Lea Ypi: "Identität ist kein Ort, sondern eine Zeit, die uns oft verloren geht"

Datum15.10.2025 17:06

Quellewww.zeit.de

TLDRLea Ypi, albanisch-britische Philosophin, untersucht in ihrem Buch "Aufrecht" die Geschichte ihrer Großmutter Nini. Anhand eines alten Fotos und intensiver Recherche reflektiert sie über Identität und die Komplexität menschlicher Natur. Ypi betont, dass Archive oft frustrierende Wahrheiten bieten, weshalb Literatur tiefere Einsichten vermittelt. Sie integriert die Figur eines deutschen Nazis, um die Ambivalenz menschlichen Verhaltens zu verdeutlichen. Ypi äußert, dass Identität zeitlich und nicht ortsgebunden ist, und fordert ein differenziertes Verständnis von Menschlichkeit.

InhaltDie Philosophin Lea Ypi begibt sich in ihrem Buch "Aufrecht" auf die Spuren ihrer Großmutter. Wir haben mit ihr auf der Buchmesse gesprochen. Sehen Sie hier das Video. In ihrem neuen Buch Aufrecht begibt sich die albanisch-britische Philosophin Lea Ypi auf die Suche nach der Geschichte ihrer Großmutter Nini, deren Biografie zwischen Istanbul, Saloniki und Albanien bereits in Ypis Bestseller Freieine große Rolle spielte. Ausgehend von einem Foto ihrer Großeltern aus dem Jahr 1941, das ihr zufällig im Internet begegnete, begann Lea Ypi eine mitreißende Recherche. Auf der Frankfurter Buchmesse sprach sie darüber am ZEIT-Stand mit Marlene Knobloch, Redakteurin im Feuilleton der ZEIT. In den postsowjetischen Archiven hätte sie weniger Antworten auf ihre Fragen, sondern bessere Fragen gefunden, sagte Ypi. Archive hätten ihre eigene Ästhetik und seien, mit Ideologie und Propaganda gespickt, als Kunstwerke zu verstehen. Dafür habe sie in Aufrecht eine Form finden wollen: Literatur enthalte oft mehr Wahrheit als die Lügen, die ihr in Archiven begegnet seien. "Die Wahrheit über meine Großmutter war schwer zu finden", sagte Ypi. "Identität ist kein Ort, sondern eine Zeit, die uns oft verloren geht." Aufgabe der Literatur sei es unter anderem, die Komplexität der menschlichen Natur darzustellen. Aus diesem Grund habe sie die Figur eines deutschen Nazis in Aufrecht aufgenommen, der ihrer Großmutter Hilfe anbot. Sie wolle ihre Vorstellung von Menschlichkeit nicht aufgeben, sagte Ypi. "Ich glaube nicht, dass es eine Festschreibung in der menschlichen Natur gibt, die besagt, dass schlechte Menschen immer schlechte Dinge tun und gute Menschen immer gute Dinge." Sehen Sie hier das Video des Gesprächs mit Lea Ypi.