Datum19.06.2026 19:43
Quellewww.spiegel.de
TLDRDie Bundeswehr erwägt, Soldaten zur Dienstleistung in der Litauen-Brigade zu verpflichten, da Freiwilligenzahlen zu gering sind. "Einsatzbereitschaft geht im Zweifel vor Freiwilligkeit", so ein Ministeriumssprecher. Dies stellt eine Kehrtwende dar, da Minister Pistorius und Inspekteur Breuer ursprünglich auf Freiwilligkeit setzten. Trotz umfangreicher Werbemaßnahmen bleiben in kritischen Bereichen wie IT und Aufklärung erhebliche Lücken bestehen, die nun durch Verpflichtung geschlossen werden sollen.
InhaltDie Bundeswehr schließt nicht aus, Soldaten für die Kampfbrigade im Baltikum zu verpflichten. Noch vor wenigen Monaten widersprach die Truppe SPIEGEL-Informationen, wonach zu wenig Freiwillige für den Einsatz bereitstünden. Die Bundeswehr hat Probleme, Soldaten für die Litauen-Brigade zu gewinnen. Nun heißt es von einem Sprecher des Verteidigungsministeriums in der "Welt": "Einsatzbereitschaft geht im Zweifel vor Freiwilligkeit". Auch Heeresinspekteur Generalleutnant Christian Freuding stellt "verpflichtende Maßnahmen" in Aussicht: "Oberstes Ziel aus Sicht des Heeres ist es, die volle Einsatzbereitschaft der Brigade Litauen im kommenden Jahr zu erreichen", zitiert ihn die "Welt" . "Dazu werden wir am leitenden Prinzip der Freiwilligkeit festhalten – und dort, wo erforderlich, auch um verpflichtende Maßnahmen ergänzen." Das solle demnach im Dialog mit den Betroffenen geschehen. Für Minister Boris Pistorius und seinen Generalinspekteur Carsten Breuer ist der Kursschwenk eine empfindliche Niederlage. Als die beiden im Jahr 2023 überraschend mitteilten, gut 5000 Soldatinnen und Soldaten dauerhaft in Litauen zu stationieren, legten sie sich gleichzeitig fest, dass man ausreichend Freiwillige für den Einsatz findet. Eine verpflichtende Beorderung, die überall in der Nato der Standard ist, wollten Pistorius und Breuer unbedingt vermeiden. Als der SPIEGEL Anfang des Jahres enthüllte , dass die Zahl der Freiwilligen für die Litauen-Mission weit unter den Erwartungen lag, übte sich das Haus von Pistorius in Vorneverteidigung. Statt die Tatsachen anzuerkennen, die in internen Papieren schonungslos geschildert wurden, sprach das Ministerium von Zwischenständen, die nicht aussagekräftig seien. Der Minister selbst verbreitete immer wieder die Linie, man werde es schon schaffen. Parallel lief im Heer eine der größten Werbekampagnen überhaupt an. Soldaten mit Litauen-Erfahrung wurden in einer Art Tour durch die Kasernen der Republik geschickt. Dort versuchten sie, ihren Kameraden die Mission an der Nato-Ostflanke schmackhaft zu machen. Zudem flog die Bundeswehr hunderte Soldaten und ihre Familien mit Militärtransportern ins Baltikum, wo sie die neuen Kasernen oder die extra errichtete Schule inspizieren konnten. Die aufwendige Werbemaßnahme zeigte durchaus Wirkung: Zwar werden die genauen Zahlen über die Freiwilligen für Litauen sorgsam geheim gehalten. Aus dem Heer erfuhr der SPIEGEL jedoch, dass es besonders bei gut ausgebildeten Soldaten, vor allem im Bericht IT-Technik, der ABC-Abwehr, bei den Aufklärern und in den Unterstützungsverbänden bis heute noch erhebliche Lücken gibt. Sollten diese bis Herbst nicht geschlossen sein, will die Bundeswehr die Freiwilligkeit aufheben. Laut mehreren Soldaten, die wegen des internen Drucks um Anonymität baten, liegen die Zahlen in den Mangelbereichen teilweise unter 50 Prozent. Betroffen sind vorrangig Mannschaftssoldaten, bei den Offizieren gibt es deutlich mehr Freiwilligenmeldungen. Das Problem lässt sich jedoch durch eine Verpflichtung für die Litauen-Mission nicht lösen: In Bundeswehrkreisen hieß es, dass besonders IT-Fachleute in der ganzen Truppe fehlten. Werden die wenigen, die derzeit in Deutschland dienen, nun nach Litauen geschickt, fehlen sie an der Heimatfront.