Datum19.06.2026 20:18
Quellewww.zeit.de
TLDRDer Artikel kritisiert die Ungleichverteilung von Geld und Aufmerksamkeit zwischen den Generationen. Ältere, etablierte Menschen, insbesondere Männer mittleren Alters aus der Mittelschicht, werden von Unternehmen und Dienstleistern umschmeichelt, während junge Menschen oft mit negativen Nachrichten und steigenden Kosten konfrontiert sind. Der Autor sieht darin eine Form der indirekten Geringschätzung, bei der finanzielle Interessen im Vordergrund stehen.
InhaltEgal, wie luschig man sich verhält, als Mann Mitte 50 wird man ständig umgarnt. Zwei Dinge sind zwischen Jung und Alt falsch verteilt: Geld und Aufmerksamkeit. Neulich habe ich wieder Post von Irma Clavier bekommen. Die Dame mit dem schönen Namen schreibt mir oft, und immer wählt sie warme Worte. Mal berichtet sie, wie sich Winzerfamilien im Rheingau, in Frankreich oder Georgien ins Zeug gelegt haben, um mir eine Freude zu bereiten. Mal lädt sie mich zu einer abendlichen Weinprobe ein. Mal liegt bei ihr ein Geschenk für mich bereit. Obwohl ich auf ihre Briefe nicht reagiere und nie zu einer Weinprobe erschienen bin, gibt Irma Clavier nicht auf. Sie ist nie enttäuscht, sondern schreibt und schmeichelt mir weiter mit Engelsgeduld. Mir ist schon klar, dass Frau Clavier als Leiterin des örtlichen Jacques’ Weindepot ihre Briefe an Hunderte Kunden schickt und dass irgendwelche Marketing-Experten in der Zentrale jeden Satz vorformulieren. In dieser Wertschätzung steckt eigentlich Geringschätzung, ganze Abteilungen voller Wortakrobaten interessieren sich für mein Geld statt für mich. Im fortgeschrittenen Alter von 54 Jahren ist mir das bewusst. Im fortgeschrittenen Alter von 54 Jahren kommt mir angesichts der ganzen Schmeichelpost, die ich nicht nur von Frau Clavier erhalte, allerdings immer öfter auch dieser Gedanke: Irgendwie sind zwei wichtige Ressourcen in unserer Gesellschaft – vor allem zwischen den Generationen – falsch verteilt. Nämlich Kapital und Aufmerksamkeit. Es ist ja zum Beispiel so, dass man sich eine Vierzimmerwohnung in der Regel erst leisten kann, wenn die Kinder schon wieder ausgezogen sind. Oder dass man mit Mitte 50 selbst bei luschigstem Verhalten umworben und gelobhudelt wird, sofern man wie ich mindestens zur Mittelschicht gehört. Irma Claviers Weindepot etwa besuche ich höchstens dreimal im Jahr, um mich für irgendwelche Feiern zu rüsten. Dass ich jedes Mal Rebsorten durcheinanderbringe, mir noch nicht mal merken kann, ob es sich bei Gewürztraminer um Rot- oder Weißwein handelt, dass sich bei mir überhaupt kein Lernerfolg einstellt, hätte mir als Schüler Blaue Briefe eingebracht. Frau Clavier verzeiht mir alles. Dazu unterbreitet die Sparkasse mir geduldig Investment-Vorschläge, statt meine Trägheit im Finanzbereich zu tadeln oder mich still als hoffnungslosen Fall abzuhaken. Mein Stromanbieter, ökologisch, schickt Jahr für Jahr eine Urkunde, auf der vermerkt ist, wie viel CO₂ ich der Atmosphäre erspart habe. (Je höher mein Verbrauch, desto mehr!) Globetrotter, SportScheck und ein Kaffeelieferant schreiben mir im Ton Schwerstverliebter, sie würden mich vermissen. Geld regiert die Welt, logisch, it’s the economy, stupid, einverstanden. Doch auch Logik hat manchmal Folgen, die man unlogisch finden kann, ungerecht noch dazu: Unsere Kinder bekommen heute in jedem zweiten Schulfach erklärt, dass die Welt untergeht, dass wir – also auch sie – mit unserem Konsum, unseren Reisen, unseren Handys, unserem Ressourcenverbrauch verantwortlich sind für Ausbeutung, globale Ungleichheit und Klimakrise, was alles stimmt. Wir Erwachsenen als Hauptverursacher des ganzen Schlamassels kriegen allerdings nicht die Leviten gelesen. Wir erhalten Tankrabatt, Pendlerpauschale und Spendenquittungen, auf denen uns für ein paar Euro mit Misereor-Kulleraugen-Optik gedankt wird, im Namen von Familien auf versinkenden Inseln, die jedes Recht hätten, uns zuzurufen: "Euretwegen sitzen wir in der Scheiße." Das ist angenehm und zugleich irgendwie irre. Wer noch zur Schule geht, wird täglich beguckt und bewertet, wird schriftlich geprüft, soll sich mündlich beteiligen und leserlich schreiben. Für alles gibt’s Noten. Wer studiert, gilt zwar als Zukunftsversprechen – aber auch als Kostenfaktor, siehe Bafög. Doch ist man schließlich zum Diesel-Dieter geworden, wird man als Kunde umschmeichelt und als Wähler von den Söders, Kubickis und Aiwangers gegen jede kritische Beurteilung verteidigt. Kommt es nur mir so vor, dass es wir Erwachsenen sind, die gerade ziemlich bemuttert werden? Vor allem die Etablierten unter uns? Vielleicht stimmt nicht nur, dass it the economy is, sondern auch, dass der Teufel auf den größten Haufen scheißt. Es ist naiv, aber doch eine kurze Fantasterei wert, sich zu fragen: Was wäre, wenn man das umdreht? Wenn all die Formulierungskünstler, die ihre Arbeitskraft für Irma Clavier vom Weindepot verwenden, einmal die Zeugnisse für unsere Kinder schreiben, Behördenpost ins Verständliche übersetzen, Briefe vom Jobcenter formulieren und Reden des Kanzlers gegenlesen würden, bevor er sie hält? Dann wären Steuerbescheide eventuell mit Farbfotos und dem Hinweis versehen, was für eine "wunderbare Kindertagesstätten-Kreation" durch die Abgabe möglich wird. Dann würden sich Arbeitslose womöglich "vermisst" statt als Last fühlen. Dann hätten die Millionen Jugendlichen, die sich während der Pandemie nicht treffen durften, mittlerweile Dankesurkunden für ihren Verzicht und ihre Vernunft erhalten. Haben sie nicht, es bleibt eine Fantasterei. Das Glück der milden Ansprache, alles verbale Wohlwollen, wird weiter Leuten wie mir zuteil, einem Mann Mitte 50, mindestens Mittelschicht. Wobei: Vor Kurzem lag die erste Broschüre für Essen auf Rädern im Briefkasten.