Datum01.06.2026 06:05
Quellewww.spiegel.de
TLDRWirtschaftsministerin Reiche nimmt trotz drohender Kerosinengpässe und gestiegener Preise, verursacht durch die Blockade der Straße von Hormus, nicht an Krisengipfeln teil. Die Grünen kritisieren dies scharf und verweisen auf ihren Vorgänger Habeck, der 23 Krisentreffen leitete. Reiche setzt auf Gespräche auf niedrigerer Ebene und betont die sichere Versorgung, während Experten vor Engpässen warnen.
InhaltKatherina Reiche hat sich seit Beginn des Irankriegs zu keinem Krisengipfel mit Mineralöl-Unternehmen und Airlines getroffen – trotz drohenden Kerosinmangels in der Urlaubszeit. Die Grünen kritisieren das scharf. Seit Ende Februar blockiert das iranische Regime die Straße von Hormus, rund 40 Prozent von Europas Kerosin-Importen kamen vorher durch die Meerenge. Die Preise für Flugbenzin sind dramatisch gestiegen, Tausende Flüge wurden weltweit bereits gestrichen – und das könnte erst der Anfang sein, sollte Iran die Straße von Hormus nicht bald freigeben. Ein Ende des Konflikts zwischen Iran, den USA und Israel ist derzeit kaum abzusehen. Doch Wirtschafts- und Energieministerin Katherina Reiche (CDU) verzichtet bisher auf regelmäßige Krisengipfel mit Vertretern der Energiebranche. Das geht aus Antworten der Bundesregierung auf zwei schriftliche Fragen des Grünen-Abgeordneten Tarek Al-Wazir hervor, die dem SPIEGEL vorliegen. Al-Wazir wollte zunächst wissen, in welchen regelmäßigen Formaten sich Reiches Ressort, und das Bundesverkehrsministerium von Patrick Schnieder (CDU) mit Vertretern der Mineralöl- und der Luftverkehrswirtschaft treffen, um sich über die Versorgung mit Kerosin auszutauschen. Wirtschaftsstaatssekretär Frank Wetzel antwortete, dass es bisher nur zu einem solchen "Roundtable" gekommen sei – am 20. April. Ziel sei gewesen, ein Lagebild zu erhalten – damit "etwaige Engpässe bei Treibstoffen frühzeitig erkannt werden" und man "passgenaue Maßnahmen" ergriffen werden können, so Wetzel. Eine Pressemitteilung Reiches und Schnieders konnte den Eindruck entstehen lassen, beide hätten persönlich an dem Kerosin-Gipfel teilgenommen. In Wahrheit hatten sie sich in der Videoschalte von ihren Staatssekretären vertreten lassen. Al-Wazir fragte daraufhin, wie oft der runde Tisch zu seither mit Beteiligung Reiches getagt hat – und wie oft ihr Amtsvorgänger, der Grünen-Wirtschaftsminister Robert Habeck, an solchen Treffen teilnahm. Wetzels Antwort: Habeck habe 23 von 24 Roundtables persönlich geleitet, um mit Wirtschaftsvertretern über die Energiekrise durch Russlands Angriff auf die Ukraine zu beraten. Zweimal sei sogar der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) dabei gewesen. Reiche habe dagegen bisher an keinem einzigen runden Tisch dieser Art teilgenommen. Allerdings stehe die Ministerin im "regelmäßigen Austausch" mit Unternehmen und Verbänden, um über die aktuelle Energieversorgungslage zu sprechen, betont Wetzel. Außerdem tausche sich ihr Ministerium "regelmäßig und in feststehenden Formaten auf Staatssekretärs-, Abteilungsleiter- sowie Fachebene" mit Wirtschaftsvertretern zur Energieversorgungslage aus. Al-Wazir reicht das nicht. "Bei solch großen Krisen müsste das Management Chefsache sein", so der Grünenpolitiker. Bei Habeck sei das der Fall gewesen, doch "Reiche und Schnieder glänzen durch Abwesenheit". Dabei könnte Reiche das Roundtable-Format, das sich unter Habeck bewährt habe, sofort reaktivieren. "Wir brauchen dringend persönliches Engagement auf Ministerebene, endlich einen konkreten Kerosin-Krisenplan mit klaren Maßnahmen zur Verhinderung eines Versorgungsengpasses und Prioritäten für den Fall, dass ein Engpass eintreten sollte", so Al-Wazir. "Wenn die zuständigen Minister nicht liefern, muss der Bundeskanzler eingreifen." Obwohl die Preise für Kerosin und Sprit an Tankstellen teils deutlich gestiegen sind, ist die globale Ölversorgung seit Beginn des Irankriegs weitgehend stabil geblieben – hauptsächlich wegen des Zugriffs auf Reserven und Lagerbestände. Sie leeren sich jedoch schnell, wie die Internationale Energieagentur kürzlich warnte. Analysten hatten zuletzt vor heftigen Preissprüngen und gar Panik an den Märkten gewarnt, sollte die Straße von Hormus auch im Juni noch gesperrt bleiben. Für Deutschland kommt erschwerend hinzu, dass Russland am 1. Mai die Lieferung von Öl aus Kasachstan über die Druschba-Pipeline an die PCK-Raffinerie in Schwedt eingestellt hat. Sie versorgt unter anderem den Flughafen BER sowie den Osten und Norden Deutschlands mit Treibstoffen. Reiche aber hat die Versorgung mit Kerosin, Benzin und Diesel zuletzt wiederholt als sicher bezeichnet. Zudem steht die Ministerin staatlichen Eingriffen in die Wirtschaft weit skeptischer gegenüber als ihr Vorgänger Habeck – was eine mögliche Erklärung für ihr überschaubares Interesse an Krisengipfeln mit der Wirtschaft sein könnte.