Datum02.06.2026 20:54
Quellewww.spiegel.de
TLDREin Polizeifehler in Großbritannien führte zur Festnahme eines als Opfer eines Messerstichs schwer verletzten 18-Jährigen, der später an seinen Verletzungen starb. Bodycam-Aufnahmen zeigen, wie Polizisten dem Sterbenden Handschellen anlegen, während der wahre Täter, ein 23-jähriger Sikh, sich als Opfer ausgab. Der Vorfall hat eine hitzige Debatte über Rassismus, Polizeigewalt und die Auswirkungen von Antirassismusbemühungen ausgelöst. Premierminister Keir Starmer hat eine Untersuchung angekündigt.
InhaltEin 23-Jähriger aus der Sikh-Gemeinschaft sticht auf einen 18-Jährigen ein. Als die Polizei eintrifft, hält sie aber zunächst den verletzten Teenager für den Täter. Bodycamaufnahmen lösen in Großbritannien einen Aufschrei aus. Sie erhalten mehr Inhalte von uns in Ihren Suchergebnissen. Ein schwerwiegender Polizeifehler hat in Großbritannien eine weitreichende Rassismus-Debatte ausgelöst. Was ist passiert? Hintergrund ist ein Fall aus dem Dezember 2025. Ein 23 Jahre alter Mann aus der Sikh-Gemeinschaft ermordete bei einem Messerangriff in Southampton einen weißen 18 Jahre alten Studenten. Als die Polizei damals am Tatort eintraf, gab sich der eigentliche Täter jedoch als Opfer aus. Er behauptete, der 18-Jährige habe ihn rassistisch beleidigt. Das Video einer Bodycam zeigt, wie der 18-Jährige zu dem Zeitpunkt auf dem Boden liegt. Mehrmals sagt er, dass er niedergestochen worden sei. Und: "I can't breathe", auf Deutsch: "Ich kann nicht atmen". Die Polizisten glauben dem Teenager jedoch nicht und legen ihm, dem wahren Opfer, Handschellen an. Offenbar sahen sie auch die Stichverletzung an der Brust nicht. Der 18-Jährige starb noch am Tatort, laut Polizeiangaben an inneren Blutungen. Der 23-Jährige Mann wurde mittlerweile als echter Täter überführt und vor wenigen Tagen zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Das Video des Polizeieinsatzes gelangte im Laufe des Prozesses an die Öffentlichkeit. Die Aufnahmen wurden vielfach in sozialen Medien geteilt und kommentiert. Etwa US-Milliardär Elon Musk äußerte sich dazu, er bot den Angehörigen des Opfers Geld für eine Privatklage gegen die Polizei an. Vonseiten rechter und konservativer Politiker wurden als Ursache für den krassen Polizeifehler rasch die Bemühungen um Rassismusbekämpfung ausgemacht. Liberale und linke Politiker hingegen witterten rechte Stimmungsmache. Nigel Farage, der rechtspopulistische Chef der Partei Reform UK, die derzeit die Umfragen in Großbritannien anführt, sah einen umgekehrten George-Floyd-Moment gekommen. Der schwarze US-Bürger George Floyd war 2020 bei einem brutalen Polizeieinsatz getötet worden und hatte, ebenfalls am Boden liegend, immer wieder "I can't breathe" gesagt. Im Anschluss hatte es in den USA und vielen anderen Ländern eine Protestwelle gegen Rassismus und Polizeigewalt unter dem Motto "Black Lives Matter" gegeben. In einem Videoaufruf auf der Plattform X prangerte Rechtspopulist Farage nun eine angebliche Zweiklassenkultur an, "in der die Rechte und Privilegien weißer Menschen weniger zählen als die ethnischer Minderheiten". Der liberaldemokratische Abgeordnete Max Wilkinson warf Farage daraufhin vor, "eine Tragödie dazu auszunutzen, um Gemeinschaften in Großbritannien auseinanderzubringen". Das sei "spaltend, gefährlich und fundamental unbritisch", so Wilkinson. Premierminister Keir Starmer bezeichnete den Fall als "furchtbar und schockierend". Er begrüßte eine angekündigte Untersuchung durch die Aufsichtsstelle für Polizeiverhalten IOPC. Er habe die "erschütternde" Bodycamaufnahme gesehen, sagte er später in einer Videobotschaft . Als Vater eines 17-Jährigen sei ihm schlecht geworden beim Zusehen, so der Premier. Es gebe nun gewichtige Fragen zu beantworten, nicht zuletzt, wie Rassismusvorwürfe die Entscheidungen in dem Fall beeinflusst hätten. Innenministerin Shabana Mahmood sagte bei einer Debatte im Unterhaus, die Untersuchung solle innerhalb von drei Monaten abgeschlossen werden. Sie warnte jedoch davor, "dass dieser Mord dazu führt, dass Gemeinschaften aufeinander losgehen." Ähnlich hatte sich auch der Vater des 18 Jahre alten Opfers vor Gericht geäußert, wie die britische Nachrichtenagentur PA berichtet: "Wir wollen nicht, dass sein Tod dazu benutzt wird, noch mehr Spaltung, Hass oder Spannung zu schaffen." Rechtsextremist Tommy Robinson rief hingegen in einem wütenden Videoappell zu einem Protest vor dem Polizeihauptquartier in Southampton auf. Er weckte damit Befürchtungen vor einem neuen Krawallsommer. Robinson hatte eine unrühmliche Rolle beim Anheizen rassistischer Ausschreitungen im Sommer 2024 gespielt . Damals wurden England und Nordirland wochenlang von gewaltsamen Ausschreitungen erschüttert. Dem Aufruf folgten bis zum frühen Abend etwa 2000 Menschen, wie der britische Nachrichtensender Sky News berichtet. Laut Innenministerin Mahmood musste bereits ein Polizist mit seiner Familie umziehen, weil er Morddrohungen erhalten hatte, nachdem er fälschlicherweise mit dem Vorfall in Verbindung gebracht worden war.