Datum02.06.2026 20:02
Quellewww.spiegel.de
TLDRIm Prozess um Fabians Tod spielt das Landgericht Rostock grausame Fotos vom Tatort ab. Die Angeklagte, Gina H., wendet ihren Blick ab und schweigt zu den Vorwürfen, den Elfjährigen im Oktober 2025 mit einem Messer getötet und angezündet zu haben. Die Staatsanwaltschaft vermutet eifersüchtige Motive. Der Vater des Opfers, Matthias R., besucht Gina H. in der U-Haft und verteidigt sie. Gerichtsmedizinische Beweise wie Schuhabdrücke werden erörtert.
InhaltIm Prozess um den gewaltsamen Tod des achtjährigen Fabian setzen sich die Menschen im Landgericht Rostock den grausamen Fotos vom Tatort aus. Die Angeklagte aber schaut weg. Sie erhalten mehr Inhalte von uns in Ihren Suchergebnissen. Der Himmel auf den Bildern ist wolkenverhangen. Der Rand eines Waldes ist zu sehen und ein Feld, auf dem Kohl zu wachsen scheint. Zwischen Wald und Feld verläuft ein unbefestigter Weg, an dem ein orangefarbener Ford Ranger parkt. Ganz in der Nähe führt ein Trampelpfad durchs Feld zu einem Tümpel. Es hat offenbar leicht geregnet, der Boden wirkt matschig. Hohes Gebüsch ist zu sehen, dahinter ein lebloser Körper. Vom Feldweg aus ist die Kinderleiche nicht zu sehen. Die Fotos, die der Vorsitzende Richter Holger Schütt an diesem Dienstag im Saal des Landgerichts Rostock zeigen lässt, sind am 14. Oktober 2025 entstanden, am Rande des Ortes Klein Upahl im Südwesten des Landkreises Rostock. Es ist der Tag, an dem die Polizei die Leiche des achtjährigen Fabian aus Güstrow gefunden hat. Die Polizei hat die Bilder gemacht. Die Ermittler erstellten auch eine 3D-Tatortrekonstruktion, das Ergebnis erinnert an Google Street View. Anhand der Bilder lässt sich der Tatort im Gerichtssaal digital erkunden. Seit Ende April muss sich Gina H. wegen des Vorwurfs des Mordes vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Rostock verantworten. Die Staatsanwaltschaft ist davon überzeugt, dass die 30-Jährige den Jungen an dem Tümpel ermordet hat. Mindestens sechs Mal soll sie laut Anklage am 10. Oktober mit einem Messer auf das Kind eingestochen haben. Vier Tage später, am 14. Oktober, war sie es, die die Polizei zu Fabians Leiche führte. Sie gab an, sie bei einem Spaziergang zufällig entdeckt zu haben. Die Angeklagte bestreitet die Tatvorwürfe; vor Gericht schweigt sie bislang. Die Verteidigung kündigt an diesem Dienstag an, dass sich Gina H. vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt äußern wird. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Gina H. das Kind aus eigensüchtigen Motiven getötet hat, weil sie den Vater des Kindes, Matthias R., ganz für sich haben wollte. Laut Anklage soll sich Gina H. besonders daran gestört haben, dass Matthias R. wegen Fabian weiter Kontakt zur Mutter des Kindes hatte. Im August 2025 hatte Matthias R. die Beziehung zu Gina H. nach vier Jahren beendet. Eine Woche vor Fabians Verschwinden näherten sie sich wieder an. Gina H. und Matthias R. trafen sich, hatten Sex, stritten sich wieder. So hat es der Vater als Zeuge vor Gericht bekundet. Immer wieder war Gina H.s extreme Eifersucht Thema. Davon zeugen unzählige Sprach- und Textnachrichten der beiden, die im Prozess abgespielt und vorgelesen wurden. Inzwischen sind Matthias R. und Gina H. wieder ein Paar. Der Vater, der seinen Sohn durch ein grausames Verbrechen verloren hat, ist zu der Frau zurückgekehrt, die im Verdacht steht, den Jungen getötet zu haben. Matthias R. besucht Gina H. in der Untersuchungshaft, kümmert sich um ihre Pferde und schien auch vor Gericht sehr bemüht, sie in einem guten Licht darzustellen. Er sei, sagt er, von ihrer Unschuld überzeugt. Die Beweisaufnahme ähnelt einem Puzzle. Stück für Stück ergibt sich ein Gesamtbild. Die Auswertungen von Handys, Videoaufnahmen, Zeugenaussagen, auch Fotos sollen dem Gericht dabei helfen, sich ein Bild davon zu machen, was vergangenen Herbst mit dem Jungen passiert ist. Fabian war am 10. Oktober, einem Freitag, krank allein zu Hause in Güstrow, 13 Kilometer vom Tümpel entfernt. Als Fabians Mutter von der Arbeit nach Hause kam, war ihr Sohn verschwunden. Fabians Handy lag auf dem Sofa. Um 10.51 Uhr hatte sich Fabians Handydisplay abgeschaltet, nachdem es zuvor fast drei Stunden durchgehend aktiviert war, wie die Ermittlungen ergaben. Drei Minuten vorher, um 10.48 Uhr, filmte eine Überwachungskamera den auffälligen Ford Ranger von Gina H. in der Straße, in der Fabian wohnte. Das Auto fuhr in Richtung seines Zuhauses. Um 10.54 Uhr kam das Auto zurück, nun in Richtung Klein Upahl. Gina H. wird später sagen, sie habe in Güstrow zur Bank gewollt, dann aber gemerkt, dass sie ihr Portemonnaie vergessen habe, weshalb sie wieder umgedreht sei. Die Staatsanwaltschaft hingegen ist davon überzeugt, dass sie Fabian holte und mit dem Kind im Auto zunächst in ein Waldstück südlich von Güstrow fuhr. Um 11.19 Uhr schickte sie einem Freund ein Foto, auf dem ihr Hund auf einem Waldweg zu sehen ist. Ein Förster half den Ermittlern dabei, den Ort zu identifizieren. Er ist 1,6 Kilometer vom Tümpel entfernt, wo später Fabians Leiche gefunden wurde. Ab 11.22 Uhr war das Handy von Gina H. am 10. Oktober dann 80 Minuten lang ausgeschaltet. Laut Anklage soll Gina H. mit Fabian im Auto über einen Feldweg in Richtung Klein Upahl gefahren sein. Kurz nach Verlassen des Waldes habe sie ihren Ford Ranger geparkt. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Angeklagte dann mit Fabian zum Tümpel gelaufen ist. Dort soll Gina H. mit einem Messer plötzlich auf das Kind eingestochenen und es getötet haben. Später soll sie zum Tatort zurückgekehrt sein, den toten Jungen mit flüssigem Grillanzünder übergossen und in Brand gesetzt haben. Es ist ein furchtbarer Anblick. Richter Schütt hat all die Menschen im Saal auch an diesem Tag gewarnt: Die Bilder des toten Kindes könnten schwer zu ertragen sein. Fabians Mutter ist nicht im Saal. Der Körper des Jungen ist großflächig verbrannt, nur sein Gesicht ist von dem Feuer weitgehend verschont geblieben. Ist das Zufall? Oder schreckte der Täter davor zurück, die brennbare Flüssigkeit auch über das Gesicht des Jungen zu gießen? Oder die Täterin? Gina H. guckt jedes Mal weg, wenn der verbrannte Körper des Kindes auf zwei riesigen Leinwänden überlebensgroß im Saal zu sehen ist. Sie hält den Blick gesenkt, schaut auf die Tischplatte vor sich. Es wirkt nicht so, als ertrüge sie den Anblick des toten Jungen nicht. Es wirkt eher so, als hätte sie sich einfach dafür entschieden, nicht hinzugucken. Sie spricht mit ihren Anwälten, manchmal lächelt sie und wirkt recht unbeteiligt. Auch ein Ingenieur des Landeskriminalamtes erstattet an diesem Dienstag sein Gutachten im Prozess. Er hat Schuhabdrücke vom Tatort unter anderem mit Schuhen des Jungen und der Angeklagten verglichen: Demnach passen sieben Abdrücke, die etwa 16 Meter von der Leiche entfernt gesichert wurden, zu Sneakern, wie sie bei Gina H. gefunden wurden. Sehr nahe an diesen Schuhabdrücken fanden die Ermittler fünf Abdrücke, die zu den Turnschuhen passen, die Fabian trug, als er starb. Für die Staatsanwaltschaft heißt das, Fabian bewegte sich am Tümpel noch. War Gina H. bei ihm? Gina H. hat die Polizei am 14. Oktober um 10.22 Uhr angerufen und über den Fund der Leiche informiert. Sie will das tote Kind zufällig beim Spaziergang mit einer Freundin und ihren beiden Hunden entdeckt haben. Später gab sie an, schon in der Nacht zuvor zwei Mal am Tümpel gewesen zu sein, jeweils in Begleitung eines Freundes. Erst mit einem Chirstian D., dann mit einem Olaf K. Die Männer sollen demnächst als Zeugen im Prozess gehört werden. Am Morgen des 14. Oktober sei sie, so Gina H., erneut am Tatort gewesen, diesmal mit einer Freundin. Erst da informierte sie die Polizei. Die Verteidigung gibt sich am Ende des Verhandlungstages gelassen. Das Gutachten zu den Schuhabdrücken habe nichts Überraschendes ergeben, erklärt Verteidiger Andreas Ohm vor Gericht. Der Sneaker, der bei der Angeklagten gefunden wurde und zu den Spuren am Tatort passt, sei ein "Allerweltsschuh", sagt er. Viele Menschen hätten so ein Modell. Der Sachverständige habe zudem nichts zum Alter der Abdrücke am Tatort sagen können. Und es sei ja bekannt, dass Gina H. mehrfach am Tümpel gewesen sei, so Ohm. Die festgestellten Schuhabdrücke ließen keinerlei Rückschlüsse auf ihre Täterschaft zu.