1000 Jahre alter »Teppich von Bayeux« reist in Spezialkiste nach London

Datum04.06.2026 14:57

Quellewww.spiegel.de

TLDRDer 1000 Jahre alte Teppich von Bayeux reist von Frankreich nach London. Das fragility Kunstwerk wird in einer speziellen Hightech-Kiste transportiert, um Erschütterungen und wechselnde Umgebungsbedingungen zu vermeiden. Trotz umfassender Sicherheitsmaßnahmen äußern Experten Bedenken wegen der Zerbrechlichkeit des 70 Meter langen Bildteppichs, der die normannische Eroberung Englands darstellt. Die Ausstellung im British Museum findet vom 10. September 2026 bis 11. Juli 2027 statt.

InhaltDie Tapisserie von Bayeux gehört zu den bedeutendsten Kulturobjekten der Welt – und zu den fragilsten. Per Lkw soll das rund 70 Meter lange Kunstwerk bald von Frankreich nach England gebracht werden. Hält es das aus? Erstmals seit mehr als 900 Jahren wird der berühmte Teppich von Bayeux wieder in Großbritannien zu sehen sein – für eine Ausstellung in London. Die Reise nach Großbritannien ist nicht nur umstritten, sie ist auch logistische Schwerstarbeit. Das französische Kulturministerium hat jetzt bekannt gegeben, wie das knapp 70 Meter lange und etwa 350 Kilogramm schwere Werk unbeschadet ins British Museum gelangen soll. Fachleute aber sind weiterhin besorgt. Der rund 1000 Jahre alte Bildteppich zeigt die Eroberung Englands durch Wilhelm den Eroberer und die Schlacht von Hastings im Jahr 1066. Die Unesco listet ihn als bedeutendes Objekt der europäischen Geschichte. Normalerweise wird der Teppich im Museum von Bayeux in Frankreich ausgestellt. Während das Museum renoviert wird, bekommt die Tapisserie ab September einen Gastauftritt im British Museum. Das Kunstwerk soll dafür in einer eigens konstruierten schwarzen Transportkiste nach London gebracht werden, teilte das Kulturministerium mit. Die Hightech-Box sitzt auf Federn, um Erschütterung abzufangen, und soll Temperatur und Luftfeuchtigkeit konstant halten. Zuvor wurden nach Angaben des zuständigen Transportunternehmens mehrere Probefahrten mit einer detailgetreuen Kopie durchgeführt: Sensoren zeichneten dabei jede Bodenunebenheit, jede Kurve und jeden Bremsvorgang exakt auf, um die Route zu optimieren und die Kiste entsprechend zu justieren. "Nichts, absolut nichts ist dem Zufall überlassen worden", sagte Kulturministerin Catherine Pégard laut der französischen Nachrichtenseite "ici" ; in der speziell gedämpften Halterung im Inneren des Containers würden alle Vibrationen abgefangen. Der Transport soll im Juli per Lkw erfolgen – auch durch den Eurotunnel. Das genaue Datum aber bleibt aus Sicherheitsgründen geheim. Gleichzeitig wächst die Nervosität unter Fachleuten. Textilrestauratoren und Mitglieder von Kulturvereinen erinnern daran, dass es sich um 1000 Jahre alte Leinen- und Wollfasern handelt, die bereits stark geschwächt seien. Eine Petition gegen den Transport sammelte in Frankreich Zehntausende Unterschriften; Kritiker sprechen von einem unnötigen Risiko für das Kunstwerk. "Es handelt sich um Textilfasern, die 1000 Jahre alt und äußerst fragil sind", sagt Julien Lacaze, Pressesprecher des Vereins "Sites et Monuments"  am Donnerstag dem Radiosender "Franceinfo" . "Es gibt nichts Zerbrechlicheres als ein 1000 Jahre altes Textil. Man hat den Eindruck, es sei in gutem Zustand, aber es ist durchlöchert, abgenutzt, ermüdet. All das ist von allen Restauratoren sehr genau beschrieben worden." Schon jetzt ist das Ende des Teppichs beschädigt. Er ist mit großer Wahrscheinlichkeit unvollständig. Was fehlt? Einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gehen davon aus, dass das Kunstwerk ursprünglich mit einer gestickten Darstellung von Wilhelms Krönung in der Westminster Abbey endete, die am Weihnachtstag des Jahres 1066 stattfand. Trotz der Kritik bleibt der Zeitplan für die Leihgabe vorerst unverändert. Paris und London verweisen auf umfangreiche Sicherungsmaßnahmen. Die britische Regierung versicherte den Teppich für einen geschätzten Wert von 800 Millionen britische Pfund, umgerechnet etwa 925 Millionen Euro. Die Police gilt sowohl für den Transport als auch für die Zeit der Präsentation im British Museum, wie die "BBC" im Dezember 2025 berichtete . Der fast 1000 Jahre alte Teppich von Bayeux ist heute etwa 68 Meter lang und schwankt in der Höhe je nach Abschnitt zwischen etwa 50 Zentimetern ursprünglichem Leinen und bis zu 70 Zentimetern, wo im Lauf der Zeit Stoff hinterlegt wurde. Das Werk besteht aus Leinenbahnen. Gemalt wurde mit vier Farbstoffen, aus denen sich eine Vielzahl von Nuancen ergibt, und fünf Sticksticharten kamen laut dem British Museum  zum Einsatz. Dargestellt sind demnach: Vom 10. September 2026 bis zum 11. Juli 2027 soll der Teppich von Bayeux im British Museum zu sehen sein. Die Tapisserie wird flach ausgebreitet und über ihre gesamte Länge in einer eigens konzipierten Vitrine ausgestellt – nicht wie bisher vertikal hängend. Das teilte das Museum bereits Mitte Mai 2026 mit.  Der Kartenverkauf für die allgemeine Öffentlichkeit soll am 1. Juli beginnen. Die Preise für Erwachsene liegen je nach Zeitpunkt des Besuchs zwischen 25 und 33 britischen Pfund, also rund 28 bis 38 Euro. Wer nicht so lange warten will, kann das Kunstwerk auf einer Webseite des Musée de la Tapisserie de Bayeux  digital erkunden. Einzelne Szenen lassen sich über Nummern auswählen, die Betrachter können hinein- und herauszoomen und sich Übersetzungen der lateinischen Inschriften einblenden lassen. Wo der Teppich von Bayeux einst angefertigt wurde, ist nicht abschließend geklärt. Wie das British Museum berichtet,  haben Historiker im Laufe der Jahre diverse Orte auf beiden Seiten des Ärmelkanals als Herstellungsort vorgeschlagen. Die meisten Fachleute gehen demnach heute davon aus, dass der Teppich in England entstanden ist, vermutlich in oder um Canterbury. Dafür spricht der Einfluss bestimmter Handschriften auf das Design des Teppichs, die in den Klosterbibliotheken von Canterbury hergestellt wurden oder sich dort befanden. Auch die Auftraggeber des Teppichs sind unbekannt. Ideen gibt es einige: darunter Mathilda, die Ehefrau Wilhelms des Eroberers, Edith, die Königin des englischen Königs Eduard, sowie die Mönche des Augustinerklosters in Canterbury. Die meisten Historikerinnen und Historiker gehen laut dem British Museum jedoch davon aus, dass Wilhelms Halbbruder, Bischof Odo von Bayeux, beteiligt war – "vor allem, weil er in der Bildsprache des Teppichs so prominent erscheint", wie es auf der Website heißt.