Datum01.06.2026 14:34
Quellewww.spiegel.de
TLDREin neues Medikament namens Daraxonrasib verdoppelt die Überlebenszeit von Patienten mit fortgeschrittenem Bauchspeicheldrüsenkrebs. In einer Phase-3-Studie lebten Patienten, die Daraxonrasib erhielten, durchschnittlich 13,2 Monate, verglichen mit 6,6 Monaten bei Chemotherapie. Das Medikament hemmt beschleunigtes Tumorwachstum. Die Nebenwirkungen waren bei Daraxonrasib seltener schwerwiegend. Die Zulassung in den USA wird erwartet, in Deutschland ist es noch nicht verfügbar.
InhaltEs gilt als besonders aggressive Krebsart: Das Pankreaskarzinom wird oft erst spät entdeckt. Ein neues Medikament kann die Erkrankung in einem fortgeschrittenen Stadium offenbar einige Monate bremsen. Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Bauchspeicheldrüsenkrebs gilt als besonders tückische Erkrankung: Tumoren verursachen oft zunächst keine oder nur unspezifische Beschwerden, deshalb werden sie in vielen Fällen erst erkannt, wenn der Krebs schon gestreut hat. Nur etwa ein Zehntel der Betroffenen lebt fünf Jahre nach der Diagnose noch. Erhebliche Fortschritte erhoffen Mediziner sich von dem neuen Medikament Daraxonrasib. Mit diesem Präparat behandelte Patientinnen und Patienten überlebten doppelt so lange im Vergleich zu Betroffenen, die eine Chemotherapie gegen Bauchspeicheldrüsenkrebs erhielten, berichten Forschende im Fachjournal "New England Journal of Medicine". Daraxonrasib hemmt mutierte Varianten eines Proteins, die in der Zelle Teilungsprozesse anstoßen und das Wachstum von Tumoren beschleunigen. In der Studie ging es um Menschen mit Bauchspeicheldrüsenkrebs, bei denen sich bereits Tochtergeschwülste (Metastasen) gebildet hatten. In dieser fortgeschrittenen Phase der Erkrankung ist die Behandlung nur noch palliativ: es kommt darauf an, Beschwerden zu lindern und eine unter diesen Umständen bestmögliche Lebensqualität zu erreichen. Ein Team um die Onkologin Eileen M. O’Reilly vom Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York untersuchte 500 Erkrankte, die entweder mit Daraxonrasib oder mit einer Chemotherapie behandelt wurden. Patienten, die das Medikament einnahmen, lebten im Mittel noch 13,2 Monate, verglichen mit 6,6 Monaten bei Patienten, die eine Chemotherapie erhielten. Die Zeit, in der die Krankheit nicht fortschritt, war bei der Daraxonrasib-Gruppe mit 7,3 Monaten gut doppelt so lang wie bei der Chemotherapie-Gruppe (3,5 Monate). Bei allen mit Daraxonrasib Behandelten traten Nebenwirkungen auf. In der Chemotherapie-Gruppe galt dies für 97,7 Prozent der Personen. Allerdings fielen die Nebenwirkungen bei dem neuen Medikament verglichen mit der Chemotherapie-Gruppe seltener schwer aus (61,8 gegenüber 69,6 Prozent). Außerdem führten Nebenwirkungen bei den Daraxonrasib-Behandelten seltener dazu, dass eine Therapie abgebrochen wurde (1,2 gegenüber 11,2 Prozent). Bei der Arbeit der Forscher handelt es sich um eine sogenannte Phase-3-Studie. Das ist oft die letzte und entscheidende Hürde vor der Zulassung eines Medikaments. Nach Angaben des Science Media Center (SMC) in Köln hat die US-Behörde für Lebens- und Arzneimittel (FDA) entschieden, dass das Medikament in den USA in bestimmten Fällen schon vor der Zulassung freigegeben werden darf. Fachleute bezeichnen dies als Compassionate-Use-Zugang. Der Hersteller Revolution Medicines plane nun Zulassungsanträge bei der FDA und weltweit. Nach der Veröffentlichung aller Studiendaten werde das Therapiekonzept "sicher in alle nationalen und internationalen Leitlinien aufgenommen", sagte Thomas Seufferlein, Ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin I am Universitätsklinikum Ulm dem SMC. Er war an der Studie beteiligt. "Ich bin mir auch sicher, dass es eine Zulassung für das Medikament geben wird." In Deutschland sei das Medikament bisher nicht verfügbar. Mit Blick auf das Compassionate-Use-Programm in den USA sagte Seufferlein: "Wir hoffen, dass dies auch zeitnah in Europa umgesetzt wird, um die Zeit bis zur Zulassung zu überbrücken." Nicht an der Studie beiliegt war Dieter Saur, Professor für Translationale Tumorforschung an der Technischen Universität München. Er spricht laut SMC von einer der "wichtigsten klinischen Entwicklungen beim metastasierten Pankreaskarzinom seit vielen Jahren". Wenn die Studiendaten von den Zulassungsbehörden bestätigt werden sollten, sei zu erwarten, dass Daraxonrasib rasch zu einer "neuen Standardoption" bei metastasiertem Bauchspeicheldrüsenkrebs werde. Die Studie sei ein "revolutionärer" Durchbruch für Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs, sagte Dietrich Ruess, geschäftsführender Oberarzt und Leiter des Pankreaskarzinomzentrums am Universitätsklinikum Freiburg. Die britische Zeitung "The Guardian" zitierte Rachna Shroff, Leiterin der Onkologie am Krebszentrum der Universität von Arizona, mit den Worten, die Ergebnisse seien "bahnbrechend".