USA: Erfolge, kaum Patzer: Obama-Museum in Chicago öffnet bald

Datum04.06.2026 07:05

Quellewww.zeit.de

TLDRDas Obama Presidential Center in Chicago, das am 19. Juni 2024 öffnet, präsentiert Barack Obamas politische Karriere und Erfolge, darunter "Obamacare" und die Tötung Bin Ladens. Es unterscheidet sich von traditionellen Präsidentenbibliotheken durch seinen interaktiven, weniger archivarischen Ansatz. Fragwürdige Aspekte seiner Amtszeit, wie die Abhöraffäre oder Drohnenangriffe, werden nur gering thematisiert. Das Center soll die strukturell schwache Gegend beleben, wirft aber auch Bedenken hinsichtlich Verdrängung auf. Der Bau kostete rund 850 Millionen US-Dollar.

InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „USA“. Lesen Sie jetzt „Erfolge, kaum Patzer: Obama-Museum in Chicago öffnet bald“. Wer sich in den Süden von Chicago begibt, findet im Jackson Park einen riesigen Betonklotz vor. In dem grauen Turm, dem Obama Presidential Center, werden Barack Obamas politische Laufbahn und Erfolge ausgestellt: Wie er seine Karriere in Chicago begann, sozial benachteiligten Menschen half, als demokratischer Senator in den Kongress in Washington einzog und als erster schwarzer US-Präsident das Land regierte. Das interaktive Museum, das am 19. Juni seine Pforten öffnen wird, ist keine Präsidentenbibliothek im eigentlichen Sinn, wie sie viele seiner Vorgänger hinterlassen haben. Im Obama Presidential Center finden sich weder Bücherwände noch Archive voller Dokumente, es herrscht keine Stille. Infowände und Videos thematisieren Verdienste und Errungenschaften des 64-Jährigen – etwa die mühsame Neustrukturierung der Gesundheitsversorgung, "Obamacare" genannt, oder die Tötung des Al-Kaida-Terrorchefs Osama bin Laden. Besucher können durch ein nachgebautes Oval Office in Originalgröße gehen. Als Beispiel für Obamas diplomatische Bemühungen wird seine Rede vor dem Brandenburger Tor mit Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel gezeigt.  Obama habe zwar die Richtung vorgegeben und wolle Exponate prüfen, sagt Michael Strautmanis, Leiter Unternehmenskommunikation und Politik bei der Obama-Stiftung, der Deutschen Presse-Agentur: "Aber im Großen und Ganzen lässt er die Leute einfach ihre Arbeit machen." Fehltritte und umstrittene Praktiken, etwa das Abhören von Merkels Telefon, fallen beim Durchgang durch das Museum dagegen nicht auf. "Ausspähen unter Freunden, das geht gar nicht", kritisierte die Kanzlerin damals. Auch die gezielten und als völkerrechtswidrig verurteilten Tötungen von Terroristen in Pakistan durch Drohnen des US-Militärs oder die Abschiebungen von Millionen von Menschen aus den USA muss man suchen. Das Zögern Obamas mit einer Reaktion nach dem Giftgaseinsatz in Syriens Hauptstadt Damaskus – der Demokrat hatte dies als rote Linie bezeichnet – wird so dargestellt, als ob der Verzicht auf einen Militärschlag allein am Kongress gelegen habe. Dabei konnte sich Obama selbst nie dazu durchringen. Strautmanis hingegen betont, Niederlagen seien durchaus Thema der Ausstellung. So habe es der Friedensnobelpreisträger bis zum Ende seiner achtjährigen Präsidentschaft 2017 nicht geschafft, die Waffengewalt im Land in den Griff zu bekommen. Angelastet wird das seit jeher aber vor allem den Republikanern und der mächtigen Waffenlobby in den USA, weniger Obama. Auf dem rund 7,8 Hektar (etwa elf Fußballfelder) großen Campus finden sich neben dem Museum auch ein Forum, eine Mehrzweckhalle und ein Teil der öffentlichen Stadtbibliothek. Obama wählte den Jackson Park nicht ohne Grund für sein Vermächtnis: Seine Frau Michelle ist im Süden der Stadt aufgewachsen, hat ihn hier geheiratet und seine Töchter Malia und Sasha zur Welt gebracht. Zwölf Jahre lang unterrichtete Obama an der University of Chicago, in der "South Side" begann sein Aufstieg bis zum 44. Präsidenten der USA. Die Obama-Stiftung betont, dass der Campus die Entwicklung der strukturell schwachen Gegend mit hoher Kriminalitätsrate ankurbeln solle. Rund um den Jackson Park leben vor allem Afroamerikaner, viele davon unter der Armutsgrenze. Die Stiftung hofft auf neue Jobs – Bürger in den angrenzenden Vierteln befürchten, durch steigende Mieten verdrängt zu werden. Ob sie vom Obama Presidential Center profitieren, bleibt abzuwarten. Strautmanis sagt dazu: "Die lauteste Stimme im Raum spricht nicht für alle Anwesenden." Der Bau kostete nach Stiftungsangaben rund 850 Millionen US-Dollar (rund 730 Mio Euro) und wurde über Spenden realisiert. In den vergangenen Jahren unterstützten unter anderem der Amazon-Gründer Jeff Bezos sowie die Stiftung der Milliardäre Bill und Melinda Gates die gemeinnützige Organisation. Ursprünglich war die Fertigstellung laut der Zeitung "Chicago Tribune" für 2020 oder 2021 geplant. Prüfungen durch Bundesbehörden und eine Klage von Park-Aktivisten verzögerten allerdings den Baubeginn um rund fünf Jahre. Mit dem Vermächtnis knüpft Obama an eine jahrzehntelange Tradition an: Seit Franklin Roosevelt ließen auch andere Präsidenten wie Harry Truman und George Bush Bibliotheken errichten. Alle früheren Stätten wurden nach Fertigstellung an die staatliche Archivbehörde NARA (National Archives and Records Administration) übergeben und von dieser organisiert. Die NARA bereitete auch die Watergate-Affäre rund um US-Präsident Richard Nixon in dessen Bibliothek für die Öffentlichkeit auf. Die Obama-Stiftung betreibt dagegen das Presidential Center selbst und lagert im Gegensatz zu früheren Präsidentenbibliotheken keine physischen Regierungsakten vor Ort, diese wurden digitalisiert. Kritiker monieren, dass die Privatisierung die Tür für parteiische Einflussnahme bei der Kuratierung öffne. Auch der jetzige US-Präsident Donald Trump liebäugelt bereits mit seinem Vermächtnis – das allerdings weniger an eine Bibliothek oder ein Museum erinnern könnte: Neben einem Hotel und möglichen Büros soll in dem geplanten Komplex in Miami auch eine Boeing 747 Air Force One untergebracht werden. Für das Museum seines politischen Widersachers hat Trump nur Spott übrig: Auf Truth Social zeigte er das Bild einer gigantischen Mülltonne, die mit "Obama Presidential Library" betitelt ist. Den Adressaten lässt das indes kalt: In Obamas Ausstellung ist Trump nirgendwo Thema. © dpa-infocom, dpa:260604-930-170916/1