Meinung: Technologiestandards: Europas geheime Superkraft - Kolumne

Datum07.06.2026 11:33

Quellewww.spiegel.de

TLDREuropas technologische Standards sind eine unterschätzte Stärke zur Verteidigung der digitalen Souveränität. Beispiele wie der USB-C-Standard, der Herstellern Kosten spart und Verbrauchern Komfort bietet, zeigen das Potenzial. Die EU setzt Standards im Verbraucherschutz und bei Produktsicherheit (CE-Kennzeichnung), die auch US-Konzerne befolgen. Diese "Brüsseler Effekt" ermöglicht es Europa, globale Standards zu beeinflussen und Praktiken wie "Enshittification" entgegenzuwirken. Initiativen wie EuroStack und European Social Stack fördern europäische technologische Unabhängigkeit.

InhaltWer schon einmal an einer Ladebuchse verzweifelt ist, weiß: Der falsche Stecker kann einem den Tag ruinieren. Hier liegt aber auch eine Chance für Europa, seine Souveränität zu verteidigen. Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Oft sind es ja die kleinen Dinge, die einen zur Weißglut treiben. Das falsche Ladekabel im Reisegepäck zum Beispiel. Bei uns zu Hause gibt es daher mittlerweile ein Dutzend von diesen Multi-Ladekabeln, die oft einen Lightning-, einen Micro-USB- und einen USB-C-Stecker vereinen. Ich freue mich auf den Tag, an dem sie alle verschwinden. Dieser Tag wird kommen, denn bekanntlich hat die Europäische Union festgelegt , dass der neue Stecker-Standard für die EU USB-C heißt. Ich persönlich liebe USB-C-Stecker schon aus dem einfachen Grund, aus dem ich damals Apples Lightning-Stecker für einen Schritt in die richtige Richtung hielt: Sie haben kein Oben und Unten. Das ist angewandte Usability. Christian Stöcker, Jahrgang 1973, ist Kognitions­psychologe und Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW). Dort verantwortet er den Studiengang Digitale Kommunikation und mehrere Forschungsprojekte über digitale Öffentlichkeit und Desinformation. Vorher leitete er das Ressort Netzwelt bei SPIEGEL ONLINE. USB-C spart auch Geld, weil man nicht ständig neue Ladekabel und Ladegeräte kaufen muss. Die EU schätzt, dass uns das 250 Millionen Euro Ausgaben pro Jahr erspart. Handy-Hersteller, namentlich Apple, hatten mit teils grotesken Argumenten versucht, USB-C für alle zu verhindern. Dass die EU sich nicht erweichen ließ, ist ein seltener Sieg gegen US-Techkonzerne, von dem wir nun alle profitieren. Wenn in Europa auf "Brüssel" geschimpft wird, kommen Standards oft schlecht weg. Interessant übrigens: Die sogenannte Gurkenkrümmungsverordnung der EU, die ideenlosen Kabarettisten viele Jahre lang Material lieferte, gilt schon seit 2009 nicht mehr . Vielen, die sich darüber lustig gemacht haben, ist das vermutlich entgangen. Unterdessen verwenden Gemüsegroßhändler die darin festgeschriebenen Normen weiterhin zur Sortierung ihrer Waren in Güteklassen – freiwillig. Es lebe der Standard. Es gibt eine bemerkenswerte Anzahl von Beispielen für den Erfolg europäischer Standards, von den weltweit mit Respekt betrachteten CE-Kennungen ("Conformité Européenne") für Produktsicherheit bis zu Standards für Chemieprodukte, Kosmetika und Ähnliches . An die halten sich längst auch US-Hersteller – weil das einfacher ist, als für unterschiedliche Märkte unterschiedliche Varianten herzustellen. Gegen die Internet-Billigheimer Temu und Shein hat die EU gerade Strafen verhängt, weil man dort Produkte kaufen kann, die diesen Standards nicht entsprechen. Unter Umständen sind sie giftig, gefährlich oder schlicht unbrauchbar. Der NDR hat das einmal mit Testkäufen untersucht , mit erstaunlichen Ergebnissen: "Bei einer Lichterkette und einem Ladegerät bestand die Gefahr von Stromschlägen. Ein Smoothie-Maker bot keinerlei Schutz vor Verletzungen, ein Autotüröffner mit Fernbedienung funkte auf verbotener Militärfrequenz, und eine Smartwatch fiel durch ihre ungesicherte Datenübertragung auf." Kaum ein Regulierungsthema hat größere Breitenwirkung als Verbraucherschutz. Ein unterschätzter Schatz, übrigens auch als Argument gegen Anti-Europa-Parteien wie die AfD. Die Tatsache, dass viele Hersteller EU-Regeln einfach vollständig übernehmen, um sich nicht mit Produktvarianten zu verzetteln, "erlauben der EU oft, effektiv globale Produktstandards zu diktieren", schrieb die Juristin Anu Bradford, Professorin an der Columbia Law School, in einer Studie von 2015 . Bradford hat darüber ein Buch namens "The Brussels Effect" geschrieben. Heute kann man manchmal den Eindruck bekommen, dass Brüssel, aber auch die Bundesregierung in Berlin, diese nützliche Macht ein wenig aus den Augen verloren haben. Dabei brauchen wir sie mehr denn je: "Standards sind ein unverzichtbares Werkzeug für Produktsicherheit und Auswirkungen auf die Umwelt. Sie können Innovation, Wettbewerbsfähigkeit, Nachhaltigkeit und Verbraucherschutz vorantreiben", heißt es in einer Publikation  des unabhängigen European Policy Center von 2020. Wettbewerbsfähigkeit! Derzeit versucht die EU mit neuen Regeln, ihre digitale Souveränität zurückzugewinnen. Tatsächlich gibt es Bereiche, in denen technische Standards allein nicht reichen werden – etwa, wenn sich Cloudinfrastruktur in den USA befindet, oder womöglich aus rechtlichen Gründen sogar dann jederzeit US-Behörden offensteht, wenn die Server in Europa stehen . Nötig sind also auch juristische Standards. Datensicherheit ist ja ebenfalls ein internationaler Wettbewerbsvorteil. Preisabfragezeitpunkt 07.06.2026 11.34 Uhr Keine Gewähr In vielen anderen Bereichen aber sind schon technische Standards und Berichtspflichten ein wichtiger Schritt. So versuchen US-Unternehmen derzeit mit Macht , den Energieverbrauch ihrer Rechenzentren geheim zu halten . Das ist ein Skandal und es zeigt, dass man den KI-Oligarchen aus den USA nicht über den Weg trauen kann. Im Zweifel scheint ihnen das Klima egal , wenn es darum geht, den grotesken Blasenwettbewerb zu gewinnen, der gerade im Gang ist. In den USA steigen erstmals wieder die Investitionen in Energietechnik , die CO₂ emittiert, namentlich Gasturbinen. Im Rest der Welt sieht das zum Glück anders aus . Europa muss schleunigst wieder die Richtung ändern. Wenn die US-Konzerne hier investieren wollen, gern – aber bitte in saubere Energie. Auch das kann ein Standard sein: KI ja, aber sauber. Europas Marktmacht hat schon in der Vergangenheit geholfen, Dinge zu vereinfachen, Sicherheit zu garantieren, negative Entwicklungen in Schach zu halten. Standards sind ein notwendiger, einfacher und gerade für europäische Unternehmen im Wettbewerb sehr nützlicher Hebel, um Europas Souveränität auch im Digitalen zu "verteidigen". Damit kann man nicht zuletzt dem entgegenwirken, was der US-Autor und Digitalaktivist Cory Doctorow "Enshittification" getauft hat : US-Unternehmen bieten zuerst ein gutes Produkt mit gutem Service zu einem guten Preis an, um es dann, wenn die kritische Masse an Kunden erreicht ist, progressiv schlechter zu machen. Zuerst für End-, anschließend auch für Firmenkunden. Im letzten Schritt werden für "Premiumversionen" dann höhere Preise fällig. All das aber funktioniert vor allem, weil es meist so schwierig ist, die Plattform zu wechseln. Auch dagegen können Standards helfen. Ein positives Beispiel: Ich habe gerade probeweise einen Testaccount für einen neuen europäischen Musik-Streamingdienst angelegt, auf Basis eines "Wechselrezepts"  der Initiative "Digital Independence Day". Das Beste an meinem Test war die Leichtigkeit des Umzugs: Mit wenigen Klicks in einer komfortablen grafischen Benutzeroberfläche konnte ich all meine über die Jahre gesammelten digitalen Alben, selbst kuratierten Playlists und so weiter von Spotify zu dem neuen Dienst übertragen. Es funktionierte so einfach und reibungslos, dass ich es kaum glauben konnte. Wer schon einmal versucht hat, etwa vom toxischen Social-Media-Pfuhl X auf eine andere Plattform zu wechseln, weiß: Das ist mühsam. Mal eben sein Netzwerk auf einer neuen Plattform wiederzufinden, ist in der Regel alles andere als trivial. Im besten Fall funktioniert es mit externen Zusatztools, denen man dann weitreichende Rechte einräumen muss, und auch dann nur holprig. Da helfen Standards. Es gibt für Technologie schon seit einiger Zeit eine Initiative namens "EuroStack" , mit dem Ziel, "den steilen Abstieg umzukehren, der dazu geführt hat, dass Europa zu einer ›digitalen Kolonie‹ der USA geworden ist". Eine zentrale Forderung : "Harmonisierung von Standards". Ein Schritt in die richtige Richtung. Diese Woche haben die Leute hinter dem Digitalen Unabhängigkeitstag eine weitere europäische Initiative vorgestellt, den "European Social Stack" : "Ein Ökosystem, das auf geteilter Infrastruktur und geteilten Protokollen aufbaut und kleine Entwickler in die Lage versetzt, Social-Apps mit wenig Zeitaufwand zu bauen, und die Nutzenden, frei zwischen ihnen zu wechseln." Viele Unternehmen, Organisationen und Betreiber haben sich der Initiative angeschlossen, darunter sogenannte Fediverse-Anwendungen wie Mastodon oder die YouTube-Alternative PeerTube, aber auch die umweltfreundliche Suchmaschine Ecosia. Die EU täte gut daran, solche Projekte nach Kräften zu unterstützen, sie womöglich zur Grundlage künftiger Standardisierungen heranzuziehen. Und zwar möglichst zügig, denn der Standardisierungsprozess und die anschließende Übernahme dauern oft zu lang. "Geteilte Infrastruktur und geteilte Protokolle" – das ist genau die Art von Standardisierung, die ein souveränes Europa der Zukunft benötigt und selbstbewusst durchsetzen sollte. Standards schließen niemanden aus, sie legen aber die Regeln fest, nach denen Unternehmen zu spielen haben, die auf einem der größten, wohlhabendsten Märkte der Welt Geschäfte machen wollen.