Meinung: Kolumne: Deutschland hat vergessen, was Innovation ist

Datum31.05.2026 15:18

Quellewww.spiegel.de

TLDRDeutsche Politiker fordern Innovation, scheinen aber deren Bedeutung nicht zu verstehen. Echte Innovation bedeutet nach Schumpeter, neue Ideen am Markt zu etablieren und bestehende Systeme durch "kreative Zerstörung" zu verändern. Stattdessen setzen deutsche Politiker auf veraltete Technologien wie Verbrenner oder Kernfusion. Länder wie China machen es vor: Sie investieren in disruptive Technologien wie Elektromobilität, die einfacher, günstiger und praktikabler sind und den Markt verändern. Deutschland hat die Prinzipien von Innovation und Disruption offenbar vergessen.

InhaltStändig fordern deutsche Politiker, das Land müsse "innovativ" werden. Doch insbesondere Friedrich Merz und Markus Söder scheinen nicht zu verstehen, worum es dabei eigentlich geht. Andere Länder machen es vor. Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. In einem Werbevideo hat Friedrich Merz einmal erklärt, was seine Vorstellung von Deutschland ist: ein Land, so drückte er es aus, das "innovativ ist, das wieder Erfindungen hat". Offenbar hat der Kanzler eine verzerrte Vorstellung davon, was "Innovation" eigentlich ist, ebenso wie so viele seiner Kolleginnen und Kollegen, egal ob Markus Söder oder einige Vertreter der ständig von "Innovation" redenden Splitterpartei FDP. Merz scheint eher an den Erfinder Daniel Düsentrieb zu denken als an den Unternehmer Dagobert Duck. Dabei ist Letzterer der Vorstellung von "Innovation", die der berühmte Ökonom Joseph Schumpeter schon vor dem Zweiten Weltkrieg formulierte, deutlich näher. Christian Stöcker, Jahrgang 1973, ist Kognitions­psychologe und Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW). Dort verantwortet er den Studiengang Digitale Kommunikation und mehrere Forschungsprojekte über digitale Öffentlichkeit und Desinformation. Vorher leitete er das Ressort Netzwelt bei SPIEGEL ONLINE. Schumpeter betonte stets, dass zu Innovation auch gehört, neue technische oder organisatorische Ideen am Markt zu etablieren: "Innovation ist möglich ohne irgendetwas, das wir als Erfindung erkennen würden, und eine Erfindung erzeugt nicht notwendigerweise Innovation, sondern produziert für sich genommen keinerlei relevanten wirtschaftlichen Effekt". So steht es in Schumpeters "Business Cycles" aus dem Jahr 1939. In "Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie" von 1942 findet man außerdem Schumpeters Idee der permanenten "kreativen Zerstörung" des Bisherigen. Der Ökonom aus Österreich war regelrecht besessen von "neuen Kombinationen", die althergebrachte Mechanismen, Technologien, Systeme alt und teuer aussehen lassen. Friedrich Merz fällt bei "Innovation" immer als erstes Kernfusion ein. Eine Technologie, die noch nirgends marktreif funktioniert. Sie produziert, um mit Schumpeter zu sprechen, bislang "keinerlei relevanten wirtschaftlichen Effekt". Bei erneuerbaren Energien, denen März und seine Wirtschaftsministerin weiterhin skeptisch gegenüberstehen, ist das völlig anders. Markus Söder wiederum schafft es immer wieder, die Begriffe "Innovation" und "Verbrenner" in einem Satz auftauchen zu lassen. Mal geht es ihm um "hocheffiziente", mal um "Hightech-Verbrenner". Beide haben mit Innovation etwa so viel zu tun wie Bratwurstfotos mit sinnvoller Politik. Innovationen verändern Märkte. Die Bewahrung sterbender Technologien  tut das nicht. Dabei sind wir umgeben von echter Innovation. Ununterbrochen werden derzeit bereits bekannte Technologien neu kombiniert oder weiterentwickelt, ganz in Schumpeters Sinne. Die Grundprinzipien des Internets etwa sind bald sechzig Jahre alt, die des digitalen Computers noch älter, trotzdem bringen beide bis heute quasi täglich Innovationen durch "neue Kombinationen" hervor. Täglich werden Tausende neue Apps veröffentlicht, um nur ein Beispiel zu nennen. Dass man in sogenannten Sekundärbatterien oder Akkumulatoren Elektrizität speichern kann, ist seit mehr als zweihundert Jahren bekannt. Doch ihre simplen, seit Jahrhunderten bekannten Komponenten werden ständig verfeinert. Man experimentiert mit "neuen Kombinationen", neuen Materialien. Im Moment gibt es auch hochinteressante Entwicklungen im Bereich der Feststoffbatterien. Durch neue Konstruktionsprinzipien kann man mehr elektrische Energie in weniger Gewicht speichern. Das bringt zwar eine ganze Reihe von Problemen mit sich. Doch in all diesen Bereichen gibt es derzeit Fortschritte , in Laboren in China, den USA und Südkorea. Auch Lithium-Ionen-Batterien werden in Details weiter verfeinert, Ladegeschwindigkeiten und Kapazität gesteigert, Herstellungsprozesse optimiert und so weiter. Nur eben eher nicht bei uns. Nicht verschwiegen werden soll: Auch in Deutschland gibt es Batterieforschung. Bundesforschungsministerin Dorothee Bär hofft, dass das Land bis 2035 "zur Weltspitze aufschließen" kann. Mich hat das spontan an das Jahr 2018 erinnert, als Angela Merkel erklärte, Deutschland solle zu einem "weltweit führenden Standort für künstliche Intelligenz werden". Damals wie heute ist das, was der Staat dafür tatsächlich tut, ein Witz. Der gesamte Förderetat des Bundes für Batterieforschung für das Jahr 2026 beläuft sich auf 227 Millionen Euro . Zum Vergleich: BMW allein bekommt vom Bund und Bayern zusammen 273 Millionen Euro  zur Entwicklung eines Wasserstoff-Brennstoffzellen-Antriebs. Auch Brennstoffzellen sind Batterien, die Technik ist am Markt aber längst krachend gescheitert. Weltweit werden schon seit 2023 mehr Ferraris verkauft als Wasserstoff-Pkw , in ganz Europa werden Wasserstofftankstellen wieder abgebaut – viele gab es ohnehin nicht. Elektromobilität dagegen wächst exponentiell und erfüllt Schumpeters Definition von "Innovation", denn sie löst ein altes Problem auf neue, einfachere Weise und ist am Markt sehr erfolgreich. Wasserstoffautos dagegen haben "keinerlei relevanten wirtschaftlichen Effekt" – außer für den Steuerzahler. Die ruppige Schwester der Innovation ist die Disruption. Das ökonomische Standardwerk, das den Begriff in breiteren Umlauf brachte, ist "Das Dilemma des Innovators: Wenn neue Technologien dafür sorgen, dass große Unternehmen scheitern" vom 2020 verstorbenen US-Ökonomen Clayton Christensen. Söder und Merz sollten es einmal zur Gänze lesen. Mit dem Begriff "Technologie" bezeichnete Christensen sehr breit "die Prozesse, mit denen eine Organisation Arbeitskraft, Kapital, Material und Information in höherwertige Produkte und Dienstleistungen umwandelt". "Innovation" nennt Christensen, ganz im Geiste Schumpeters, "eine Veränderung in einer dieser Technologien." Christensens Beispiele stammen aus ganz unterschiedlichen Branchen. Aus der Stahlindustrie etwa, in der kleine Betriebe zunächst die billigsten, einfachsten Stahlprodukte im Markt günstiger anboten als die großen Firmen, um sich nach und nach zu echten Konkurrenten hochzuarbeiten. Aber auch in Marktveränderungen bei Computerfestplatten oder Baggern entdeckte er Disruption. Disruptive Technologien seien häufig "billiger, einfacher, kleiner und, oft, bequemer zu benutzen" als die Technologien, die sie schließlich ablösen. Anfangs sind sie trotzdem unterlegen – was in bestimmten Märkten aber eben keine Rolle spielt, wenn der Preis stimmt. Ein Beispiel: Sagt Ihnen der Firmenname Digital Equipment Corporation (DEC) etwas? Wenn sie nicht seit 50 Jahren im IT-Bereich arbeiten oder ein echter Nerd sind, vermutlich nicht. Dabei war DEC noch 1987 der zweitgrößte Hersteller von Computern weltweit, ihr Gründer Ken Olson galt als "der erfolgreichste Unternehmer in der Geschichte der amerikanischen Wirtschaft". Doch die Firma stellte zentrale Großrechner mit geschlossener Architektur und proprietärer Software her. Der PC – klein, dezentral, billiger, vernetzbar, offen – sowie die Arroganz des Managements vernichteten DECs Geschäftsmodell innerhalb von 15 Jahren. Deutsche Manager und Wirtschaftspolitiker täten gut daran, sich eine DEC-Fallstudie des Birkbeck College in London  einmal in Ruhe durchzulesen. Photovoltaik und Batterien verhalten sich zu Großkraftwerken wie der vernetzte PC zum Großrechner. Deshalb brauchen wir Netzausbau. Man sieht das gleiche Muster überall: billiger, einfacher, kleiner, bequemer, möglicherweise nicht von Anfang an genauso leistungsfähig – und existenziell bedrohlich für die alten Branchen und Unternehmen. In weiten Teilen Afrikas  und Asiens  zum Beispiel boomen Photovoltaik  und zum Teil auch schon Batteriespeicher, vielfach getrieben von Privatkunden und kleinen Firmen. Der Öl- und Gaspreisschock durch Donald Trumps Krieg gegen Iran beschleunigt die Entwicklung weiter. Deutsche Hersteller und Kunden fanden Elektroautos lange Zeit unattraktiv, hauptsächlich wegen ihrer Reichweite und der Notwendigkeit, sie mit Strom statt mit einer Flüssigkeit zu betanken. Doch der Weltmarkt sieht das längst anders : Kein Marktsegment wächst so schnell wie batterieelektrische Pkw, mittlerweile sogar batterieelektrische Lkw . Letztere fahren derzeit vor allem in China, doch dabei wird es nicht bleiben. China ist augenscheinlich das einzige Land, das Christensens Prinzipien der disruptiven Technologie tatsächlich in Industriepolitik übersetzt hat. Acht der zehn global meistverkauften Elektroautomodelle  im Jahr 2025 stammen von chinesischen Herstellern, die zwei übrigen sind Teslas. Viele der chinesischen Verkaufsschlager sind Kleinwagen mit Einstiegspreisen – in manchen Märkten – um die 10.000 Euro, wie der Geome EX2 von Geely, der Wuling Mini oder BYDs Seagull/Dolphin Surf. Die Internationale Energieagentur (IEA) stellt in ihrem aktuellen "Global EV Outlook " fest, dass die Preise für E-Autos weltweit fallen – außer in den USA. In vielen riesigen Märkten wie Indonesien, Thailand oder Vietnam hat China gigantische Marktanteile bei E-Autos, in Indonesien beispielsweise 75 Prozent im Jahr 2025. Und E-Mobilität wächst in Indonesien in atemberaubendem Tempo . Die Disruption der Automobilindustrie hat spätestens 2017 begonnen, weil man in anderen Ländern die Botschaften von Ökonomen wie Schumpeter und Christensen – und die Realität der Klimakrise, die Nachteile fossiler Abhängigkeiten – offenbar verstanden hat. Preisabfragezeitpunkt 31.05.2026 15.19 Uhr Keine Gewähr Deutschlands wirtschaftliche Probleme rühren nicht zuletzt von einem landesweiten "Dilemma des Innovators" her: Die Hersteller bis vor wenigen Jahren vermeintlich einfacherer, minderwertiger Produkte rollen auf einmal den Weltmarkt auf, weil sie sich an die Spitze vorgearbeitet haben. Es gibt oft ein klares Alt und Neu: Umständliche, aufwendige, teure und klimaschädliche Verbrennungstechnologien – und neue Produkte, bei denen Einfachheit, Skalierbarkeit und Strom im Zentrum stehen: "billiger, einfacher, kleiner und, oft, bequemer zu benutzen." Lohnnebenkosten, Energiepreise, Bürokratie und so weiter sind die Ursachen, die deutsche Manager gern lautstark beklagen, weil ihre Geschäfte immer schlechter laufen. Selbstverständlich spielen auch Chinas Subventionen, internationale Zölle, das immense Wachstum chinesischer Industriekapazitäten und -fähigkeiten und andere Faktoren wichtige Rollen. Aber offenbar haben Deutschland und Europa auch einfach vergessen, was Innovation eigentlich ist.