Datum31.05.2026 02:16
Quellewww.zeit.de
TLDRLuis Enrique formte PSG zur vielseitigsten Mannschaft Europas, abgelöst von Real Madrid als Dominator. Im Finale gegen Arsenal bewies seine Elf nicht nur Angriffskraft, sondern auch defensive Disziplin und psychische Stärke, um nach einem Rückstand und Verletzungen im Elfmeterschießen zu siegen. Enriques Fähigkeit, ein einst privilegiertes Team in kämpfende Einheiten zu verwandeln, die Sympathien genießen, ist seine größte Leistung. Er zieht mit drei Champions-League-Titeln mit Guardiola und Zidane gleich.
InhaltDie zwei großen Leistungen des Luis Enrique: Mit PSG hat er Real Madrid als Europas Fußballmacht abgelöst. Und seine einst verwöhnte Mannschaft genießt Sympathien. Luis Enrique kann es also auch anders. Im Vorjahr überfiel seine Mannschaft den überforderten Gegner, schlug Inter Mailand beim höchsten Endspielsieg in der Geschichte der Champions League 5:0. In diesem Jahr musste Enriques PSG einen Rückstand aufholen, andere Rückschläge wegstecken, um am Ende auf die knappste Weise gewinnen. Paris Saint-Germain behielt im Elfmeterschießen die Nerven, bezwang den FC Arsenal 5:4. Dass seine Mannschaft auf zwei sehr verschiedene Weisen gewinnen kann, haben die Bayern-Fans im Halbfinale erleben müssen. Das 5:4 im Hinspiel glich einem Angriffsrausch, im Rückspiel überraschte Paris mit der hohen Kunst des Verteidigens. Das ist das Neue an Enriques PSG: Seine Mannschaft kann es vorne und hinten, wenn es sein muss. Von den drei besten europäischen Mannschaften dieser Saison leitete Enrique die vielseitigste an. Der FC Bayern stürmte drauf los, öffnete aber hinten immer viele Räume. Arsenal verteidigte bravourös, tat sich aber schwer, Tore herauszuspielen. Nur PSG beherrschte beide Grundelemente des Fußballs, Angreifen und Verteidigen. Deswegen ist Paris auch in diesem Jahr der verdiente Sieger. Es ist erst der zweite Club in 34 Jahren Champions League, der seinen Titel verteidigen konnte. Der französische Vereinsfußball spielte nie eine dominante Rolle in Europa, doch PSG hat unter Luis Enrique Real Madrid als Europas Fußballmacht der Gegenwart abgelöst. Und er selbst zählt nun zur Zunft der großen Trainer. Im intensiven, wenn auch nicht immer temporeichen Finale waren von Enriques Elf Tugenden gefragt, die sie noch nie auf diesem Niveau beweisen musste. Arsenal fiel die Führung in den Schoß, Kai Havertz konnte nach einem Abpraller einen Alleingang sehr gekonnt abschließen. PSG wies zwar fortan rekordhafte Ballbesitzwerte aus, doch der englische Meister trat den Rückzug an und verlangte dem Gegner Geduld ab. Eine solch dichte und physisch starke Abwehr ist PSG nicht gewohnt. Während des Spiels fielen Enrique zudem die drei wichtigsten offensiven Spieler aus. Ousmane Dembélé, Chwitscha Kwarazchelia und Vitinha, mussten blutend, humpelnd oder mit Krämpfen nach und nach den Platz verlassen. Enrique formte ein neues Mittelfeld, ohne dabei die offensive Grundausrichtung zu verlieren. Aber nie gab seine junge Elf die Kontrolle aus der Hand, Arsenal konnte seine Konterstärke nie ausspielen. Für den Ausgleich musste freilich ein Elfmeter her, den der gute deutsche Schiedsrichter Daniel Siebert korrekt und ohne digitale Hilfe verhängte. Der Mannschaft von Arsenal, der die kräftezehrende Saison in England jederzeit anzumerken war, wäre ebenfalls ein würdiger Sieger gewesen. Aber die Initiative lag stets bei PSG. Und so siegte in Budapest der Offensivfußball. Enrique ist ein Trainer, der seinen Spielern grundsätzlich viele Freiheiten lässt. Taktik und Organisation kommen für ihn an zweiter Stelle. Dass er seine verspielte Elf in den wichtigen Spielen aber eine solche Disziplin abgewinnt, zeugt von überragender Trainerarbeit. Für ihn persönlich ist es sein dritter Champions-League-Triumph nach 2015 (mit Barcelona) und 2025. Damit zieht der 56-jährige Spanier gleich mit Pep Guardiola und Zinédine Zidane. Nur Carlo Ancelotti gewann öfter, nämlich fünf Mal. Da der Italiener seine Vereinskarriere beendet hat, ist Enrique nun der, den es zu verdrägen gilt. Denn was aus Guardiola nach seinem Ende in Manchester wird, weiß man nicht. Vincent Kompany machte dieses Jahr zwar auf sich aufmerksam, seine taktische Handschrift ist aber nicht ausgereift. Xabi Alonso scheiterte mit Real Madrid und hat in der Champions League noch keine Spuren hinterlassen. Enriques härtester Konkurrent ist Mikel Arteta. Auf seinen ersten internationalen Titel muss er noch warten, vermutlich nicht mehr lange. Arteta schaute traurig auf den Budapester Rasen, während Enrique mit seinen Spielern vor den Fans feierte. Vor der Kurve gab er, wie schon in der Coaching Zone, alles. Ob er nun eine Pariser Legende sei, wie die Mona Lisa und der Eiffelturm, wurde Enrique nach dem Spiel gefragt. Er sei nicht der Richtige, das zu beantworten, sagte er mit seiner Raspelstimme. Vor ihm war PSG eine Ansammlung von teuren, verwöhnten Talenten. Er hat sie zur Mannschaft geformt. Auf dem Platz sieht man nun keine Mätzchen und andere Eitelkeiten mehr. Seine Spieler sind, wie ihr Trainer, spielende Kämpfer, die sich gegenseitig unterstützen. Das hat Luis Enrique also auch noch fertiggebracht: PSG, einst eine abgehobene Luxusmarke, genießt nun Sympathien.