Netzwerk Shift: Wo der Rechtsruck sichtbar wird

Datum08.06.2026 19:12

Quellewww.zeit.de

TLDRDas Netzwerk Shift zeigt mit Dokumentarfotografien die konkreten Auswirkungen des Rechtsrucks in Deutschland. Acht Fotografen setzen sich mit den Folgen rechtspopulistischer Bewegungen auseinander, indem sie Orte der AfD-Zustimmung, ihre Veranstaltungen und Orte rechter Gewalt dokumentieren. Die Arbeiten thematisieren die räumliche Überschneidung von Zustimmung und Konflikt sowie den Verlust demokratischer Räume durch Einschüchterung und Gewalt.

InhaltAlle reden über die Auswirkungen der erstarkenden AfD, aber die wenigsten sehen sie. Das Shift-Netzwerk zeigt fotografische Perspektiven auf ein verändertes Deutschland. Nichts scheint zu nützen: Trotz intensiver Debatten und zahlreicher Initiativen gegen Rechtsextremismus gewinnt die AfD weiter an Zustimmung. Vor diesem Hintergrund entstand im Frühjahr 2025 das Netzwerk Shift, gegründet von Dokumentarfotografinnen und Dokumentarfotografen, die sich mit dem Rechtsruck in Deutschland auseinandersetzen. Ihr Ziel ist es zu zeigen, was politische Debatten häufig nur abstrakt verhandeln: die konkreten Auswirkungen rechtspopulistischer Bewegungen. Zu sehen sind ihre Arbeiten jetzt im Rahmen der Triennale der Photographie in Hamburg. Wir haben mit den acht Fotografinnen und Fotografen über ihre Projekte, ihre Arbeitsweisen und ihre Perspektiven gesprochen und zeigen dazu eine Auswahl ihrer Bilder. DIE ZEIT: Sie zeigen in Ihrer Serie AfD-Veranstaltungen, ebenso Orte der Zustimmung und dokumentierst Begegnungen mit Betroffenen rechter Gewalt. Wie gehen Sie mit der Herausforderung um, diese sehr unterschiedlichen Realitäten in eine gemeinsame Bildsprache zu bringen? Thomas Victor: Orte, an denen die AfD Veranstaltungen abhält, sind oft dieselben Orte, an denen die Zustimmung zu ihrer politischen Agenda besonders groß ist – und damit auch Orte, an denen Andersdenkende oder Migrant*innen in Konflikte geraten. Diese räumliche Überschneidung findet man sowohl auf dem Parteitag in Essen als auch bei einer kleinen Demo im ländlichen Thüringen. Um diese unterschiedlichen Realitäten zusammenzubringen, habe ich mich für eine reduzierte, auf Emotionen fokussierte Bildsprache entschieden. Ich suche nach Details und Situationen, die – losgelöst von ihrem unmittelbaren Umfeld – davon erzählen, wie rechte Sprache und Symbolik Hass und Gewalt schüren. Dabei sollen die Bilder nicht gleich aussehen, sondern dieselbe Frage stellen: Was macht diese politische Radikalität mit unserer Gesellschaft? ZEIT: Gab es in Ihrer Recherche Momente, in denen Sie konkret nachvollziehen konnten, wie politische Sprache direkt in gesellschaftliche Folgen übersetzt wird? Victor: Im Umfeld politischer AfD-Veranstaltungen habe ich immer wieder Auseinandersetzungen miterlebt, in denen Argumente fielen, die kurz zuvor von der Bühne gekommen waren. Das ist zunächst nichts Ungewöhnliches – Parteien geben ihren Anhängern Sprache und Argumentationsmuster mit, die sie im Alltag verwenden können. Im Fall der AfD sind diese Argumente aber, anders als bei allen anderen Parteien vergleichbarer Größe, oft menschenverachtend und durchzogen von Feindbildern. Diese polarisierende Grundstimmung verändert das Miteinander an vielen Orten spürbar. ZEIT: Können Sie ein konkretes Beispiel dafür geben?  Victor: Ich habe einen Politiker fotografiert, der beim Aufhängen von Wahlplakaten von drei jungen Neonazis krankenhausreif geschlagen wurde. Neben Verbindungen zu einschlägigen rechtsextremen Gruppen gab es Belege dafür, dass mindestens einer der Täter AfD-Veranstaltungen besucht hatte. In der Folge habe ich regelmäßig von Wahlkampfhelfer*innen gehört, dass sie sich nicht mehr trauen, im Dunkeln oder an bestimmten Orten Plakate aufzuhängen. Das ist der Mechanismus: Durch gezielte Einschüchterung ziehen sich politisch Andersdenkende aus demokratischen Räumen zurück. Diese Gewalt wirkt – und sie kommt rechten Parteien auf ihrem Kurs unmittelbar zugute. ZEIT: Wie gelingt es Ihnen, die Tatorte nicht nur zu dokumentieren, sondern auch die Geschichten der Betroffenen respektvoll mitzudenken? Julius Schien: Ich empfinde es als eine große Verantwortung, die Geschichten hinter den Bildern mitzudenken, und sie war einer der Auslöser für die Arbeit. Bei der Recherche zu "Rechtes Land" wurde mir bewusst, wie viele Todesopfer rechter Gewalt im kollektiven Gedächtnis kaum präsent sind. Diese Lücken wollte ich sichtbar machen. Meine Bilder zeigen keine Menschen und keine Gewalt, sondern Orte, an denen rechtsextreme Verbrechen geschahen. Während die Fotografien die Schicksale auf einer Ebene zusammenführen, weisen die Begleittexte auf fehlende Anerkennung, Lücken im Archiv oder mangelnde juristische Aufklärung hin. Mir ist wichtig, auf diese Leerstellen aufmerksam zu machen und die Geschichten der Betroffenen sichtbar zu halten. Die Perspektive der Angehörigen kann und will ich dabei nicht ersetzen. ZEIT: Hat sich die Art und Weise, wie über rechte Gewalt heute berichtet wird über die Jahrzehnte verändert? Julius Schien: An der Oberfläche hat sich etwas verändert, und einzelne Taten erhalten heute mehr Aufmerksamkeit. Grundsätzlich finde ich jedoch nicht, dass sich die Berichterstattung entscheidend verbessert hat. Das Framing ist oft noch dasselbe: Selbst nach dem Anschlag in Hanau war von "Fremdenhass" die Rede. Damit werden die Ermordeten zu "Fremden" gemacht, obwohl sie Nachbar, Kolleg und Mitbürger waren. Hinzu kommt der Reflex, von Einzeltätern zu sprechen und die Tat aus ihrem gesellschaftlichen Zusammenhang zu lösen. Dieses Framing ist nicht harmlos. Die Art, wie wir über solche Taten sprechen, entscheidet mit darüber, ob wir sie als Randnotiz behandeln oder als Teil einer erschreckenden Kontinuität rechter Gewalt anerkennen.