Datum09.06.2026 02:29
Quellewww.spiegel.de
TLDRIn Westafghanistan setzen die Taliban die Kleidervorschriften für Frauen gewaltsam durch. Berichte belegen Festnahmen von Frauen wegen angeblicher Nichteinhaltung der Vorschriften, die Ganzkörperschleier vorschreiben. Die UNO zeigt sich besorgt. Diese Maßnahmen sind Teil der fortlaufenden Einschränkung von Frauenrechten durch die Taliban seit ihrer Machtübernahme 2021. Das Ministerium für Tugend und Laster verteidigt die Durchsetzung als religiöses Gebot.
InhaltIm Westen Afghanistans wird die Pflicht zur Verschleierung offenbar mit Gewalt durchgesetzt. Zeugen berichten von Talibaneinheiten mit Peitschen, die Frauen in Transporter verfrachten. Fünf Jahren nach ihrer Machtübernahme schränken die Taliban die Rechte von Frauen in Afghanistan immer weiter ein. Im Westen des Landes wurden mehrere Frauen von der sogenannten Sittenpolizei der Radikalislamisten festgenommen, weil sie sich angeblich nicht an die Kleidervorschriften gehalten haben. Die Uno-Mission in Afghanistan (Unama) zeigte sich am Sonntag besorgt angesichts "mehrerer Festnahmen und Inhaftierungen" von Frauen in der westlichen Stadt Herat wegen "angeblicher Nichteinhaltung der Kleiderordnung". Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung. Laut der Agentur AP hatten Imame am Freitag in den Moscheen von Herat Vorgaben gemacht, laut denen Frauen nur noch im Ganzkörperschleier aus dem Haus dürften. Kurz nach diesen Ankündigungen begannen die Kontrollen auf den Straßen. Zeugen, die aus Sicherheitsgründen anonym bleiben wollten, berichteten der Nachrichtenagentur AFP, dass am Samstag Frauen festgenommen worden seien, weil sie keine Ganzkörperschleier wie den Tschador oder die Burka trugen. Sie habe gesehen, wie zwei Mitarbeiter des Ministeriums für die Verbreitung der Tugend und die Verhinderung des Lasters – von denen einer eine Peitsche bei sich hatte – "zwei Frauen, die keinen Tschador trugen, in ein Fahrzeug setzten", sagte eine 23-jährige Frau. Die Festgenommenen hätten ein muslimisches Kopftuch getragen. "Alle haben Angst", fügte sie hinzu. Eine andere Frau teilte mit, sie habe gesehen, wie Beamte des Ministeriums Autos anhielten und die Kleidung der Insassen prüften. Dabei seien mehrere Frauen in Transporter gesetzt worden. Das Ministerium äußerte sich auf Anfrage zunächst nicht zu den Festnahmen. Es gebe "nichts Ungewöhnliches" in Herat, teilte die Pressestelle mit. Die Kleiderordnung sei "ein göttliches Gebot und ein geltendes Gesetz, und wir sind verpflichtet, sie durchzusetzen", erklärte das Ministerium. Ein AFP-Journalist berichtete, dass sich wegen der Festnahmen viele Frauen nicht mehr auf die Straße wagen. Ein 20-jähriger Taxifahrer sagte, man sehe keine Frauen mehr in der Stadt. Taxifahrer seien angehalten worden, "keine Frauen ohne Tschador mehr zu befördern", sagte er. Die Taliban hatten in Afghanistan im Jahr 2021 die Macht zurückerlangt, eine Folge des Abzugs der internationalen Truppen. Die Islamisten hatten zunächst angekündigt, liberaler zu regieren als während ihrer Herrschaft zwischen 1996 und 2001. Schnell wurden die Rechte von Frauen und Mädchen aber wieder drastisch eingeschränkt. Diese sind weitgehend aus dem öffentlichen Raum verbannt. Der Besuch weiterführender Schulen ist ihnen untersagt, ihre Arbeitsmöglichkeiten sind weitestgehend eingeschränkt. Anfang des Jahres war ein Gesetz verabschiedet worden, das Gewalt gegen Frauen praktisch legalisiert (mehr dazu hier). In 119 Artikeln wird geregelt, wer bei vermeintlichem Fehlverhalten Strafen verhängen darf. So heißt es der Übersetzung zufolge in Artikel 4 etwa, wer eine "Sünde" beobachte, dürfe vor Ort eine korrigierende Strafe verhängen, um "Übel zu verhindern". Feste Strafen dürfe demnach ein Imam anordnen, Ermessensstrafen auch ein Ehemann. Dabei werden selbst Misshandlungen mit Knochenbrüchen nur milde geahndet – darauf stehen 15 Tage Haft. Uno-Menschenrechtskommissar Volker Türk erklärte im März, das Dekret legitimiere "Gewalt gegen Frauen und Kinder" und warnte, Afghanistan sei "ein Friedhof für Menschenrechte". Das Gesetz sieht zudem harte Strafen gegen Andersdenkende vor: Wer den Taliban-Führer Hibatullah Akhundzada beleidigt, soll mit 39 Peitschenhieben und einem Jahr Gefängnis bestraft werden. Für Menschen, die der "Gesellschaft als Ganzes Schaden zufügen", verhängt das Regelwerk die Todesstrafe. Dazu zählen unter anderem Menschen, die homosexuell sind. Wie Afghanistans Frauen heimlich Kampfkunst trainieren: Nachdem die Taliban die Kontrolle übernommen haben, simulieren sie in Kabul Normalität. Doch die Hälfte der Bevölkerung ist aus dem Stadtbild verschwunden. Eine Reportage aus Kabul lesen Sie hier .