Datum19.06.2026 20:10
Quellewww.zeit.de
TLDRAndy Burnham siegte deutlich bei der Nachwahl in Makerfield und stärkt seine Position als Herausforderer für Labour-Chef Keir Starmer. Burnhams Erfolg wird als Zeichen für mangelndes Vertrauen in Starmer interpretiert. Mögliche Szenarien umfassen eine Kabinettsumbildung mit starkem Posten für Burnham, ein formelles Führungsrennen oder ein Rücktritt Starmers. Burnhams "Manchesterism" könnte übertragbar, aber auf nationaler Ebene fraglich sein.
InhaltDer Labour-Politiker Andy Burnham zieht mit einem klaren Sieg im nordenglischen Makerfield ins britische Parlament ein. Viele sehen in ihm den künftigen Premierminister. Ein Triumph für Labour – und gleichzeitig ein schwerer Schlag für den Labour-Premier Keir Starmer. So lässt sich das Ergebnis bei der Nachwahl zum Parlament gestern im nordenglischen Makerfield zusammenfassen. Ein Triumph ist es, weil der Labour-Kandidat Andy Burnham entgegen den meisten Umfragen mit 55 Prozent der Stimmen eine klare absolute Mehrheit einfahren konnte. Damit stoppte der Noch-Bürgermeister von Manchester den Siegeszug der neurechten Reform UK, die zuletzt bei Lokalwahlen reihenweise einstige Labour-Stammsitze übernommen hatte. Die Partei von Nigel Farage kam nur auf 35 Prozent, ihre rechtsradikale Konkurrenzpartei Restore Britain auf 7 Prozent. Einen schweren Schlag bedeutet das Ergebnis zugleich für Keir Starmer, weil es zeigt: Viele Wählerinnen und Wähler trauen dem volksnahen, menschlich zugänglicheren Andy Burnham sehr viel mehr politische Strahlkraft und Führungsstärke zu. Den rund 75.000 Wählerinnen und Wählern in Makerfield war völlig klar, dass es bei dieser Wahl darum ging, Burnham mit jenem Parlamentssitz auszustatten, den er braucht, um Starmer zu stürzen. Jetzt, so die allgemeine Erwartung, wird der "König des Nordens", wie Burnham auch genannt wird, gen Süden ziehen, um Starmer, dem Premier von der traurigen Gestalt, den politischen Todesstoß zu versetzen. Aber wie, und vor allem wie schnell, könnte das geschehen? "Ich werde dafür sorgen, dass Makerfield für immer das Synonym dafür sein wird, den Wandel herbeigeführt zu haben, den das Land braucht", verkündete Burnham in seiner Siegesrede. "Und meiner Partei sage ich: Das ist die letzte Chance auf Veränderung. (…) Eine zweite Chance wird es nicht geben." Einerseits ist das eine klare Kampfansage. Andererseits gab Burnham als sein wichtigstes Ziel aus, Großbritannien von einer Spaltung zu bewahren, wie sie die Vereinigten Staaten erlebt haben. Die Message lautete also: Der Hauptgegner heißt nicht Keir Starmer, sondern Nigel Farage. So bleibt nach Burnhams großem Erfolg noch ein Spektrum von Möglichkeiten offen – sowohl für ihn selbst wie für Starmer. Möglichkeit eins: Eine Kabinettsumbildung und eine langsame Machtübergabe. Sobald Andy Burnham in der kommenden Woche ins Unterhaus einzieht, könnte der Premierminister ihn offensiv umarmen. Starmer hat bereits gesagt, dass er sich einen "großen Kabinettsposten" für Burnham vorstellen könnte. Denkbar wäre in dieser Variante auch, dass Starmer mit Burnham eine gleitende Machtübergabe vereinbart – eine ähnliche Art des parteiinternen Führungswechsels, wie sie sich in den 2000er Jahren von Tony Blair zu seinem Rivalen Gordon Brown vollzog. So ließe sich eine öffentliche Selbstzerfleischung einer Partei vermeiden, die in den Augen der Bevölkerung ohnehin schon ein desaströses Bild abliefert. Möglichkeit zwei: Burnham lehnt einen Kabinettsposten ab und forciert den Machtwechsel. Um sich in einer Urwahl der Parteimitglieder als Kandidat für den Vorsitz (und damit auch für das Premierministeramt) bewerben zu können, müsste er zunächst die Unterstützung eines Fünftels der Labour-Abgeordneten gewinnen, das wären 81 Stimmen. Diese Anzahl dürfte ihm sicher sein. Es stünde aber voraussichtlich noch mindestens ein weiterer Kandidat bereit: Wes Streeting, bis vor Kurzem Gesundheitsminister. Politisch ist er eher rechts von Burnham zu verorten. Eine Kandidatur nicht ausgeschlossen hat außerdem Al Carns, der in der vergangenen Woche als Rüstungsstaatssekretär zurückgetreten ist. Carns gehört zum rechten Flügel der Partei, er beklagt unter anderem, dass die Regierung zu viel Geld für Sozialleistungen ausgebe und zu wenig für die Verteidigung. Alle Bewerber mit dem Rückhalt eines Fünftels der Fraktion könnten bei der anschließenden Urwahl durch die Parteimitglieder antreten. Der Amtsinhaber Keir Starmer wäre automatisch ebenfalls Kandidat. Starmer hat schon mehrfach klar gesagt, dass er sich diesem Wettkampf tatsächlich aussetzen würde. Wie schnell das Verfahren anlaufen könnte, ist noch unklar. Am 16. Juli beginnt die sechswöchige parlamentarische Sommerpause. Es stellt sich also die Frage, ob die Partei sich und dem Land mitten im Sommer einen Führungskampf zumuten will. Ende September hält Labour den jährlichen Parteitag ab. Auch dies könnte die Gelegenheit für einen Coup bieten. Möglichkeit drei: Keir Starmer gibt auf und tritt zurück. Er vermittelt zwar nicht den Eindruck, dass dies zu erwarten sei. Aber er könnte dazu gezwungen werden, falls in den nächsten Tagen weitere Minister ihren Rückzug aus seinem Kabinett verkünden. Am wahrscheinlichsten erscheint derzeit die zweite Möglichkeit, ein offizielles Kandidatenrennen. Doch selbst wenn es dazu käme, wäre Zurückhaltung angebracht bei Voraussagen über den künftigen Premier. Burnham ist zwar als Regionalpolitiker in Nordengland außerordentlich beliebt. Aber die Politik, die ihn im Großraum Manchester populär gemacht hat, lässt sich kaum aufs ganze Land übertragen. Burnhams "Manchesterism" (wie schon der seiner Vorgänger), bestand darin, durch eine kluge Kombination staatlicher und privater Investitionen das Wachstum in der Stadt zu beleben. Noch im Januar erklärte Burnham, man dürfe sich als Politiker eben nicht vor den Kapitalmärkten "beugen". Nur: Die Kapitalmärkte sagen immer deutlicher, dass sie den Wachstumsperspektiven des hoch verschuldeten Vereinigten Königreichs misstrauen; die Kreditkosten für langfristige Staatsanleihen langen im Mai so hoch wie zuletzt 1998. "Manchesterism" ohne Geldströme, das wird kaum gehen. Ein Kandidatenrennen wäre in der Tat eine öffentliche Selbstzerfleischung. Aber aus der Sicht eines Premiers, dem ohnehin nur noch der Mut der Verzweiflung bleibt, wäre es auch eine Gelegenheit. Starmer könnte sich ein paar Wochen lang auf das konzentrieren, was ihm bisher kaum gelingt: kämpferisch zu kommunizieren, was seine Regierung erreicht hat. Unter anderem die Erfolge bei der Eindämmung der Migration können sich sehen lassen, ebenso Starmers starke außenpolitische Rolle. Wenn Starmer die nächsten Tage durchhält, könnte er sich mit Burnham ein echtes, lohnendes Duell liefern.