Datum08.06.2026 02:49
Quellewww.zeit.de
TLDRDer Sipri-Bericht warnt vor einer wachsenden Rolle von Atomwaffen in der internationalen Sicherheit. Militärisch nutzbare Sprengköpfe steigen, während die Gesamtzahl leicht sinkt. Staaten setzen sie zunehmend als Instrumente nationaler Macht ein, was Abrüstungsbemühungen gefährdet und ein Wettrüsten befeuert. Alle neun Atommächte setzen ihre Modernisierungsprogramme fort. Das Ende des New-Start-Abkommens und Chinas schneller Arsenalausbau verschärfen die Lage weiter.
InhaltIm neuen Sipri-Bericht warnen Friedensforscher davor, Atomwaffen als Instrumente nationaler Machtpolitik einzusetzen. Das würde "die Dynamik des Wettrüstens" schüren. Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri hat vor einer wachsenden Bedeutung von Atomwaffen in der internationalen Sicherheitspolitik gewarnt. Zwar sank die weltweite Gesamtzahl der Atomsprengköpfe leicht, die Zahl der militärisch nutzbaren Sprengköpfe stieg aber, teilte Sipri anlässlich der Veröffentlichung seines 57. Jahrbuchs mit. In Europa rückten laut Sipri Debatten über nukleare Teilhabe und Abschreckung stärker in den Fokus. Staaten setzten Atomwaffen zunehmend als Instrumente nationaler Machtpolitik ein und machten damit jahrzehntelange Bemühungen um eine Verringerung der Zahl und der Rolle von Atomwaffen rückgängig, teilte Sipri mit. Bereits im vergangenen Jahr hatte das Institut vor einem "gefährlichen nuklearen Wettrüsten" gewarnt. Der neue Bericht beschreibt nun eine weiter wachsende Rolle von Atomwaffen in der Sicherheitspolitik. Die neun Atommächte USA, Russland, Großbritannien, Frankreich, China, Indien, Pakistan, Nordkorea und Israel setzten demnach im vergangenen Jahr ihre Programme zur Modernisierung und Ausweitung ihrer Atomwaffenarsenale fort. Die meisten von ihnen stationierten neue atomwaffenfähige oder nuklear bewaffnete Waffensysteme. "Es gibt immer mehr Anzeichen dafür, dass die Atomwaffenstaaten ihre Abrüstungsverpflichtungen vernachlässigen oder sogar ganz aufgeben und stattdessen ihre nukleare Stärke zur Schau stellen", sagte Sipri-Forscher Hans Kristensen. "Indem sie nach nuklearen Lösungen greifen, schaffen Staaten neue Risiken und schüren die Dynamik des Wettrüstens." Russland und die USA verfügen nach Sipri-Schätzungen zusammen über rund 83 Prozent aller gelagerten Nuklearsprengköpfe. Nach dem Ende des Kalten Krieges hatten die beiden Länder ausgemusterte Sprengköpfe zunächst nach und nach abgebaut. Der weltweite Bestand der Atomwaffen war dadurch schrittweise gesunken. "Dieser Trend dürfte sich in den kommenden Jahren umkehren, da sich das Tempo der Abrüstung verlangsamt, während die Stationierung neuer Atomwaffen zunimmt", berichtete das Sipri-Institut. Nach Schätzungen der Friedensforscher verfügten die neun Atomwaffenmächte USA, Russland, Großbritannien, Frankreich, China, Indien, Pakistan, Nordkorea und Israel im Januar 2026 über 12.187 Atomsprengköpfe. Etwa 9.745 davon befanden sich den Forschern zufolge in militärischen Beständen für den potenziellen Einsatz. Mehr als im Vorjahr – schätzungsweise 4.012 Stück – waren den Angaben zufolge auf Raketen und Flugzeugen platziert. Zwischen 2.100 und 2.200 wurden demnach auf ballistischen Raketen in höchster Einsatzbereitschaft gehalten – fast alle davon befanden sich im Besitz von Russland oder den USA, in geringerem Maße von Großbritannien und Frankreich. In der EU ist Frankreich inzwischen die einzige Atommacht. Zusätzliche Unsicherheit entsteht nach Sipri-Einschätzung durch das Ende des New-Start-Abkommens. Der letzte bilaterale Vertrag zur Begrenzung strategischer Atomwaffen zwischen den USA und Russland lief im Februar ohne Nachfolgeregelung aus. Damit entfällt auch eine wichtige Grundlage für öffentliche Daten zu den strategischen Nuklearstreitkräften beider Staaten. Unterdessen baut China sein Atomwaffenarsenal dem Institut zufolge schneller aus als jedes andere Land. Die Zahl der chinesischen Sprengköpfe stieg binnen eines Jahres von 600 auf rund 620. China habe inzwischen Hunderte Raketen in drei großen Silofeldern im Norden des Landes gelagert und arbeite an weiteren Silos im Osten. Je nach Aufbau seiner Streitkräfte könnte China bis zum Ende des Jahrzehnts über mindestens so viele landgestützte ballistische Interkontinentalraketen verfügen wie Russland oder die USA. Auch Indien und Nordkorea vergrößerten nach Sipri-Einschätzung ihre Arsenale. Indien verfügte Anfang 2026 über rund 190 Sprengköpfe, Nordkorea möglicherweise über etwa 60. Pakistan blieb demnach bei 170 Sprengköpfen. Israel, das den Besitz von Atomwaffen nicht öffentlich bestätigt, verfügte laut Sipri weiter über schätzungsweise 90 Sprengköpfe.