Israel: Benjamin Netanyahu sieht »dramatische Wendung« im Libanon – scharfe Kritik aus Berlin, Paris und London

Datum01.06.2026 03:33

Quellewww.spiegel.de

TLDRDie israelische Armee hat ihre Bodenoffensive im Libanon ausgeweitet und die strategisch wichtige Burg Beaufort erobert. Premierminister Netanyahu bezeichnet dies als "dramatische Wendung". Frankreich, Deutschland und Großbritannien äußern scharfe Kritik und fordern eine Rückkehr zur Waffenruhe. Die Hisbollah erkennt die Waffenruhe nicht an und attackiert weiter israelische Ziele. Die internationale Gemeinschaft drängt auf Deeskalation und diplomatische Lösungen, während sich die humanitäre Lage im Libanon verschärft.

InhaltIsraels Armee dringt so weit in den Libanon vor wie seit 26 Jahren nicht mehr. Was Benjamin Netanyahu als Erfolg verkauft, stößt in Europas Machtzentralen auf Ablehnung. Besonders aus Paris kommen klare Worte. Seit sechs Wochen gilt offiziell eine Waffenruhe zwischen Israel und dem Libanon. Davon war an diesem Wochenende wenig zu spüren, im Gegenteil: Die Bodenoffensive der israelischen Armee wurde auf Anordnung von Regierungschef Benjamin Netanyahu noch ausgeweitet. Dabei wertete der Premier die Einnahme der strategisch wichtigen Burg Beaufort im Libanon als "dramatische Wendung" im Kampf gegen die proiranische Hisbollah. Netanyahu sprach  in einem am Sonntag veröffentlichten Video zudem von einer "dramatischen Etappe" in der israelischen Bodenoffensive gegen die von Iran unterstützte Miliz. Die auch unter dem Namen Kalaat al-Schakif bekannte mittelalterliche Kreuzritterburg gilt wegen ihrer Lage mit Blick über weite Teile des Südlibanon als strategisch wichtig (mehr hier). Israels Armee hatte die Festung bereits im Libanonkrieg 1982 erobert und nutzte sie bis zu ihrem Rückzug aus dem Libanon im Jahr 2000 als Stützpunkt. In der Umgebung der Burg war am Sonntag Artilleriefeuer zu hören, wie ein AFP-Reporter berichtete. Über der Burg wehte die israelische Flagge. Die Hisbollah erkennt die ausgehandelte Waffenruhe nicht an. Die Miliz erklärte ihrerseits, am Sonntag Infrastruktur in den nordisraelischen Orten Schlomi und Naharija angegriffen zu haben. In der Gegend der israelischen Hafenstadt Akko ertönte Luftschutzalarm. Später erklärte die Miliz, sie greife israelische Stellungen nahe Beaufort an. Scharfe Kritik am israelischen Vorgehen im Libanon kam aus Frankreich. "Nichts rechtfertigt die derzeitige massive Eskalation im Südlibanon", erklärte der französische Präsident Emmanuel Macron. Der Uno-Sicherheitsrat will nach Informationen der Nachrichtenagentur AFP am Montag auf Frankreichs Antrag eine Dringlichkeitssitzung abhalten. Frankreich erkenne Israels Recht zur Verteidigung gegen die Hisbollah-Angriffe an, doch "nichts kann die Verlängerung der israelischen Militäreinsätze im Libanon und die Besetzung von Gebieten immer tiefer auf libanesischem Gebiet rechtfertigen", sagte der französische Außenminister Jean-Noël Barrot dem Fernsehsender BFMTV. Mit seinem Vorstoß begehe Israel einen "schweren Fehler". Deutschlands Außenminister Johann Wadephul rief Israel und die Hisbollah dringend auf, zur vereinbarten Waffenruhe zurückzukehren. "Das weitere Vorrücken der israelischen Armee im Süden des Libanon gibt Anlass zu großer Sorge", teilte der CDU-Politiker am Rande seines Besuches bei den Vereinten Nationen mit. Israel müsse bei seinem Vorgehen gegen die Hisbollah Zivilisten und zivile Infrastruktur schützen. "Jede weitere Eskalation verschärft die ohnehin schon angespannte Lage zusätzlich und sorgt für neue Fluchtbewegungen innerhalb des Libanon", warnte Wadephul. Das weitere Vorrücken der israelischen Armee im Süden des Libanon sei eine Reaktion auf fortdauernde Angriffe der Hisbollah auf den Norden Israels, die endlich aufhören müssten. Die britische Außenministerin ​Yvette Cooper forderte ebenfalls ein Ende der ⁠israelischen ⁠Angriffe im Libanon. Die Eskalation habe Zivilisten getötet und ‌vertrieben, Infrastruktur zerstört ​und den ‌Raum für Diplomatie eingeschränkt, erklärte sie auf X. Zugleich ‌müsse die Hisbollah ihre Angriffe auf Israel einstellen ‌und ​sich entwaffnen. ‌Alle Seiten ‌müssten die Waffenruhe ​respektieren und ernsthaft verhandeln. Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung. Die israelische Armee hatte am Wochenende eine Ausweitung ihres Bodeneinsatzes im Libanon gemeldet. Israelische Soldaten überquerten demnach den Fluss Litani. Ein Sprecher forderte die Bewohnerinnen und Bewohner aller libanesischen Gebiete südlich des Flusses Sahrani auf, sich "sofort" in Gebiete nördlich des Flusses in Sicherheit zu bringen, der nördlich des Litani liegt. Jedes von der Hisbollah genutzte Gebäude könne zum Angriffsziel werden. Der Libanon war durch neue Angriffe der Hisbollah auf Israel Anfang März in den Irankrieg hineingezogen worden. Libanesischen Angaben zufolge wurden seither mehr 3400 Menschen durch israelische Angriffe getötet und mehr als eine Million Menschen vertrieben. Der libanesische Regierungschef Nawaf Salam warf Israel eine Strategie "der verbrannten Erde und der Kollektivstrafe" vor. Diese werde Israel "weder Sicherheit noch Stabilität" bringen, sagte Salam in einer Fernsehansprache. Zugleich verteidigte er die Fortsetzung direkter Verhandlungen mit Israel als den "am wenigsten kostspieligen Weg" für den Libanon. Armee-Delegationen aus dem Libanon und Israel hatten sich am Freitag in Washington zu Sicherheitsgesprächen getroffen. Für kommende Woche sind weitere von den USA vermittelte Verhandlungen geplant. Die Hisbollah lehnt die direkten Gespräche zwischen dem Libanon und Israel ab. Israel verwüstet den Südlibanon – wie Gaza: Die Hisbollah im israelisch besetzten Streifen des Südlibanon ist vertrieben. Nun werden dort alle Ortschaften zerstört, Haine niedergebrannt und Äcker vergiftet, um jede Rückkehr der Bewohner unmöglich zu machen. Mehr hier .