Vogelschutz: Rettungsinseln für bedrohte Zugvögel

Datum20.06.2026 05:06

Quellewww.zeit.de

TLDRKünstliche Brutinseln wurden für bedrohte Flussseeschwalben in den Groß Schauener Seen geschaffen, da natürliche Brutplätze durch Flussbegradigungen verschwanden. Diese Inseln, finanziert durch Spenden, bieten Schutz vor Raubtieren und ermöglichen erfolgreiches Brüten. Die Beringung der Küken liefert wichtige Daten für den Artenschutz und zeigt Erfolge bei der Bestandsverbesserung.

InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Vogelschutz“. Lesen Sie jetzt „Rettungsinseln für bedrohte Zugvögel“. Aufgeregt kreisen Flussseeschwalben mit ihrem weißen Gefieder und dem markanten schwarzen "Hut" über einer Brutinsel in den Groß Schauener Seen. Unter ihnen huschen ihre Küken mit plüschigem, grau gesprenkeltem Daunenkleid über den kiesigen Boden. Das schrille Rufen der eleganten Vögel begleitet eine besondere Aktion: die Beringung ihres Nachwuchses. Ornithologe Tim Funkenberg und sein Helfer, der ehrenamtliche Vogelberinger Hartmut Haupt, sind mit einem Fischerboot auf der künstlichen Insel gelandet. Routiniert greifen sie die Küken und setzen sie in eine Kiste. Alles geht schnell, jeder Handgriff sitzt. Haupt schätzt das Alter der Tiere und befestigt an einem Bein einen winzigen Aluminiumring mit individueller Nummer. "Das ist wie ein Personalausweis", sagt Funkenberg, Gebietsbetreuer der Groß Schauener Seen bei der Heinz Sielmann Stiftung. Anschließend steckt er die Jungvögel einzeln in einen kleinen Papptrichter und wiegt sie. Manche sind erst fünf Tage alt und nur 40 bis 50 Gramm leicht, ältere Tiere bringen mit rund zwei Wochen bereits etwa 120 Gramm auf die Waage. An diesem Tag werden 43 Küken markiert. Melanie Wagner vom Naturpark Dahme-Heideseen notiert die Daten jedes einzelnen Tieres – die Aktion ist eine Kooperation von Stiftung und Naturpark. Es ist bereits der vierte Sommer, in dem die stark gefährdete Vogelart hier erfolgreich brütet. Die ersten beiden Inseln brachte die Stiftung gemeinsammit der Fischerei Köllnitz und der Naturwacht 2023 aufs Wasser. Im März hat die Stiftung zwei weitere Brutinseln zu Wasser gelassen. Die Kosten von rund 30.000 Euro seien hauptsächlich aus privaten Spenden finanziert worden, erklärt Katja Benke, Sprecherin der Sielmann-Natur-Erlebniszentren Brandenburg. Insgesamt gibt es nun vier Plattformen. "Im vergangenen Jahr haben wir rund 50 Jungvögel beringt", sagt Funkenberg. Die Flussseeschwalbe gilt als elegante Fliegerin mit spitz zulaufenden Flügeln, gegabeltem Schwanz und rotem Schnabel. Häufig ist sie beim Fischfang zu beobachten: Aus dem Flug stürzt sie steil ins Wasser, um kleine Beute zu ergreifen. "Wir haben hier große Wasserflächen und einen großen Fischreichtum – ideale Bedingungen", so Funkenberg. Gleichzeitig mangelt es an natürlichen Brutplätzen. "Flussseeschwalben legen ihre Eier nicht in Nester, sondern direkt auf vegetationsarmen Kies", erklärt Katja Benke. "Früher nutzten sie Sandbänke – doch durch Flussbegradigungen sind viele dieser Lebensräume verschwunden." Die Art steht auf der Roten Liste. Neben fehlenden Nistplätzen gefährden auch Wassertourismus, Raubsäuger wie Fuchs, Waschbär und Marderhund sowie Konkurrenz durch Lachmöwen den Bestand. Die künstlichen Inseln sollen diesen Mangel ausgleichen. Sie bestehen größtenteils aus Aluminium; glatte Ränder verhindern das Hinaufklettern von Räubern. Kleine Holzdächer schützen die Küken zusätzlich vor Angriffen aus der Luft. Mit Sand und Kies befüllt, bieten die Plattformen geeignete Brutbedingungen. "Dass die Flussseeschwalben die Inseln Jahr für Jahr annehmen, ist für uns ein großer Erfolg", sagt Funkenberg.  "Seit den 1990er Jahren hat sich der Bestand in Brandenburg etwa verdoppelt – vor allem dank solcher künstlichen Brutinseln", sagt der Ornithologe. Damals gab es weniger als 300 Brutpaare, inzwischen sind es bundesweit rund 9.000, zwei Drittel davon an der Nordseeküste. Weitere Vorkommen gibt es an der Ostsee und im nordostdeutschen Tiefland. In der Groß Schauener Seenkette wurden zuletzt etwa 23 bis 25 Brutpaare gezählt. Anfangs hatten sich die Vögel laut Melanie Wagner auf einem alten Kahn angesiedelt und dort ihre Eier abgelegt. Die heutigen Brutinseln böten jedoch deutlich bessere Bedingungen als das schwankende Deck eines Bootes. Auch andernorts in Brandenburg gibt es kleinere Kolonien, etwa in der Uckermark, an der Oder, am Ritzer See, in der Nuthe-Nieplitz-Niederung oder an Bergbauseen der Niederlausitz. Neben der Sielmann-Stiftung engagieren sich auch andere Organisationen wie etwa die Stiftung NaturSchutzFonds Brandenburg oder der Naturschutzbund mit Brutinseln für die Vögel.  Die Beringung liefert wichtige Erkenntnisse für den Artenschutz. "Der einzelne Ring ist nur der Anfang. Sein Wert entsteht über Jahre", erklärt Funkenberg. Erst viele Rückmeldungen ermöglichten Aussagen über Alter, Zugwege und Gefahren für die Tiere. Jeder Ring wird in einem zentralen Register der Vogelwarte Hiddensee erfasst. Taucht ein Tier später andernorts wieder auf, lässt sich zurückverfolgen, woher es stammt, welche Zugrouten es nimmt und wie alt es wird. Noch sind die Jungvögel auf der Insel geschützt. Mit etwa vier Wochen werden sie flügge. Im Spätsommer brechen sie als Langstreckenzieher zu ihrem ersten Zug nach West- und Südafrika auf. Für Helfer Hartmut Haupt ist der Einsatz mehr als reine Datenerhebung: "Sie sind faszinierende Vögel – vor allem ihre soziale Art und ihr Leben in Kolonien", sagt er. Ganz ohne Gefahren bleibt es jedoch nicht: "Hier macht ihnen der Wanderfalke zu schaffen. In Sachsen hat ein Uhu Brutinseln wiederholt leer geräumt." Die Heinz Sielmann Stiftung betreut seit 2001 rund 1.200 Hektar im NaturparkDahme-Heideseen südöstlich von Berlin. Die Seenlandschaft ist Heimatfür viele, teils seltene Arten wie den Fischotter, den Moorfrosch, dieGroße Rohrdommel ebenso wie die Flussseeschwalbe. Eine Ausstellungauf dem Gelände des Naturguts Köllnitz und ein Naturlehrpfad zeigen dieSchätze dieser Naturlandschaft. Wer die Flugkünstler beobachten möchte, hat am Anleger der Fischerei Köllnitz gute Chancen. Neben Flussseeschwalben lassen sich dort auch Rot- und Schwarzmilan, Lachmöwen und zahlreiche andere Vogelarten entdecken. © dpa-infocom, dpa:260620-930-253006/1