Datum04.06.2026 05:00
Quellewww.zeit.de
TLDRDie Mittelmeerfruchtfliege stellt eine Gefahr für Obstbauern dar. Ihre nicht spezialisierten Larven fressen sich durch über 350 Fruchtsorten, darunter Äpfel und Pfirsiche. Obwohl in Deutschland seit den 1930ern bekannt, war ein Massenbefall 2023 besorgniserregend. Die Fliegen sind nicht winterhart, doch der Klimawandel könnte die Überwinterung begünstigen. Aktuell ist eine Bekämpfung chemisch notwendig, da natürliche Fressfeinde fehlen.
InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Agrar“. Lesen Sie jetzt „Warum diese Fliege gefährlich werden könnte“. Wo sich die Larven der Mittelmeerfruchtfliege durchs Fruchtfleisch fressen, werden Äpfel, Pfirsiche und Co. richtig matschig. Ein großer Befall könnte für Obstanbauer zum Desaster werden. Daher hat das Landwirtschaftliche Technologiezentrum (LTZ) Augustenberg in Karlsruhe die Tiere genau im Visier. Anders als ihr Name vermuten lässt, stammt die Mittelmeerfruchtfliege (Ceratitis capitata) aus den östlichen Gebieten von Subsahara-Afrika - also aus tropischen Gefilden. Ausgewachsen ist sie laut LTZ etwa 3,5 bis 5,5 Millimeter lang und hat eine markante Zeichnung auf den Flügeln. Während die Weibchen einen Lege-Apparat am Hinterteil haben, besitzen Männchen "Augenbürsten". Die Weibchen legen ihre Eier unter die Schale von heranreifenden Früchten. Das sind den Angaben nach im Schnitt 300 pro Weibchen - es können aber auch mal bis zu 1.000 werden. Die bis zu neun Millimeter langen Larven fressen sich durchs Fruchtfleisch, bis sie in den Boden wechseln und sich dort verpuppen. Weil Mittelmeerfruchtfliegen anders als die heimischen Walnussfruchtfliegen oder Kirschfruchtfliegen bei der Nahrungssuche nicht spezialisiert sind. "Sie stürzen sich im Grunde auf alle Früchte", sagt Doris Betz vom LTZ. "Das macht einen Schädling zum Superschädling." Mehr als 350 mögliche Wirtspflanzen sind bekannt - darunter viele landwirtschaftliche Nutzpflanzen wie Zitrusfrüchte, Stein- und Kernobst und einzelne Gemüsekulturen wie Paprika. In Deutschland kommen die Tiere demzufolge vor allem an Äpfeln und Pfirsichen vor. "Birnen und Aprikosen sind ebenfalls gelegentlich betroffen." Mittelmeerfruchtfliegen hätten eine Präferenz für dünnhäutige und im reifen Zustand saftige Früchte, "da dabei die Bedingungen für Eiablage und Entwicklung besonders günstig sind". Die Anstiche sehen meist nicht besonders auffällig aus. Fressen sich die Larven aber durch das Obst, werden die Früchte matschig und bekommen vor allem im Inneren dunkle Flecken. Pilze und Bakterien können sie dann einfacher befallen. Weil Mittelmeerfruchtfliegen in Südeuropa schon lange verbreitet sind, sind die Tiere Betz zufolge in der EU nicht meldepflichtig. Länder wie die USA, China und Japan hätten sie aber als sogenannte Quarantäne-Erreger eingestuft. Wer in diese Länder Obst exportieren will, muss nachweislich frei von Mittelmeerfruchtfliegen sein beziehungsweise strenge Einfuhrauflagen erfüllen. Das können zum Beispiel zertifizierte Kältebehandlungen während des Transports sein, welche die Tiere nicht überleben. In Deutschland ist die Mittelmeerfruchtfliege seit den 1930er Jahren bekannt. "In der Folgezeit kam es immer wieder zu Jahren mit teils erheblichen Schäden an Obstkulturen", heißt es beim LTZ. Allerdings war das Aufkommen meistens örtlich und zeitlich sehr begrenzt, wie Betz sagt. Das zeigte sich den Angaben nach auch vor einigen Jahren bei einem Monitoring des Julius Kühn-Instituts. Die Insekten seien mutmaßlich mit Obst-Importen eingeschleppt worden. Sie tauchten vor allem dort auf, wo Früchte in größeren Mengen weggeschmissen werden, sagt die Expertin. Dazu zählten insbesondere Großmärkte, Mülldeponien oder private Kompostanlagen. 2023 seien die Fliegen allerdings in Süddeutschland massiv und weit verbreitet aufgetaucht und hätten Äpfel, Aprikosen, Pfirsiche und Kakis befallen, sagt die Fachfrau. "Wir hatten Befallsmeldungen aus allen Anbauregionen in Baden-Württemberg." Auch Teile Bayerns seien betroffen gewesen. Die Ursache dafür sei nicht abschließend geklärt. Wahrscheinlich ist laut Betz jedoch ein hohes Befallsaufkommen in anderen Anbauländern und der Import von befallenen Früchten. In den Folgejahren habe es weniger Probleme gegeben. Weder die erwachsene Fliege noch die Eier und Larven gelten als sonderlich tolerant gegenüber Kälte. Ein Befall findet in der Regel also saisonal statt. In Wien kommen die Tiere seit Jahren in einer bestimmten Kleingartenanlage vor. Versuche mit gezüchteten Fliegen ergaben dort, dass im Freiland kein Exemplar - egal in welchem Entwicklungsstadium - den Winter überlebte. Im geschützten Keller der Forschungseinrichtung aber gelang es erstaunlich vielen. Auch im Norden Baden-Württembergs stellt sich die Frage, ob die Insekten eine Möglichkeit der Überwinterung gefunden haben - etwa in Hecken oder Schuppen. Genau haben die Forscher das noch nicht herausgefunden. Sie sind unter anderem mit Monitoringfallen unterwegs und stellen die winterlichen Wetterbedingungen im Labor in einem Klimaschrank nach. "Es reicht schon, wenn einige Individuen überwintern und dann die ersten Früchte der Saison befallen können", erklärt Betz. Dann könnten sich theoretisch mehrere Generationen entwickeln. Bislang sei das in Deutschland aber sehr unwahrscheinlich, 2023 etwa hätten die Fliegen den Erkenntnissen zufolge nur einmal Eier ablegen können. "Wenn der Befall nach vorne verrutscht, also etwa Kirschen betrifft, wäre das besorgniserregend." Im Freiland kommen größere, dauerhaft überwinternde Populationen Betz zufolge bislang in einer Region bis zu einem Breitengrad etwa auf Höhe Nordgriechenlands vor. "Die Grenze verschiebt sich mit dem Klimawandel immer mehr nach Norden." Jedoch würde es noch lange dauern, bis sich die aus tropischen Gefilden stammenden Fliegen hierzulande vollends etablieren und im Freiland überwintern können. "Es besteht also erstmal kein Grund zu Panik." Einige wenige Wespenarten fressen die Fliegen oder befallen sie als Parasit. Weil diese hierzulande allerdings bislang nur vereinzelt vorkommen, gibt es keine spezialisierten Gegenspieler. "Da bleibt bei einem Befall nichts anderes übrig als zu spritzen", sagt Betz. Die deutschen Stellen stünden mit Kolleginnen und Kollegen aus betroffenen Ländern in Kontakt, um sich zu Erfahrungen, aktuellen Ergebnissen und Strategien zur Regulierung auszutauschen. © dpa-infocom, dpa:260604-930-170632/1