Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Hauptschule, Kfz-Lehre, Kunst: Zu Besuch bei dem Maler Martin Scholten

Datum16.06.2026 06:00

Quellewww.zeit.de

TLDRDer Artikel stellt den Maler Martin Scholten vor, der nach einer Lehre als Kfz-Mechaniker und in der Altenpflege zurabstractionistischen Malerei fand. Seine Ateliers sind ungewöhnlich aufgeräumt. Weiterhin wird die Phototriennale "Alliance, Infinity, Love – in the Face of the Other" in den Deichtorhallen beleuchtet, die Vielfalt und Selbstbehauptung thematisiert, und die Mathematik hinter dem WM-Ball "Trionda" erklärt.

InhaltDie Elbvertiefung am Dienstag – Mit viel Kunst, einer geplanten Gesinnungsüberprüfung und einer balltechnischen Fußball-Analyse wenn er Gäste in seinem Atelier empfängt, dann reagieren sie oft enttäuscht, sagt der Maler Martin Scholten. Ich muss gestehen: Das kann ich verstehen. Denn so ein Atelier ist ja das Allerheiligste in der Kunst. Was hier passiert, ist magisch. Den Alchemisten ist es nicht gelungen, Blei in Gold zu verwandeln, doch in den Hexenküchen der Künstler ist es mehr als einmal gelungen, aus profanen Materialien (Pinsel, Farbtuben, …) Werke von unschätzbarem Wert zu schaffen. Unweigerlich denke ich an kreatives Chaos und an Szenen, wie sie die Fotografin Martha Holmes im Atelier von Jackson Pollock festhielt: Der genialische Maler mit der Farbdose in der einen Hand, dem Pinsel in der anderen und Spritz! Platsch! Wieder ein Meisterwerk! Martin Scholten, ein freundlicher Mann mit Glatze und Vollbart, malt abstrakt, so viel hat er mit Pollock gemein. Doch sein Atelier an der Stresemannstraße in Altona ist … sehr aufgeräumt. Weiße Wände, weiße Decke, weißer Boden. Nirgends auch nur ein Klecks. "Beim Malen den Boden mit Farben vollzuspritzen, das ist, wie wenn der Kraftfahrzeugmechaniker beim Ölwechsel keine Wanne unters Auto stellt", sagt Scholten. "Mich würd’s wahnsinnig machen." Scholten weiß, wovon er spricht: Er ist gelernter Kfz-Mechaniker, aufgewachsen in Essen-Bergeborbeck ("tiefstes Ruhrgebiet"), während des Zechensterbens der 1970er-Jahre. Scholten zeigte mir Fotos aus seiner Kindheit, sie sahen aus wie die Nachkriegszeit in Das Wunder von Bern. Er machte den Hauptschulabschluss, dann die Kfz-Lehre, das war aber nix. Umschulung zum Alten- und Krankenpfleger. "Ich habe später mit der Altenpflege mein Kunststudium finanziert", sagt Scholten: "Von 8 bis 12 Uhr ambulante Pflege, dann an die Hochschule." Inzwischen unterrichtet Scholten auch selbst, in den vergangenen Jahren gab er Kurse an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften. "Ich merke sofort, ob jemand ein Handwerk gelernt hat oder direkt von der Schule kommt", sagt er über seine Studierenden. Die einen würden zunächst ihren Arbeitsplatz einrichten und ihre Malutensilien bereitlegen, so wie man das in der Werkstatt lernt, in der Küche oder im Krankenhaus. Die anderen malten einfach los – wie es das Klischee des genialischen Künstlers will. Übrigens: In den Gemälden von Martin Scholten verknoten sich Linien zu Farbknäueln, es gibt auf der Leinwand ein Durcheinander, das der Maler anderswo in seinem Atelier nicht zulassen würde. Wenn Sie mögen, können Sie sich das anschauen: Scholten stellt in der Galerie Kaufmann aus, Admiralitätsstr. 71, freitags von 15 bis 18 Uhr, samstags von 12 bis 15 Uhr. Der Eintritt ist frei. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag! Ihr Oskar Piegsa SPD und Grüne wollen kurz vor der Entscheidung der Bürgerschaft über die umstrittene Regelanfrage beim Verfassungsschutz vor Neueinstellungen im öffentlichen Dienst das geplante Gesetz verschärfen. Es soll die Stadtverwaltung vor verfassungsfeindlichen Einflüssen schützen. Gegner sehen darin einen Eingriff in demokratische Grundrechte. Eine Mediensucht-Sonderanalyse des UKE und der Krankenkasse DAK-Gesundheit zeigt, dass Influencer und soziale Medien erheblichen Einfluss auf das Onlineshopping von Kindern und Jugendlichen haben. Fast die Hälfte der 10- bis 17-Jährigen wird durch Werbung auf Social-Media-Plattformen auf Produkte aufmerksam, 40 Prozent durch Influencer. Die Auslastung der norddeutschen Metall- und Elektroindustrie ist laut Frühjahrsumfrage der Arbeitgeberverbände auf den tiefsten Stand seit der Coronapandemie gefallen. Jeder vierte Betrieb plant eine Produktionsverlagerung ins Ausland. Nach dem Fund eines toten 27-Jährigen in einem Waldstück bei Rissen sind mehrere Hinweise bei der Polizei eingegangen. Weiterhin werden Menschen gesucht, die den Toten kannten. In Harburg ist ein 45-jähriger Mann durch einen Schuss ins Bein verletzt worden. Anwohner hatten am Montagmittag die Polizei alarmiert. Der Hintergrund der Tat ist noch unklar. Auf der Phototriennale werden diesen Sommer berühmte Aufnahmen gezeigt, neue Entdeckungen und einmal auch die Asche verbrannter Fotografien. ZEIT-Redakteur Oskar Piegsa hat sich die elf Ausstellungen der Triennale in Hamburg angeschaut und notiert hier seine Eindrücke – angefangen mit der Hauptausstellung in den Deichtorhallen. Das ist zu sehen: In den Deichtorhallen findet sich die opulente Hauptausstellung der Phototriennale. Mark Sealy, der künstlerische Leiter des Festivals, hat dafür rund 500 Fotos von mehr als 30 internationalen Künstlerinnen und Künstlern zusammengestellt. Das Motto der Triennale und der Titel dieser Ausstellung sind identisch: Alliance, Infinity, Love – in the Face of the Other. "Die Fotografie ist eine Einladung, uns auf Dinge einzulassen, die uns fremd sind", sagt Sealy. "Sie ermutigt uns, Unterschiede zu akzeptieren, ohne Bedingungen." In den Deichtorhallen zeigt er überwiegend Porträts und Selbstporträts. Sealy feiert die Vielfalt menschlicher Lebensformen, die sich jedoch oft gegen Widerstände behaupten müssen – oder daran zugrunde gehen. Ein besonderes Faible hat Sealy für Künstlerpaare, die Grenzen der vermeintlichen Zugehörigkeit überwinden – wie der Fotograf Richard Avedon und der Schriftsteller James Baldwin. Avedon kam aus einer jüdischen Familie, Baldwin war Schwarz. Zusammen veröffentlichten sie 1964 das Buch Nothing Personal. Es zeigt einen Querschnitt der US-amerikanischen Gesellschaft. In den Deichtorhallen ist es Doppelseite für Doppelseite in langen Vitrinen ausgestellt. Dieses Bild sollten Sie nicht verpassen: Die Selbstporträts von Rotimi Fani-Kayode. Er fotografierte sich nackt, in stark stilisierten Posen. Auf den ersten Blick könnte man das als Hochglanzerotik im Stile Robert Mapplethorpes abtun. Doch der Blick auf die Fotos ändert sich, wenn man ihre Geschichte kennt: Fani-Kayode, ein queerer Kriegsflüchtling aus Nigeria, nahm sie in seiner Wohnung in Brixton auf, einem von Gewalt geprägten Londoner Arbeiterviertel, während der Aids-Epidemie der 1980er-Jahre. Sie sind ein unwahrscheinlicher Akt der Selbstbehauptung. Das Kleingedruckte: Alliance, Infinity, Love – In the Face of the Other läuft noch bis 22. September in der Halle für aktuelle Kunst der Deichtorhallen (Deichtorstraße 1–2, Altstadt). Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr, an jedem ersten Donnerstag im Monat von 11 bis 21 Uhr. Was die anderen sieben Museen und Ausstellungshäuser zu bieten haben, die sich an der Phototriennale beteiligen, das lesen Sie hier: → Zum Artikel Zu jeder WM gibt es einen neuen Ball, diesmal heißt er Trionda. Der Aufbau ist angewandte Mathematik – man bildet aus geometrischen Figuren eine Kugel. Christoph Drösser und Simone Brünnich erklären, wie es geht. → Zum Artikel (Z+) Morgen findet zum 16. Mal das "Fest der kleinen Wichte" statt. Das Bilderbuch- und Mitmachfest in Planten un Blomen spricht Kinder bis drei Jahre an, doch willkommen sind alle. Es gibt Mitmachaktionen, Basteln und Livemusik. "Fest der kleinen Wichte", 17.6., 15–18 Uhr; beim großen Spielplatz in Planten un Blomen (Eingang Marseiller Straße), Eintritt frei Ich stehe in der Küche und koche meiner zweijährigen Tochter Mittagessen. Auf einmal kräht sie aus dem Nebenzimmer: "Papa! Biieer! Papa, Bier hol’n! Papa! Bier!" Als ich nachschaue, sitzt sie dort mit ihren Buntstiften in der Hand, aber ohne Papier! Sie schaut mich ob meiner leeren Hände vorwurfsvoll an: "Papa, Bier hol’n!" Gehört von Jonas Versen Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren.