Nicole Büttner: FDP-Generalsekretärin zwischen KI-Unternehmen und Parteirettung

Datum23.11.2025 10:55

Quellewww.spiegel.de

TLDRNicole Büttner, die neue Generalsekretärin der FDP und erfolgreiche KI-Unternehmerin, hat die herausfordernde Aufgabe, die Partei nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag zu revitalisieren. Trotz ihrer Innovationsideen bleibt die FDP in Umfragen schwach, und die Mitglieder zeigen Ungeduld. Büttner, die auch ihr Unternehmen in Teilzeit führt, steht unter Druck und hat bereits Zweifel an ihrer Rolle gespürt. Während einige ihre Ansätze schätzen, bleibt der Erfolg der FDP bis zur Landtagswahl im nächsten Jahr ungewiss.

InhaltDie erfolgreiche KI-Unternehmerin Nicole Büttner will nebenher die FDP vor dem Untergang bewahren. Doch die Ungeduld in der Partei ist groß. Kann das funktionieren? An einem Freitag im Herbst steht Nicole Büttner in einem Aachener Hotel und erhält etwas Rares: ein Kompliment. Rund 40 FDP-Mitglieder sitzen im Raum "Remscheid", sie wollen die neue Generalsekretärin kennenlernen, eine Stunde lang geht es hin und her. Nun sagt ein junger Mann: "Mich haben Sie überzeugt." Er glaube, Büttner könne der Partei "ein freundliches Gesicht geben – das hat in den vergangenen Jahren nicht immer funktioniert". Die besten Romane 2025 Welche Bücher sind die wichtigsten des Jahres? Unsere Jury stellt 20 belletristische Werke vor und die Gewinnerin des SPIEGEL-Buchpreises. Lesen Sie unsere Titelgeschichte, weitere Hintergründe und Analysen im digitalen SPIEGEL. Nicole Büttner hat eine heikle Mission übernommen. Sie soll nichts weniger als die FDP retten, sie nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag wiederbeleben. Kann das funktionieren? Büttner, 40, ist eine erfolgreiche KI-Unternehmerin, sie hat zwei kleine Kinder und lebt mit ihrer Familie in der Schweiz. Ihre Partei will sie quasi in Teilzeit retten – und gemeinsam mit Parteichef Christian Dürr dafür sorgen, dass die Freien Demokraten bei der nächsten Bundestagswahl wieder ins Parlament einziehen. Büttner ist eine Expertin für künstliche Intelligenz, die aus ihrem Beruf neue Ideen für die Freien Demokraten mitbringt. Eine Seiteneinsteigerin, die ein persönliches Risiko eingeht. Aus FDP-Sicht klingt das erst mal nach einem Match. Parteichef Dürr sagt, er hätte sich selbst "geprügelt, wenn ich Nicole Büttner nicht zur Generalsekretärin gemacht hätte". Dass sie nebenher ihr Unternehmen Merantix Momentum weiterführt, war Teil der Vereinbarung. Doch das Narrativ ist das eine, die Realität das andere. Die FDP liegt in bundesweiten Umfragen um die drei Prozent. Bei den Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen wurde sie abgestraft. Die Ungeduld vieler Mitglieder ist groß. Und wenn man sich in der Partei umhört, wachsen nach einem halben Jahr im Amt auch die Zweifel an der neuen Generalsekretärin. Öffentlich hat FDP-Vize Wolfgang Kubicki sie schon mehrfach angezählt. Beispielsweise mit der Aufforderung im "Handelsblatt", Büttner müsse "ihre Scheu vor öffentlichen Auftritten ablegen". Ein Freitagabend im September, im Esslinger Neckar Forum treffen sich die Jungen Liberalen (JuLi), der FDP-Nachwuchs, zum Bundeskongress. Im Foyer gibt es Waffeln, im Saal Turnhallenatmosphäre. "Das ist mein erster JuLi-Kongress als Generalsekretärin", sagt Büttner am Rednerpult. "Ich habe mir gewünscht, unter anderen Umständen hier zu stehen." Sie sieht müde aus. Wer sie in diesem Herbst begleitet, erlebt eine Frau am Limit. Dafür steht auch der Husten, den sie einfach nicht loswird. Büttner hustet permanent. "So langsam nervt mich das wirklich", sagt sie. Seit ihrer Wahl zur Generalsekretärin im Mai arbeitet Büttner mal in der FDP-Zentrale, mal auf dem Merantix-Campus in Berlin-Mitte, oft ist sie allerdings unterwegs in der Republik oder außerhalb Deutschlands. Entweder macht Büttner Termine für die Partei oder für die KI. Es ist ein irres Pensum, das viele an ihre Grenzen bringen würde. An diesem Freitag hat sich Büttner zunächst in Berlin um ihr Unternehmen gekümmert, ist dann nach Stuttgart geflogen, hat sich dort mit Start-up-Vertretern getroffen, danach mit FDP-Mitgliedern und wurde schließlich von einer Mitarbeiterin der Landespartei im Auto zu den JuLis nach Esslingen kutschiert. Im Gegensatz zu ihren Vorgängern bekommt die Generalsekretärin keine Limousine und keinen Fahrer gestellt. Die gerupfte Partei muss sparen. Der Parteinachwuchs ist eigentlich ein dankbares Publikum. Viele JuLis konnten mit der Christian-Lindner-FDP schon lange nichts mehr anfangen, die meisten hier im Neckar Forum wünschen sich eine andere Partei. Aber Büttner kann nicht punkten. Im Saal wird es immer lauter, während sie spricht, irgendwann mahnt das Tagungspräsidium zur Ruhe. Sie stehe für "liberalen Tiefgang statt Oberflächlichkeit", sagt die Generalsekretärin, die Antworten der FDP müssten künftig "Substanz haben". Dann nimmt Büttner eine Formulierung des Vorsitzenden Dürr auf, der die Liberalen als "Partei der radikalen Mitte" neu verorten will. Aber was das heißen soll, kann auch sie nicht erklären. Es ist eine Rede voller Phrasen. Der Beifall ist dünn. Bevor Büttner im Mai zur Generalsekretärin gewählt wurde, kannte sie in der Politik außerhalb der baden-württembergischen FDP kaum jemand. Im Südwesten kandidierte Büttner 2016 für den Landtag und 2019 für das Europaparlament, jeweils ohne Erfolg. Sehr viel bekannter war ihr Name in der deutschen Start-up- und Techszene. Mit Merantix Momentum gründete Büttner 2019 ein Unternehmen, das Beratung im Bereich künstliche Intelligenz anbietet. Sie saß im Vorstand des deutschen Start-up-Verbands, das Magazin "Capital" zählte Büttner zweimal zu den "Top 40 unter 40". Sie studierte an der Wirtschafts-Eliteschmiede St. Gallen und in Stanford, anschließend arbeitete Büttner bei einem Hedgefonds. Ihr Mann war bis vor Kurzem Partner bei McKinsey, in der Schweiz kennt man sie als Jurorin und Investorin der dortigen TV-Show "Höhle der Löwen". Ihre Mutter, eine Hebamme, stammt aus Jamaika, der Vater ist ein deutscher Arzt. Von ihrer Mutter habe sie gelernt, was es heiße, sich nach dem Positiven zu strecken, sagt Büttner. "Das gibt mir die Kraft." Ihr Abitur machte sie als Jahrgangsbeste der Europäischen Schule in Karlsruhe. Die ARD hat Anfang des Jahres eine aufwendige Dokumentation über Büttner gezeigt, in der Reihe "Moneymaker". Darin sprach sie auch über ihr Aufwachsen im badischen Langensteinbach: "Ich hatte immer das Gefühl, ich kann alles machen, was ich machen möchte", so Büttner. Das habe ihr ein "Urvertrauen in die Welt gegeben". In der Doku bezieht sich das auf ihren unternehmerischen Mut. FDP-Generalsekretärin Büttner Aber nun bezieht es sich ebenfalls auf ihre Mission in der Politik. So ist auch zu erklären, warum sich Nicole Büttner als Seiteneinsteigerin in Teilzeit zutraut, die FDP aus dem Loch zu holen. Warum sie nicht lange nachdenken musste, als ihr Parteichef Dürr das Amt anbot. "Ich kann über mich hinauswachsen", sagt Büttner. Hinzu kommt etwas anderes. Für sie sei es schon sehr wichtig, "dass eine gewisse Sinnhaftigkeit ist in dem, was ich tue", sagt Büttner. Auch das hat offenbar mit ihren Eltern zu tun, insbesondere der Mutter. Sie kam, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, aus der Karibik ins Badische – und habe sofort begonnen, sich um andere zu kümmern, erzählt ihre Tochter. Das hat sie geprägt. Der Job als FDP-Generalsekretärin gehört, zumindest aus Büttners Sicht, in die Kategorie "Sinnhaftigkeit". Aber sicher und wohl fühlt sie sich in der Welt der künstlichen Intelligenz. Ende September trifft sich ein Teil der Branche im Filmtheater "Colosseum" im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Büttner ist als Keynote-Sprecherin eingeladen. Als sie auf die Bühne tritt, gibt es zunächst ein technisches Problem, statt ihrer vorbereiteten Präsentation erscheint die ziemlich unübersichtliche Oberfläche von Büttners Laptop. "Jetzt seht Ihr plötzlich meinen messy Desktop", sagt sie lässig in ihr Headset-Mikrofon. Gelächter im Saal, die Atmosphäre ist freundlich und zugewandt. Im weiteren Verlauf spricht Büttner souverän über "KI-Trends, Applikationen und Geschäftsmodelle der Zukunft". Ganz anders tritt Büttner wenige Tage später im Foyer des Hans-Dietrich-Genscher-Hauses auf. Da steht sie als FDP-Generalsekretärin auf einem kleinen Podium, neben sich Parteichef Dürr, und soll über den Grundsatzprogramm-Prozess der Liberalen berichten. Aber ihr Vortrag ist schwerfällig. Als sei sie selbst nicht ganz überzeugt von dem, was sie sagt. Nach einem halben Jahr im Amt hat Büttner selbst festgestellt, wie mühsam diese Mission ist. "Die Partei selbst dringt auf Veränderungen", sagt sie bei einem Gespräch im Oktober. Das hat Büttner offenbar unterschätzt. Und wohl auch, dass sie es kaum jemandem recht machen kann. FDP-Vize Wolfgang Kubicki Die Fehleranalyse unter der Überschrift "Was ist bei uns Freien Demokraten in den letzten zehn Jahren schiefgelaufen?", die sie gemeinsam mit Christian Dürr hat erarbeiten lassen, erscheint einem Teil der Partei als zu rückwärtsgewandt. Andere finden den Plan von Dürr und Büttner, bis Mitte nächsten Jahres ein neues Grundsatzprogramm erarbeiten zu lassen, als zu langwierig. Und dann auch noch mithilfe von KI? Parteivize Kubicki bewertete das in der "Welt am Sonntag" so: "Künstliche Intelligenz ersetzt keine eigene." Büttner hat sich vorgenommen, solche Unverschämtheiten zu ignorieren. Aber dass sie ihr nicht helfen, Sicherheit in der neuen Rolle zu gewinnen, liegt auf der Hand. "Wenn man eine Unternehmerin als Generalsekretärin wählt, bekommt man eine Unternehmerin", sagt Büttner. Sie möchte sich nicht dafür rechtfertigen, dass nur ein Teil ihrer Ressourcen der FDP gilt. Weil Büttner findet, dass sie und die arg dezimierte Truppe in der Parteizentrale dennoch eine Menge leisten. Büttner möchte sich auch nicht dafür rechtfertigen, dass sie mit ihrer Biografie für ein bisschen Disruption – Achtung: ein liberales Lieblingswort! – in der Parteizentrale sorgt. Dazu gehört, dass die Einsendungen zum Grundsatzprogramm mithilfe von KI ausgewertet werden. Auch wegen solcher Innovationen hat der Parteichef sie gewollt. Zur Wahrheit gehört aber ebenso, dass Christian Dürr keine große Auswahl hatte. Welche andere Frau – und eine Generalsekretärin sollte es diesmal in jedem Fall sein – hätte sich in der aktuellen Lage auf den Job eingelassen? Dürr habe zuvor mehrere Absagen kassiert, erzählt man sich in der FDP. Die Start-up-Expertin Büttner aber hatte keine Angst vor dem Scheitern. "Persönlichkeiten, die zuvor in der Wirtschaft tätig waren, schärfen oftmals den Blick, prüfen, ob man Sachen nicht ganz anders machen müsste", sagt Henning Höne, FDP-Chef in Nordrhein-Westfalen. "Genau das tut Nicole Büttner, dafür bin ich ihr dankbar." Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Präsidiumsmitglied und Vorsitzende der FDP-Delegation im Europaparlament, sagt über die Generalsekretärin: "Wir müssen ihr die Gelegenheit geben, dass sie die guten Ideen, die sie im internen Prozess zur Erneuerung der FDP einbringt, auch erfolgreich umsetzen kann." Selbst Parteivize Kubicki äußert sich neuerdings freundlich über Büttner. "Sie hat ihre Rolle inzwischen gefunden", sagt er. "Im Team des Präsidiums leistet sie hervorragende Arbeit." Der Neuaufbau der Partei sei "kein Sprint, sondern ein Marathon", sagt Strack-Zimmermann. Sie kann sich gut daran erinnern, wie lange die Freien Demokraten nach dem verpassten Einzug in den Bundestag 2013 brauchten, um wieder auf die Beine zu kommen. Wie schwer sich der neue Vorsitzende Lindner und seine Generalsekretärin Nicola Beer seinerzeit taten. Vier Jahre später gelang der Wiedereinzug ins Parlament. Dieses Mal benötigt die Partei jedoch rascher ein Erfolgserlebnis, das weiß auch die neue Generalsekretärin. Im März 2026 wird im Südwesten gewählt: Sollte die FDP in ihrem Stammland Baden-Württemberg den Wiedereinzug schaffen, ist erst mal ein wenig Ruhe. Scheitert sie auch hier an der Fünfprozenthürde, dürfte nicht nur Büttner wackeln, sondern auch Parteichef Dürr. Mitte September feiert die Wirtschafts-Lobbyorganisation "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" ihren 25. Geburtstag im Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Nicole Büttner soll in einer Diskussionsrunde über den Zustand und die Reformfähigkeit der sozialen Marktwirtschaft sprechen. Sie sagt auch an diesem Nachmittag überraschungsfreie Sätze. Sätze, die von Ex-Parteichef Lindner stammen könnten. Aber bei den Wirtschaftslobbyisten hört man sie gern, was auch an der Enttäuschung über die schwarz-rote Regierung liegt. Wenn Büttner bemängelt, "wir weichen unbequemen Debatten aus", oder wenn sie sich wünscht, öfter "ins Risiko zu gehen", erhält die FDP-Generalsekretärin freundlichen Beifall. Wenigstens hier ist sie als Politikerin angekommen.