierer nebenan, das sofort hektische Anrufe nach Lüneburg absetzte: Der Anschluss in Harburg sei keinesfalls zu erreichen, der Ehemann solle bloß noch nicht zum Abholen aufbrechen. Natürlich wollte auch ich möglichst schnell nach Hause und war nicht begeistert von der Information. Aber für den Zugführer — und damit für unsere Sicherheit — es ist ja gut, dass darauf geachtet wird. Man könnte fast sagen: vorbildlich. Würde es in mehr Jobs eine solche Pausenaufsicht geben, wäre vermutlich auch die Akzeptanz für die Zwangsrast des Metronom-Mitarbeiters höher. Und dem würden der eingetupperte Kartoffelsalat und das Trinkpack Durstlöscher viel besser schmecken. Denn mal ehrlich: Wie erholsam kann eine Pause sein, wenn hinter dir 800 zähnefletschende Fahrgäste an ihr Ziel wollen? (Noch dringender, da ihnen durch die defekte Klimaanlage alle paar Sekunden eine Flüssigkeit unbekannten Ursprungs von der Zugdecke auf den Kopf tropft...) Die Damen im Vierer übrigens kamen zu ihrer eigenen Überraschung in Harburg trotzdem weiter. Der Anschlusszug wartete auf sie. So muss man es vermutlich generell sehen im Leben: Wenn du dich nie verspätest, wird nie jemand unverhofft auf dich warten. Kommen Sie gut (und so pünktlich wie möglich) in die Woche. Ihre Viola Diem Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, oder wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Dann schreiben Sie uns eine E-Mail an hamburg@zeit.de. Hamburg will für Schülerinnen und Schüler mit Unterstützungsbedarf nur noch in Ausnahmefällen pädagogische Fachkräfte als Schulbegleitung bewilligen. Stattdessen sollen ab dem kommenden Schuljahr mehr FSJlerinnen und FSJler diese Aufgabe übernehmen, erklärt die Bildungsbehörde. Kritik an dem Vorhaben kam von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und aus der Linksfraktion. Der Verband norddeutscher Wohnungsunternehmen hat sich ablehnend zu den vom Bundesbauministerium angekündigten Wohngeldkürzungen geäußert. Der soziale Abstieg vieler Menschen im Norden würde so beschleunigt, erklärte der Verband. In Hamburg beziehen rund 26.000 Haushalte Wohngeld. 25,1 Millionen Euro hat die Stadt voriges Jahr für die Beseitigung von fast 6.000 Tonnen illegal entsorgtem Müll ausgegeben – etwa 60 Prozent mehr als noch 2020. Die eingetriebenen Bußgelder beliefen sich auf nur rund 674.000 Euro. Die Polizei will härter gegen Temposünder vorgehen. Geplant sind laut Verkehrsdirektion neue Blitzerwägen und mehr Radarsäulen. Noch immer sei die häufigste Unfallursache überhöhte Geschwindigkeit. Auch die Handynutzung am Steuer soll strenger kontrolliert werden. Mindestens 6.500 Teilnehmende haben gestern bei der 13. Fahrradsternfahrt vom Verein Mobil ohne Auto ein Zeichen für bessere Radwege und weniger Autoverkehr gesetzt. Wie in den vergangenen Jahren radelten die Teilnehmenden von mehr als 80 Startpunkten in der Metropolregion bis in die Hamburger Innenstadt. Eigentlich wollte die Musikerin Atena Eshtiaghi den Iran nie verlassen. Sie spielte dort Cello im Nationalorchester und liebt ihre Heimat. Doch dann begannen die gewaltsamen Proteste. Lesen Sie hier einen Auszug ihrer Geschichte, protokolliert von ZEIT-Redakteurin Annika Lasarzik. "Das Cello ist für mich nicht nur ein Instrument. Wenn ich es beim Spielen umarme, fühlt es sich an wie ein Teil meines Körpers. Es hilft mir, Gefühle auszudrücken, für die ich keine Worte finde. Und es ist unglaublich vielseitig. Ich bewege mich zwischen europäischer und persischer Klassik, arbeite mit Jazz und elektronischer Musik und komponiere Filmmusik. In all diesen Welten hat das Cello seinen Platz. In meiner Familie waren Musik und Kunst immer präsent. Ich bin in Teheran aufgewachsen, in einem kleinen Haus mitten in der Stadt. Bis zur Iranischen Revolution war mein Vater Regisseur einer beliebten sozialkritischen Fernsehserie, danach wurde er Maler. Meine Mutter ist eigentlich Schauspielerin und gab später Gesangsunterricht, eine meiner beiden älteren Schwestern ist Pianistin. Als ich zehn Jahre alt war, schickten mich meine Eltern auf eine Musikschule. Eigentlich wollte ich dort Klavier lernen, doch der Kurs war schon voll. Dann sah ich ein Cello, es lehnte in einem der Musikräume an der Wand, und ich verliebte mich sofort. Das Instrument war damals größer als ich. Ich weiß noch, wie die Leute auf der Straße lachten, wenn ich es auf dem Heimweg durch Teheran auf dem Rücken trug. Zu Hause habe ich jeden Tag stundenlang in meinem Zimmer geübt, am liebsten nachts, zwischen ein und fünf Uhr, wenn die ganze Stadt still war. Ich liebe den Klang des Cellos, weil er dem der menschlichen Stimme nahekommt; es kann singen, klagen, flüstern, es klingt mal tröstlich, mal rau und dunkel. Schnell wurde klar, dass ich Talent hatte und dass es für mich nicht bei einem Hobby bleiben würde. Meine Familie hat mich immer unterstützt, einmal verkaufte mein Vater sogar sein Auto, damit er mir ein besseres Cello kaufen konnte. Der berühmte iranische Instrumentenbauer Ebrahim Ghanbari Mehr hat es angefertigt, ich spiele es bis heute." Wie die Regeln und Repressionen im Iran später Eshtiaghis Leben prägten und woran sie nun in Hamburg arbeitet, lesen Sie weiter in der ungekürzten Fassung. → Zum Artikel (Z+) Das Problem ist nicht das ADHS, das Problem ist die Schule Sagt der Hamburger Neurodiversitätsforscher André Frank Zimpel. Er hat auch Ideen, wie man das Problem löst. Lesen Sie hier das Interview, das Jeannette Otto und Martin Spiewak mit ihm führten → Zum Interview (Z+) Morgen Abend lädt die Freie Akademie der Künste zu einer Diskussion unter dem Titel "Das Ringen um Demokratie: Ungarn als Beispiel" ein. Wie konnte sich ein EU-Staat in ein autoritäres System verwandeln – und was lässt sich daraus für Europa lernen? Die Autorin Petra Thorbrietz beschreibt in ihrem Buch "Wir werden Europa erobern! – Ungarn, Viktor Orbán und die unterwanderte Demokratie" den langfristigen, systematischen Umbau der ungarischen Demokratie. Im Gespräch geht es auch um die Frage, wie eine Rückabwicklung dieser Strukturen nach der Wahl im April gelingen könnte und ob Orbáns Ungarn als eine Blaupause für Rechtspopulisten in Deutschland gelten kann. Thorbrietz diskutiert mit Christoph Twickel, Journalist und Autor von ZEIT:Hamburg. "Das Ringen um Demokratie: Ungarn als Beispiel", 23.6., 19 Uhr; Klosterwall 23; Tickets gibt es hier Kürzlich radelte ich mit einer Freundin an der Elbe entlang Richtung Blankenese. Kurz vor dem Abzweig Mühlenberg machten die Arbeiter einer Baustelle gerade Pause. Einer rief uns hinterher: "Schön hier in Büsum, nä?" Gehört von Susanne Hartig Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren.