Datum18.06.2026 19:38
Quellewww.spiegel.de
TLDRDie "Praxis ohne Grenzen" in Hamburg versorgt Menschen ohne Krankenversicherung, darunter auch Schwangere und Einwanderer. Die Finanzierung aus städtischen Notfallfonds droht zu versiegen, was die Praxis vor immense Schwierigkeiten stellt. Ärztin Cosima Vieth appelliert mit einem offenen Brief an die Hamburger Regierung, die medizinische Versorgung sicherzustellen, da ehrenamtliche Hilfe staatliche Strukturen nicht ersetzen könne. Die Stadt verweist auf geplante Mittelerhöhungen und andauernde Beratungen.
InhaltÄrztin Cosima Vieth behandelt in der "Praxis ohne Grenzen" nichtversicherte Menschen. Nun steht die Finanzierung auf der Kippe, Vieth appelliert an die Hamburger Regierung. Ein Besuch bei einer Frau, die nicht aufgibt. Bis um die Ecke reicht die Schlange. Schwangere Frauen stehen dort, ein Mann sitzt auf seinem Rollator. In einer Stunde beginnt in einem Gewerbegebiet in Hamburg-Eidelstedt die offene Sprechstunde der "Praxis ohne Grenzen". Mehr als 40 Menschen warten vor der Tür. "Ich bin seit acht Uhr hier", sagt jemand, der relativ weit vorn steht. Die "Praxis ohne Grenzen" behandelt jeden Mittwoch Menschen ohne Krankenversicherung. Sie sind aus dem Ausland, ohne geklärte Aufenthaltsgenehmigung, oder Deutsche, die aus verschiedenen Gründen, etwa Privatinsolvenz, aus ihrer Versicherung gefallen sind. Doch bald könnte diese Versorgung nicht mehr gesichert sein. Für Cosima Vieth, 77, Gynäkologin im Ruhestand, ehrenamtliche Mitarbeiterin in der "Praxis ohne Grenzen " und Vorstandsmitglied, sind sie vor allem: Menschen. Vor Beginn der Sprechstunde zeigt sie in den Praxisräumen einen Ausdruck der Deklaration von Genf, dem ärztlichen Gelöbnis. "Darauf habe ich mich verpflichtet", sagt Vieth. Der vierte Punkt: Ich werde nicht zulassen, dass Erwägungen von Alter, Krankheit oder Behinderung, Glaube, ethnischer Herkunft, Geschlecht, Staatsangehörigkeit, politischer Zugehörigkeit, Rasse, sexueller Orientierung, sozialer Stellung oder jeglicher anderer Faktoren zwischen meine Pflichten und meine Patientin oder meinen Patienten treten. Vieth trägt Jeansjacke und Rock, farblich abgestimmt auf ihre blauen Augen. Wenn sie energisch über ihren Beruf und die Not der Menschen spricht, die sie medizinisch versorgt, klingen die jahrzehntelange Berufserfahrung und die Motivation, Ärztin zu werden, durch. Seit 2015 arbeitet sie ehrenamtlich in der Praxis, die 2014 von Peter Ostendorf gegründet wurde. Die Mitarbeiter nennen ihr Haus "eine ambulante Poliklinik", bis auf die Psychiatrie sind Fachrichtungen von Chirurgie über Pädiatrie bis Zahnheilkunde vertreten. Die Patienten dürfen anonym bleiben, sie müssen ihren Namen, ihre Geschichte nicht erzählen. "Oft ist bei deutschen Patienten viel Scham dabei", sagt Cosima Vieth. Die Praxis kann dem Ansturm der Menschen nicht gerecht werden. Schon jetzt nicht. Und nun steht sie vor zwei gravierenden Problemen. Viele Menschen ohne Krankenversicherung und ohne gesicherten Aufenthaltsstatus sowie EU-Bürger in Hamburg wenden sich an die "Clearingstelle Gesundheitsversorgung Ausländer*innen" des Flüchtlingszentrums Hamburg. Dort wird zunächst geprüft, welchen Aufenthaltsstatus die Betroffenen haben und ob ein Krankenversicherungsschutz besteht. Anschließend wird entschieden, ob eine medizinisch notwendige Behandlung finanziert werden kann. Die Kosten wurden bislang aus dem Notfallfonds der Stadt Hamburg getragen. Auf diese Weise konnten viele Patientinnen und Patienten niedergelassene Ärztinnen und Ärzte aufsuchen. Andere wurden in der "Praxis ohne Grenzen" behandelt, die ebenfalls Gelder aus dem Fonds erhielt. Doch seit Mitte Mai ist bekannt, dass nicht ausreichend nachfinanziert wird. Das Netzwerk "Medinetz Hamburg" schreibt am 17. Juni in einer Pressemitteilung: "Beim diesjährigen Antrag auf Aufstockung wurden die benötigten 500.000 Euro unerwartet nicht bewilligt." Die bewilligte Teilsumme reiche gerade noch, um bestehende Rechnungen zu begleichen. Cosima Vieth ist fassungslos. "Wir haben das von der Clearingstelle erfahren, nicht von der Stadt. Mit uns spricht man nicht, obwohl wir betroffen sind", sagt sie. In der vergangenen Woche haben sie insgesamt 139 Patienten behandelt, mehrere mussten sie wegschicken. Deswegen sendet Cosima Vieth am 18. Juni einen offenen Brief an Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher: "Ehrenamt kann staatliche Strukturen ergänzen. Nicht ersetzen", heißt es darin. Ein Punkt darin ist ihr ein dringendes Anliegen: "Diese Menschen verschwinden nicht aus unserer Stadt, wenn die Finanzierung endet. Sie bleiben krank, sie benötigen Behandlung, Medikamente, Diagnostik und in vielen Fällen eine kontinuierliche medizinische Begleitung. Wird ihnen diese Versorgung verwehrt, verschlechtert sich nicht nur ihr Gesundheitszustand – langfristig steigen auch die gesellschaftlichen und finanziellen Folgekosten." Mit dem offenen Brief möchten ihre Mitstreiter und sie erreichen, dass die Unsichtbaren der Stadt, die sie jede Woche zu Hunderten vor ihrer Praxis in Reihe stehen sehen, eine angemessene medizinische Versorgung erhalten können. Das zweite Problem der Praxis betrifft die Versorgung von schwangeren Frauen. "Im Oktober 2025 gab es eine Änderung für nicht versicherte Schwangere durch die Politik. Vorher war es so, dass Schwangere mit ungesichertem Aufenthalt anonym bleiben und sich sechs Wochen vor der Entbindung melden konnten. Sie waren geduldet und versichert, dadurch konnten sie in Ruhe entbinden, die medizinische Versorgung war gewährleistet", sagt Vieth. Welche Folgen die Verlegung einer Hochschwangeren haben kann, musste eine Patientin von Cosima Vieth 2010 erleben. Vieth war damals niedergelassen und behandelte vereinzelt Patientinnen auf eigene Kosten. Die Patientin hatte eine Duldung beantragt, sie wurde innerhalb Norddeutschlands in verschiedene Unterkünfte gebracht. Vor einer Verlegung meldete sie sich mit Beschwerden, "keiner hat sie erhört", sagt Vieth. Am nächsten Tag wurde sie mit dem Bus in eine neue Unterkunft gebracht. "Die Patientin hatte einen Blasensprung", sagt Vieth. Als die Frau schließlich ins Krankenhaus kam, war ihr ungeborenes Kind tot. Nach dem Vorfall erhielten Hochschwangere zunächst ein befristetes Bleiberecht. In der Gynäkologie ist Vieths erste Patientin heute eine junge Schwangere aus Osteuropa. Sie ist mehrfache Mutter und in Begleitung einer Dolmetscherin, eine Seltenheit, erzählt Vieth nach dem Gespräch. Nun schaut Vieth beim Sprechen ihre Patientin an, nicht die Dolmetscherin. Stellt ihr freundliche Fragen, bevor sie eine Ultraschall-Untersuchung macht. "Jetzt wird es kurz kalt und nass", sagt sie vor dem Auftragen des Gels, ein kleiner Satz aus jahrzehntelanger Praxisarbeit, aufmerksam ausgesprochen. Konzentriert blickt sie auf das Gerät, spricht dabei mit ruhiger Stimme mit der jungen Frau. Die Frau geht lächelnd aus dem Raum. Danach sitzt Vieth mit Peter Ostendorf, 87, zusammen. Der ehemalige Chefarzt des Marienkrankenhauses hat die Praxis vor zwölf Jahren gegründet . 60.670 Patienten habe man hier behandelt, allein in diesem Jahr bis Mai knapp dreitausend, bis Ende des Jahres werden es sechstausend sein. Die meisten Patienten stammen aus Ghana, Rumänien und Deutschland, sagt Ostendorf, die häufigsten Untersuchungen würden mit Schwangerschaften zusammenhängen. "Für uns ist das eine Katastrophe", sagt Ostendorf über die Kürzungen, "vor allem ist das für diese Frauen eine Katastrophe. Wir können keinerlei Anträge mehr an die Clearingstelle stellen", sagt Ostendorf. "Auch die Kosten für die größeren Operationen schaffen wir nicht", sagt Vieth. Die Praxis finanziert sich hauptsächlich durch Spenden. "Wir haben einen Bedarf von 450.000 Euro im Jahr, die muss ich erst mal eintreiben", sagt Ostendorf. Sie wissen nicht, wie chronisch kranke Patienten nun ohne die Hilfe der Clearingstelle ihre Medikamente zahlen sollen. "Es ist die Politik, die das regelt. Aber wir als Ärzte sind in einer Verantwortung. Wir tragen Verantwortung, ärztliche Hilfe zu leisten. Wenn wir Patienten wegschicken müssen und an der nächsten Ecke jemand umkippt, werden wir belangt, nicht die Stadt", sagt Cosima Vieth, "das ist unverantwortlich". Als sie 2015 ins Team von Peter Ostendorf einstieg, war ihre Bedingung: "Ich mache mit, wenn wir politisch etwas bewirken können. Wir müssen uns selbst abschaffen." Jetzt kämpft sie mit dem offenen Brief darum, dass Nichtversicherte weiter behandelt werden können. Die "Praxis ohne Grenzen" kommt finanziell jetzt schon an ihre Grenzen. Auf Anfrage des SPIEGEL teilt die Stadt Hamburg mit, dass die Mittel für den Notfallfonds in den vergangenen Jahren kontinuierlich von knapp 350.000 EUR im Jahr 2024 auf bislang 700.000 EUR für 2026 erhöht wurden, die Sozialbehörde "im engen Austausch mit der Clearingstelle und den Gesellschaftern des Flüchtlingszentrums" stehe. Und im Übrigen seien "die diesbezüglichen Überlegungen noch nicht abgeschlossen". "Während die Stadt überlegt", sagt Cosima Vieth "bekommen wir den Patientenansturm nicht bewältigt und müssen Menschen wegschicken."