Datum17.06.2026 03:08
Quellewww.zeit.de
TLDRDie Bundeswehr plant eine Zunahme von Tierversuchen bis 2029, um Soldaten in Notfallmedizin auszubilden. Dies begründet das Verteidigungsministerium mit der Komplexität der Fragestellungen und der veränderten geopolitischen Lage. Tierschutzrichtlinien würden strikt eingehalten, obwohl konkrete Zahlen aus Staatswohlgründen geheim sind. Kritiker fordern einen Ausstiegsplan.
InhaltSeit Jahren setzt die Bundeswehr Ratten, Esel und Schweine ein, um Soldaten für Notfälle auszubilden. Die Forschung an Tieren wird laut Verteidigungsministerium zunehmen. Die Bundeswehr will in den nächsten drei Jahren verstärkt Tiere und Tierversuche einsetzen, um Soldaten für Notfälle auszubilden. Tierversuche gibt es bei der Bundeswehr seit Jahrzehnten – etwa um Erkenntnisse zur Behandlung verletzter Soldatinnen und Soldaten zu sammeln. In Zukunft erwartet das Bundesverteidigungsministerium mehr Projekte, in denen Tiere verwendet oder getötet werden. "Aufgrund der hohen Komplexität der Fragestellungen und vor dem Hintergrund der veränderten geopolitischen Lage ist bis zum Jahr 2029 mit einem Anstieg entsprechender Forschungsvorhaben zu rechnen", zitierte die Nachrichtenagentur dpa aus einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der Linksfraktion. Die Rheinische Post hatte zuerst darüber berichtet. Das Ministerium verwies darauf, dass die gesetzlichen Vorgaben zum Tierschutz bei den Tierversuchen strikt eingehalten würden. Zudem würden Leitlinien verfolgt, die darauf abzielen, Tierversuche zu ersetzen, weniger Versuchstiere zu verwenden und bei ihnen Schmerzen und Stress zu minimieren. Konkrete Zahlen zu Versuchstieren in den Jahren 2020 bis 2025, nach denen die Linkspartei gefragt hatte, würden jedoch "im Hinblick auf das Staatswohl" als Verschlusssache gewertet, teilte das Ministerium demnach mit. Nach früheren Angaben des Ministeriums gab es 2019 knapp 400 Versuchstiere in Einrichtungen der Bundeswehr, vor allem Ratten. Demnach erprobten Mediziner beispielsweise mithilfe von Mäusen Therapieansätze bei Hautverletzungen, sie untersuchten Folgeschäden von Nierenverletzungen am Schwein und übten chirurgische Maßnahmen an Mäusen, Ratten und Meerschweinen. In die Zahlen fallen auch Diensthunde, die bei Lehrgängen zur Ersten Hilfe zum Einsatz kommen sowie Esel und Maultiere in Lehrgängen für Tierärzte. In den vergangenen Jahrzehnten wurden jährlich jeweils einige Hundert Versuchstiere erfasst. Nach früheren Tierschutzberichten der Bundesregierung lagen die Zahlen bis in die 90er Jahre deutlich über 1.000, Mitte der 80er waren es jeweils mehrere Tausend Versuchstiere. Die schwarz-rote Bundesregierung hat angesichts internationaler Kriege und Konflikte ein historisches Finanzpaket für die Bundeswehr geschnürt. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) legte im April 2026 zudem erstmals eine umfassende Militärstrategie vor, die einen Aufwuchs der Bundeswehr auf 460.000 Soldaten vorsieht – mehr als doppelt so viele wie die derzeit rund 185.000 aktiven Kräfte. Die Parlamentarische Geschäftsführerin der Linken, Ina Latendorf, kritisierte, dass das Ministerium mehr Tierversuchsprojekte erwartet. "Anstatt mehr Tierversuche in der Bundeswehr bräuchte es einen konkreten gesamtgesellschaftlichen Ausstiegsplan und ein sofortiges Verbot von schweren Tierversuchen", sagte Latendorf der Rheinischen Post. Schwere Versuche sind solche, bei denen Tiere starken Schmerzen, Leiden oder Ängsten ausgesetzt sind. Das Ministerium schreibt: "Aktuell sind keine Tierversuche mit höherem Schweregrad geplant." Vor allem in der medizinischen Forschung werden Tiere immer noch häufig eingesetzt. Die meisten werden für die Grundlagenforschung und angewandte Forschung genutzt, andere für Qualitätskontrollen und Giftigkeitsprüfungen. Insgesamt geht die Zahl der Versuchstiere in deutschen Jahren aber seit mehreren Jahren zurück. 2024 wurden laut einer offiziellen Statistik des Bundesinstituts für Risikobewertung rund 1,9 Millionen Tiere für Tests verwendet oder gar getötet.