Datum01.06.2026 12:15
Quellewww.zeit.de
TLDRZum Ende des Prozesses nach der Magdeburger Todesfahrt planen mehr als 200 Nebenkläger, darunter auch Opfer, selbst Plädoyers zu halten. Dies ermöglicht ihnen, ihre Sicht auf die Tat und deren Folgen darzulegen. Viele Opfer leiden weiterhin an körperlichen und seelischen Folgen. Der Angeklagte, ein ehemaliger Psychiater, wird als gefährlich für die Allgemeinheit eingestuft. Ein Urteil wird im Juni erwartet, doch für Opfer bleiben Langzeitprobleme, wie Sicherung der finanziellen und psychischen Unterstützung.
InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Magdeburger Todesfahrt“. Lesen Sie jetzt „Wut nach Weihnachtsmarkt-Anschlag: Opfer planen Plädoyers“. Platz ist für Hunderte Opfer und ihre Anwälte im eigens errichteten Gerichtssaal. Von den tribünenartig ansteigenden Plätzen aus könnten die Betroffenen auf den gelb umrandeten Glaskasten blicken, in dem der Todesfahrer vom Magdeburger Weihnachtsmarkt sitzt. In den Reihen saßen an den bislang 33 Verhandlungstagen aber nur jeweils etwa ein Dutzend Betroffene. Anwälte in schwarzen Roben prägten das Bild. Zum Prozessende könnten sich die Reihen aber deutlich füllen. Zusammen gibt es etwas mehr als 200 Nebenkläger. Mehrere Betroffene wollen sogar das Wort ergreifen und selbst Plädoyers, das sind die Schlussvorträge, halten. Das ist ungewöhnlich. In aller Regel übernehmen das Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte wie Petra Küllmei, die gemeinsam mit ihrem Kollegen Thomas Klaus rund 100 Betroffene vertritt. Die Mandanten, die selbst das Wort ergreifen, wollten ihre Sicht noch mal schildern, wie es ihnen ergangen ist und welche Folgen die Tat für sie hat. "Das muss immer respektvoll bleiben", sagt Küllmei. Als Nebenklagevertreterin hat sie schon in anderen Prozessen erlebt, dass etwa Eltern getöteter Kinder selbst ein Schlusswort gesprochen haben, Verlust und Ohnmacht kundtun wollten. Zu ihrem Plädoyer im Weihnachtsmarkt-Prozess sagte sie: "Wir haben uns vorgenommen, jeden Namen zu nennen." Die Verletzungen und die Folgen sollten jeweils genannt werden. Es gebe Familien, über die noch gar nicht gesprochen worden sei und die auch nicht anwesend sein würden, erklärt Küllmei. Doreen Rosenbaum vom Sozialen Dienst der Justiz Sachsen-Anhalt sagt: "Die Wut, die ja immer da war, die muss irgendwo hin. Die findet jetzt einen Kanal." Gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen informierte sie in diesem Prozess 117 Zeugen über das, was auf sie zukommt. 92 von ihnen begleitete sie in den Zeugenstand als emotionale und moralische Unterstützung. Frauen, Männer und Teenager berichteten, wie sie kurz vor Weihnachten 2024 aus der friedlichen Atmosphäre des Weihnachtsmarkts gerissen wurden. Sie verloren Angehörige, erlitten selbst schwerste Verletzungen, waren Helfer. Viele leiden bis heute körperlich und seelisch, meiden Menschenmassen, sind immer auf der Hut. Gutachter bescheinigten vielen eine Posttraumatische Belastungsstörung mit Ängsten, Panikattacken, Schlafstörungen und Konzentrationsstörungen. Seit dem 10. November 2025 verhandelt das Landgericht Magdeburg gegen den inzwischen 51 Jahre alten Taleb al-Abdulmohsen. Eine Minute und vier Sekunden dauerte seine Tat laut der Generalstaatsanwaltschaft Naumburg: Er raste demnach mit einem 340 PS starken Mietwagen über den Weihnachtsmarkt, etwa 350 Meter weit und mit bis zu 48 Kilometern pro Stunde. Fünf Frauen und ein neunjähriger Junge starben. Die Anklage wirft ihm unter anderem vollendeten Mord in sechs Fällen und versuchten Mord in 338 weiteren Fällen vor. Der Angeklagte, der jahrelang als Psychiater im Maßregelvollzug für psychisch kranke Straftäter arbeitete, stellte insbesondere zu Beginn des Prozesses in teils wirren Ausführungen seine Sicht der Dinge dar. Er beschrieb sich selbst als Aktivisten, der insbesondere saudischen Frauen in Asylfragen geholfen habe. Mit deutschen Behörden geriet er immer wieder in Konflikte, spricht von vermeintlichen Vertuschungsaktionen von Polizei und Justiz sowie Korruption. Im Prozess spielten immer wieder auch seine Hungerstreiks eine Rolle, das Gericht hatte seine Verhandlungsfähigkeit immer im Blick. Der Angeklagte habe "als Herrscher über Leben und Tod Macht ausgeübt", sagte der Sachverständige Bernd Langer in seinem Gutachten Ende Januar. Seiner Einschätzung nach ist der Todesfahrer weiterhin eine Gefahr für die Allgemeinheit. Man müsse jederzeit mit weiteren Gewalttaten rechnen, sagte Langer. Er sprach sich für eine Unterbringung des Angeklagten in der Sicherungsverwahrung aus. Langer beschrieb ihn auch als Narzissten. Er habe immer wieder Druckmittel genutzt, um seine Ziele zu erreichen – sei es, um im Mittelpunkt zu stehen oder Entscheidungen zu beeinflussen. Das Urteil in dem Prozess könnte noch im Juni verkündet werden. Bis zum 26. Juni sind zusammen 15 Verhandlungstage geplant. Der Vorsitzende Richter Dirk Sternberg betonte, es handele sich auch um vorsorglich geplante Tage. Sachsen-Anhalts Landesopferbeauftragte Gabriele Theren ist sich sicher, dass für die meisten Betroffenen mit dem Urteil kein Schlussstrich gezogen ist. Die schnellen Hilfen mit der Traumaambulanz, Fallmanagern und finanziellen Hilfen hätten gegriffen. Vielmehr tun sich für viele neue Probleme auf, sagte Theren: Im Juni laufe das Krankengeld nach 78 Wochen aus. Es kämen jetzt viele Behörden wie die Rentenkasse und die Bundesagentur für Arbeit infrage, da könnten Betroffene leicht durchrutschen. Und Sorgen machten ihr auch die Pläne der Bundesregierung, aus Kostengründen die Kapazitäten bei Psychotherapeuten zu beschneiden. "Das darf auf gar keinen Fall passieren", sagte Theren. Wartezeiten seien für Patienten ohnehin schon lang. Die Betroffenen des Weihnachtsmarkt-Anschlags, aber auch Opfer anderer Taten, bräuchten diese Unterstützung dringend. © dpa-infocom, dpa:260601-930-157047/1