Datum20.06.2026 13:05
Quellewww.spiegel.de
TLDRBoliviens Präsident Rodrigo Paz Pereira hat nach über siebenwöchigen, wirtschaftlich lähmenden und todesursächlichen Protesten den Ausnahmezustand verhängt. Das Militär soll den freien Verkehr wiederherstellen. Auslöser waren die Streichung von Treibstoffsubventionen und die daraus resultierende Wirtschaftskrise. Die Proteste dehnten sich wegen hoher Lebenshaltungskosten aus und werden von Gewerkschaften sowie dem Umfeld des ehemaligen Präsidenten Evo Morales unterstützt. Paz Pereira beschuldigte Morales der Kooperation mit den Demonstranten.
InhaltSeit mehr als sieben Wochen lähmen Straßenblockaden das Land, Millionen Menschen waren von der Außenwelt abgeschnitten. Nun plant Rodrigo Paz Pereira mithilfe des Militärs durchzugreifen. Nach wochenlangen Protesten gegen die bolivianische Regierung hat Präsident Rodrigo Paz Pereira den Ausnahmezustand verhängt. Der marktliberale Politiker kündigte den Schritt am frühen Samstagmorgen in einer Rede an die Nation an. Er reagierte damit auf seit 50 Tagen anhaltende Straßenblockaden, die die Wirtschaft des südamerikanischen Landes nahezu zum Stillstand gebracht und zu mehreren Todesfällen geführt haben. Paz Pareira sagte mit Blick auf die Blockaden, er habe den Streitkräften befohlen, "den freien Verkehr wiederherzustellen, die Kontrolle über die Straßen zurückzugewinnen und die Sicherheit der Bevölkerung zu gewährleisten". Sollten die Protestierenden die Blockaden fortsetzen, würden sie es "mit der vollen Härte des Gesetzes" zu tun bekommen. Mit der Verhängung des Ausnahmezustands kann das Militär im Land verstärkt eingesetzt werden, um Blockaden zu räumen. Die Proteste richten sich gegen die schwierige Wirtschaftslage, steigende Lebenshaltungskosten und Reformvorhaben der konservativen Regierung. Paz Pareiras Wahlsieg hatte Ende 2025 eine fast zwei Jahrzehnte währende Ära linker Regierungen beendet. Der Konflikt hatte im Mai mit einem Streik begonnen und sich mit darauffolgenden Straßensperren zu einer schweren Krise ausgeweitet. Zeitweise waren La Paz und angrenzende Gebiete, in denen rund zwei Millionen Menschen leben, von der Außenwelt abgeschnitten. Die Blockaden führten zu langen Schlangen an Tankstellen sowie erheblichen Engpässen bei Lebensmitteln und Medikamenten. Nach Angaben der bolivianischen Ombudsstelle kamen mindestens 14 Menschen ums Leben. Darunter waren Patienten, die wegen der versperrten Straßen nicht rechtzeitig in Krankenhäuser gebracht werden konnten. Auslöser der Proteste war die überraschende Streichung langjähriger Treibstoffsubventionen, mit der der neue Präsident das Haushaltsdefizit verringern wollte. Dies geschah vor dem Hintergrund eines zunehmenden Devisenmangels und laufender Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF). Zwar ergriff die Regierung später Maßnahmen, um die Treibstoffpreise zu stabilisieren und unpopuläre Landreformen zurückzunehmen. Dennoch weiteten sich die Proteste aus. Die Demonstranten fordern Schritte gegen die hohen Lebenshaltungskosten und den Rücktritt des Präsidenten. Hinter der Protestbewegung stehen neben Gewerkschaften auch Gruppen aus dem Umfeld des ehemaligen Präsidenten Evo Morales. Nach der Einigung mit der Gewerkschaft COB hatte Präsident Paz Pareiera noch am Freitag von einem Hoffnungsschimmer gesprochen. Auch COB-Chef Mario Argollo erklärte, die Einigung könne helfen, die Lage zu beruhigen. Doch Vertreter der ländlichen Bevölkerung waren an den Verhandlungen nicht beteiligt. Sie setzen ihre Straßenblockaden fort. Der Präsident hatte den Demonstranten zwar Gespräche angeboten. Gleichzeitig bezeichnete er sie aber als "Drogenterroristen", die nach seinen Worten mit dem früheren linksgerichteten Präsidenten Evo Morales unter einer Decke steckten. Gegen Morales, der von 2006 bis 2019 Staatschef war, gibt es Vorwürfe des Menschenhandels und des sexuellen Missbrauchs einer Minderjährigen. Er hält sich in der Region Chapare versteckt und konnte sich einer Festnahme bisher entziehen. In der vergangenen Woche hatte die Regierung erstmals seit knapp 20 Jahren wieder ein Abkommen mit den USA zur gemeinsamen Bekämpfung von Drogenbanden unterzeichnet. Darin sei vorgesehen, dass die USA bolivianische Sicherheitskräfte im Kampf gegen Drogen ausbilden und ausrüsten, wie die US-Botschaft in La Paz am Dienstag mitteilte. 2008 hatte Morales die Beziehungen zu den USA abgebrochen und die Beamten ihrer Anti-Drogen-Behörde DEA des Landes verwiesen.