Datum07.06.2026 09:24
Quellewww.spiegel.de
TLDRBundeskanzler Friedrich Merz traf sich mit Präsident Selenskyj in London, um trotz Putins ablehnender Haltung eine Lösung für den Ukraine-Krieg zu suchen. Deutschland, Frankreich und Großbritannien wollen Druck auf Russland aufrechterhalten. In der Bundesregierung gibt es Hoffnung auf baldige Gespräche. Währenddessen verteidigt die SPD-Politik das Treffen von Altkanzler Schröder mit Putin als Chance zur Vermittlung. Russland setzt seine Angriffe fort.
InhaltDer Kanzler sucht nach neuen Wegen für eine Verhandlungslösung. SPD-Politiker Ralf Stegner lobt Gerhard Schröders Treffen mit Wladimir Putin. Und russische Drohnen töten erneut Menschen in der Ukraine. Der Überblick. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), der französische Präsident Emmanuel Macron und der britische Premierminister Keir Starmer treffen sich am Sonntagabend mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in London. Eigentlich hätte es bei dem Treffen um ein von Selenskyj vorgeschlagenes Gipfeltreffen zwischen ihm und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin gehen sollen. Doch Kreml-Chef Wladimir Putin hatte Selenskyjs Angebot zu direkten Gesprächen am Freitag abgelehnt. Der ukrainische Präsident warf Putin daraufhin vor, er wolle den Krieg "einfach nicht beenden." Aus dem französischen Präsidentenpalast hieß es, es werde am Sonntag zunächst ein Treffen von Macron, Starmer und Merz geben. Die drei würden dann anschließend mit Selenskyj sprechen. Es gehe darum, die Ukraine weiter zu unterstützen und den Druck auf Russlands Kriegsanstrengungen zu erhöhen. Russland stehe militärisch, wirtschaftlich und strategisch unter Druck, halte an der Front aber weiter an seinem mörderischen Krieg fest. Zudem solle es eine Bestandsaufnahme der Arbeiten der sogenannten Koalition der Willigen geben. Zu dieser Gruppe zählen etwa 35 überwiegend europäische Länder, darunter Deutschland. (Lesen Sie hier den SPIEGEL-Titel über eine Wende an der Front, die den Krieg verändern könnte.) Trotz zunehmender Kampfhandlungen im Ukrainekrieg geht man in der Bundesregierung davon aus, dass es in den nächsten Monaten zu Gesprächen mit Russland über ein Ende des Krieges kommen kann. "Langsam öffnet sich ein Fenster für Gespräche der europäischen Seite mit Russland", hieß es zuletzt es aus Regierungskreisen. Am Sonntag dürfte es weiter um die inhaltliche Linie der Europäer für etwaige Verhandlungen gehen. Aus deutscher Sicht braucht es für den weiteren Prozess einen "klaren politischen Kompass" und ein "klares Zielbild", hieß es. Die sogenannten E3 – Deutschland, Frankreich und Großbritannien – spielen eine Schlüsselrolle bei den europäischen Bemühungen um ein Ende des russischen Angriffskriegs. London und Paris hatten sogar in Aussicht gestellt, nach Abschluss eines dauerhaften Waffenstillstands Bodentruppen in die Ukraine zur Friedenssicherung zu entsenden. Deutschland könnte laut Merz zumindest "Kräfte für die Ukraine auf benachbartem Nato-Gebiet einmelden", wie der Kanzler Anfang des Jahres sagte. Bislang scheiterten die Bemühungen um eine Verhandlungslösung am mangelnden Willen Russlands und der Zurückhaltung der USA unter Präsident Donald Trump, Sicherheitsgarantien zu geben. Das Interesse in Washington an einer Friedenslösung scheint inzwischen nachgelassen zu haben. Während Wladimir Putin einem direkten Gespräch mit Selenskyj am Freitag eine Absage erteilte hatte er sich zugleich mit dem ehemaligen Bundeskanzler Wladimir Putin getroffen. Putin nannte Schröder schon vor Monaten als seinen bevorzugten Vermittler. Bei den E3 wird wird der Vorstoß allerdings äußerst skeptisch gesehen. Er gilt als Provokation und wird nicht ernst genommen. SPD-Außenpolitiker Ralf Stegner, der sich für einen weniger kritischen Kurs gegenüber Putins Russland einsetzt, verteidigte das Treffen dagegen vehement. "Egal, was man von Gerhard Schröder hält, muss doch jeder anerkennen: Es ist eher eine Chance als ein Risiko, wenn der frühere Bundeskanzler Schröder mit Präsident Putin redet", sagte Stegner dem "Tagesspiegel" nun in einem Interview. Laut Stegner gilt es zu unterscheiden: Ein Verhandlungsführer für den Westen könne Schröder nicht sein. "Aber natürlich kann er ein Vermittler zu Putin sein", sagte Stegner. Schröder sei kein aktiver Politiker mehr, er entscheide damit auch nichts. "Wir können froh sein, dass der Draht zwischen Schröder und Putin noch funktioniert." Er sei sicher, Schröder sei nicht im Kreml gewesen, "um Putin zu diesem schrecklichen Krieg zu gratulieren oder ihn zu umschmeicheln", sagte Stegner. Putin habe bisher kein Kriegsziel erreicht, und er müsse diesen Krieg beenden. Schröder gilt als persönlicher Freund Putins. Der frühere SPD-Chef war auch nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine für russische Energiefirmen tätig. Unterdessen greift Russland die Ukraine weiterhin mit großer Härte an. In der Nacht zum Sonntag sind erneut mindestens zwei Menschen getötet worden. Ein 59-jähriger Mann sei bei russischen Drohnen- und Raketenangriffen auf die zentralukrainische Region Dnipropetrowsk getötet worden, erklärte der örtliche Gouverneur Oleksandr Hanscha am Sonntag im Onlinedienst Telegram. Nach Angaben des staatlichen Rettungsdiensts wurde zudem ein 56-jähriger Minibusfahrer bei einem Drohnenangriff in der südlichen Region Saporischschja getötet. Bei den Angriffen auf Dnipropetrowsk sei außerdem ein 35-jähriger Mann verletzt und Infrastruktur beschädigt worden, erklärte Hanscha weiter. Moskau und Kiew hatten in den vergangenen Monaten die gegenseitigen Angriffe verstärkt. Am ukrainischen Atomkraftwerk Saporischschja, das immer wieder von Kampfhandlung betroffen ist, konnte eine wichtige Stromleitung wieder hergestellt werden. Nach 15 Stunden Stromausfall funktioniere die externe Versorgung von Europas größtem Kernkraftwerk wieder, teilte die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) auf der Plattform X mit. Zuvor musste die Anlage laut IAEA zur Kühlung ihrer sechs abgeschalteten Reaktoren auf Notstromdieselgeneratoren zurückgreifen. Die Ukraine und Russland hatten sich zuvor auf eine begrenzte Waffenruhe geeinigt, um die Reparaturen zu ermöglichen. Die IAEA hatte zwischen den Kriegsparteien vermittelt.