Datum05.06.2026 20:46
Quellewww.zeit.de
TLDRDer ukrainische Präsident Selenskyj wandte sich direkt an Putin mit einem Vorschlag für ein Treffen, um den Krieg zu beenden. Europa bereitet sich auf Verhandlungen vor, doch ein Ende des Krieges dieses Jahr ist fraglich. Militärische Entwicklungen, wie Russlands verlangsamter Vormarsch und ukrainische Drohnenangriffe, deuten auf eine neue Kriegsphase hin. Putin setzt weiterhin auf Winterangriffe als Druckmittel für Zugeständnisse. Die EU plant Beitrittsgespräche mit der Ukraine.
InhaltSelenskyj wendet sich an Putin, Europa bereitet sich auf Verhandlungen mit Russland vor. Doch ob der Krieg noch dieses Jahr enden kann, ist fraglich. Der Wochenrückblick Undiplomatisch direkt und stellenweise persönlich ist der offene Brief an Wladimir Putin, den der ukrainische Präsident am Donnerstagabend auf seiner Website veröffentlicht hat. "Sie haben fast die Hälfte Ihrer 26 Jahre an der Macht damit verbracht, Krieg gegen die Ukraine zu führen (...) Die Ukraine schlägt vor, diesen Krieg zu beenden. (...) Ich schlage ein Treffen vor", heißt es darin unter anderem. Nur selten hat sich Wolodymyr Selenskyj in den vergangenen Jahren an den russischen Staatschef gewandt. Denn viel gab es nicht zu besprechen angesichts des Abgrunds zwischen den ukrainischen Minimal- und den russischen Maximalforderungen an die Bedingungen für ein Ende des Krieges. Doch jetzt signalisiert Selenskyj, dass die Zeiten sich geändert hätten, wenn er schreibt: "Genug vom Krieg." Knapp einen Monat zuvor war es Putin gewesen, der von der angeblichen Möglichkeit eines baldigen Friedens sprach. Der Krieg "neigt sich dem Ende zu", sagte er am 9. Mai in Moskau – wenngleich es vor allem wohlwollende Interpretation ist, darin ein Angebot für Verhandlungen zu sehen. Schließlich ergänzte Putin seine Äußerung nicht nur um den Vorschlag, ausgerechnet Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) könne sich als Verhandler Europas an Gesprächen beteiligen. Sondern auch um die Behauptung, es sei die Lage an der Front, die ein Ende des Krieges näher bringe. Ebenso hielt es der russische Präsident am Sonntag, als er erneut von einem womöglich baldigen Frieden sprach, denn: "Unsere Truppen rücken an allen Frontabschnitten vor." Doch was sich zwischen den beiden Staatschefs abspielt, scheint dennoch mehr als ein Austausch von Propagandabotschaften zu sein. Schließlich bereitet sich auch die Bundesregierung auf baldige Verhandlungen mit Russland vor, in Absprache mit Frankreich und Großbritannien. Während die EU sich bei einem informellen Gipfel auf Zypern nicht auf einen gemeinsamen Verhandler einigen konnte, gehen die wichtigsten Unterstützerländer der Ukraine also eigenständig voran. Und sie tun das offenkundig nicht ohne Absprache mit der Führung in Kyjiw: In einigen Tagen sei ein Treffen mit Selenskyj geplant, kündigte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron an. Und auch Selenskyj selbst erwähnte die Europäer in seinem Brief an Putin – und fügte an: Da die Ukraine Sicherheitsgarantien brauche, "während auch Sie Sicherheitsgarantien für sich selbst anstreben", sei es "nur logisch, (in Gesprächen, Einschub d. Red.) jene zu involvieren, die als echte Garanten fungieren könnten". Bislang haben zahlreiche Beobachter immer wieder angeführt, für ernsthafte Verhandlungen fehle die militärische Grundlage: Russland könne sich von der Fortsetzung der Kämpfe weitere Zugeständnisse erhoffen, die Ukraine sich keine Gespräche unter dem Zeichen permanenten russischen Vormarsches leisten. Ebendiese militärische Grundlage aber hat sich in den vergangenen Monaten geändert. Nicht nur hat Russland im ersten Vierteljahr sein Vormarschtempo drosseln müssen. Sondern es hat auch im Mai kaum noch Territorien erobert – in jenem Monat also, in dem in den vergangenen beiden Jahren noch ein deutlicher Anstieg russischer Geländegewinne zu verzeichnen gewesen war. Stellenweise gelangen der Ukraine sogar kleinere Offensiven. Die russische Infiltrationstaktik – die Einschleusung kleiner Gruppen von Soldaten durch den sogenannten ukrainischen Drohnenwall – hat durch ukrainische Angriffe auf Russlands Logistik an Effektivität verloren. Und mit monatlich 30.000 getöteten und verwundeten Soldaten fällt es Putin immer schwerer, die Verluste mit neuen Rekruten auszugleichen. Nicht nur an der Front sieht die Lage zunehmend schlechter für die Angreifer aus, sondern auch dahinter. Ukrainische Drohnen treffen immer mehr russische Ziele auf besetzten Gebieten und unterbrechen Nachschubrouten in 100 Kilometern Entfernung zur Front – die jahrelang als vergleichsweise sicher galten. Die Attacken führen zu Treibstoffengpässen auf der Krim und bedrohen die Versorgung russischer Soldaten an der ukrainischen Südfront. Mit der Folge, dass der russische Vormarsch dort – anders als im Donbass – vollständig zum Erliegen gekommen ist. Neben dieser erfolgreichen Taktik sogenannter Middle Strikes erweitert die Ukraine auch ihre Angriffe in der Tiefe Russlands, auf Ölexport-Terminals, Raffinerien, Sprengstoff- und Mikrochipfabriken. 66 solcher Angriffe zählten Beobachter seit Jahresbeginn. Das sind zwar nur halb so viele wie im zweiten Halbjahr 2025. Doch auffällig ist eine andere Zahl: Nur sechs Prozent dieser Attacken erreichten im ersten Halbjahr 2025 Ziele in mehr als 900 Kilometern Entfernung von der Grenze. Seit Anfang dieses Jahres hingegen: 45 Prozent. Luftalarm ist in den vergangenen Wochen bereits mehrfach hinter dem Ural ausgerufen worden – in etwa 3.000 Kilometern Entfernung zur Ukraine. Der Krieg hat nicht nur Russland erreicht, sondern frisst sich immer tiefer in sein Staatsgebiet hinein – das nicht mehr so endlos wirkt wie bisher. Militärexperten sind sich einig: Der Krieg sei in eine neue Phase eingetreten, wie etwa bereits das US-amerikanische Institute for the Study of War (ISW) vergangene Woche verkündete. Noch weiter geht der britische Forscher Jack Watling vom Sicherheitsinstitut Rusi: "Der Krieg in der Ukraine hat einen Wendepunkt erreicht", schreibt er im Magazin Foreign Affairs. Nicht nur die neue Qualität der ukrainischen Drohnenangriffe trage dazu bei; auch die 2025 angestoßenen Reformen im ukrainischen Heer hätten die Verteidiger gestärkt, etwa im Hinblick auf Ausbildung und Kommandostruktur. Eine Eroberung des Donbass sei in diesem Jahr nahezu ausgeschlossen, auch 2027 womöglich nicht sicher. "Falls die Ukraine die gegenwärtigen Trends für den Rest des Jahres verstärken kann (...), wird es immer plausibler, dass Kyjiw und seine Partner Moskau von den Vorzügen eines bedingungslosen Waffenstillstandes überzeugen können", schreibt Watling. Auch die Ukraine hofft darauf. Er hoffe auf ein Ende der "heißen Phase" des Krieges schon im November, sagte Selenskyj unlängst bei einem Treffen mit Abgeordneten seiner Partei. Auch sein Stabschef, Ex-Geheimdienstchef Kyrylo Budanow, spricht von einem "Gelegenheitsfenster", das sich geöffnet habe: Die "Voraussetzungen für ein Ende der Kampfhandlungen sind bereits gegeben". Noch konkreter wurde der ukrainische Präsident in einem Interview mit dem US-Sender CBS: "Wir haben ein Zeitfenster bis zum Winter", sagte er dort. Der Verweis auf den Winter ist kein Zufall. Denn die Aussicht auf die kalte Jahreszeit ist das wichtigste Ass, das der russische Präsident trotz der für ihn schwierigen Lage an der Front noch im Ärmel hat. Es erscheint plausibel, dass er zumindest androhen wird, es auszuspielen, ehe er sich zu ergebnisoffenen Verhandlungen bereiterklärt. Denn schon die russischen Angriffe auf die ukrainische Strominfrastruktur im Winter 2025/26 hatten die Ukraine an den Rand einer humanitären Katastrophe gebracht. Bis auf ihre Atomkraftwerke hat das Land kein einziges Kraftwerk mehr, das nicht mindestens einmal attackiert worden ist. Die Stromausfälle in Kyjiw, Charkiw und weiteren Großstädten waren im vergangenen Winter so schwerwiegend wie in keinem Kriegswinter zuvor. Und Reparaturen dürften in den verbliebenen vier Monaten bis Oktober, dem Beginn der Heizsaison, nur punktuell möglich sein. Noch schwerer wiegt der Mangel an Flugabwehrraketen. Die Ukraine hatte schon in den vergangenen Jahren erhebliche Schwierigkeiten damit, Pac-3-Flugkörper für seine Patriot-Abwehrsysteme zu beschaffen – die einzigen, die Russlands ballistische Raketen zuverlässig abschießen können. Nachdem die USA mehr als Tausend solcher Raketen im Irankrieg verschossen haben, herrscht in Kyjiw kaum noch Hoffnung auf größere Lieferungen. Denn um einen Unterschied zu machen, müssten diese erheblich sein: 604 Marschflugkörper und 547 ballistische Raketen setzte Russland zwischen Oktober und März ein. Ähnlich viele dürften es in diesem Winter werden. Der Kyiv Independent berichtet unter Berufung auf zahlreiche ukrainische Regierungsbeamte: Das, und nicht die vergleichsweise positiven Entwicklungen an der Front, dominiere hinter verschlossenen Türen die Erwartungen an die kommenden Monate. Ohne ausreichende Flugabwehr kann die Ukraine der Gefahr aus Russland wenig entgegensetzen – was für Putin den Anreiz erhöht, noch mindestens einen Winter lang zu versuchen, den Willen der Ukrainerinnen und Ukrainer zu brechen. Oder schon unter dieser Androhung bei möglichen Verhandlungen in diesem Jahr Zugeständnisse einzufordern, welche die Ukraine nicht einzugehen bereit ist. Zwei Faktoren könnten diese Dymanik verändern. Der erste wäre ein ukrainischer Durchbruch an der Front, der Putin unter Zugzwang setzen könnte. Danach sieht es derzeit allerdings nicht aus. Die Ukraine mag Russlands Vormarsch gestoppt haben; doch einen Weg, mit großen mechanisierten Angriffen die gegnerischen Linien trotz der permanenten Gefahr von Drohnenangriffen zu durchbrechen, hat bislang keine der Kriegsparteien gefunden. Der zweite Faktor wäre Abschreckung: Ein Arsenal an ukrainischen ballistischen Raketen, mit denen das Land Stromausfälle in Kyjiw mit ähnlichen Zuständen in Moskau beantworten könnte. Fire Point, der größte ukrainische Drohnenhersteller, arbeitet momentan an zwei Modellen ballistischer Raketen, die dazu angeblich noch bis zum Herbst in der Lage sein sollen. Doch bisher blieben Produktionszahl und Zeitrahmen für andere Waffen der Firma weit hinter deren Versprechungen zurück. Die Hoffnung, Russland mit eigenen Waffen unter Druck setzen zu können, ist derzeit nicht ausreichend belegt. Und so ist es weiterhin Putin, der maßgeblich darüber entscheidet, ob der Krieg schon dieses Jahr endet – eine Feststellung, der auch Selenskyj nicht entgehen kann. Am Ende seines Briefes an Russlands Staatschef ließ er es sich zwar nicht nehmen, ihn subtil zu bedrohen: "Auch Sie werden viel härter um die eigene Existenz kämpfen müssen", schrieb Selenskyj mit Blick auf die Schwächen in der russischen Wirtschaft und die Unzufriedenheit der Bevölkerung über den anhaltenden Krieg. Die russische Geschichte zeige, was "Sie genau wissen: Wenn Russland müde wird, kommt es zum Wandel. Wir können zu dieser Müdigkeit beitragen." Und dennoch endet Selenskyjs Brief mit einer verkappten Bitte: "Sie können den Krieg beenden." Die Reaktion des russischen Staatschefs kam am Tag darauf, beim Internationalen Wirtschaftsgipfel in St. Petersburg. Als Antwort auf den Brief richtete sich Putin an seine Soldaten in der Ukraine: "Arbeitet, Brüder!" Markus Frohnmaier, Vizechef der AfD-Fraktion im Bundestag, gehört zu mehreren Politikern der Partei, die am Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg teilnehmen. Dort traf er sich unter anderem mit Kirill Dmitrijew – dem Chef des russischen staatlichen Investitionsfonds, der zuletzt Putins Sondergesandter für Gespräche mit den USA war und somit Einfluss auf den Verlauf der US-moderierten Friedensgespräche nahm. Dmitrijew schrieb auf X, er habe mit Frohnmaier über "wirtschaftliche Kooperation mit Deutschland" gesprochen – und bewarb dessen Partei: Fronhmaier traf sich nach in St. Petersburg auch mit Alexej Miller, dem Chef des staatlichen russischen Gazprom-Konzerns. Dabei warb er nach eigenen Angaben für eine Wiederaufnahme von Gasimporten aus Russland. Lob für die AfD gab es derweil von Putin persönlich: Die Partei sei in Umfragen so stark, weil sie "die Interessen des deutschen Volkes klar und deutlich" artikuliere, sagte der russische Staatschef laut der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Tass. Beitrittsgespräche: Die EU will die formellen Beitrittsverhandlungen mit der Ukraine in Kürze eröffnen. Möglich wurde dies nach einer Einigung zwischen Ungarn und der Ukraine zur ungarischen Minderheit im Westen des Landes. Sie soll mehr Autonomierechte erhalten – im Gegenzug stimmt Ungarn dem Beginn von Beitrittsgesprächen zu. Bisher hatte die ungarische Regierung diesen Schritt blockiert. Wirtschaftsforum: Zum Start des Internationalen Wirtschaftsforums in St. Petersburg hat die Ukraine mehrere Ziele in der zweitgrößten russischen Stadt angegriffen, darunter ein Exportterminal für Öl. Auch griff die Ukraine ein russisches Kriegsschiff auf dem Marinestützpunkt Kronstadt in der Bucht vor St. Petersburg an. An dem Wirtschaftsgipfel nehmen erstmals seit Jahren auch wieder deutsche Unternehmer teil. Rumänien: Eine fehlgeleitete Seedrohne ist nach Angaben des rumänischen Verteidigungsministeriums im Hafen Constanța, etwa 140 Kilometer südwestlich der rumänisch-ukrainischen Grenze, explodiert. Dabei seien keine Schäden entstanden. Das ukrainische Militär teilte mit, es habe sich um eine ukrainische Seedrohne gehandelt, die durch elektronische Störmaßnahmen Russlands vom Kurs abgebracht worden sei. Bereits bei Abstürzen mehrerer ukrainischer Drohnen in den baltischen Staaten hatte die Ukraine Russland vorgeworfen, die Drohnen gezielt auf Nato-Gebiet umzuleiten. Rumänien teilte mit, die Ukraine habe rechtzeitig vor der fehlgeleiteten Drohne gewarnt, was eine Evakuierung ermöglicht habe. Den Rückblick auf die vergangene Woche finden Sie hier. Verfolgen Sie alle aktuellen Entwicklungen im russischen Krieg gegen die Ukraine in unserem Liveblog.