Guillaume Denoix de Saint Marc: »Sarkozy hat die Terroropfer verraten«

Datum30.05.2026 19:19

Quellewww.zeit.de

TLDRGuillaume Denoix de Saint Marc kämpft seit über drei Jahrzehnten für die Aufklärung des Flugzeugattentats 1989, bei dem sein Vater ums Leben kam. Er sieht Ex-Präsident Nicolas Sarkozy, der wegen der Finanzierung seines Wahlkampfs mit libyschem Geld vor Gericht steht, als Verräter der Terroropfer. Denoix de Saint Marc, der die Opfervereinigung vertritt, betont die Bedeutung des Prozesses für eine "wahre Geschichtsschreibung" und erwartet eine härtere Strafe für Sarkozy, da die Familien der Opfer nun mehr Gewicht erhalten.

InhaltSein Vater starb bei einem Flugzeugattentat. Heute ist Guillaume Denoix de Saint Marc eine wichtige Figur im Prozess gegen Frankreichs Ex-Präsidenten Nicolas Sarkozy. Guillaume Denoix de Saint Marc erinnert sich genau an den Moment, als man seinen Vater für tot erklärte. Seine Mutter rief ihn an einem Vorabend im September 1989 an und sagte, der Flug des Vaters sei verspätet. Dieser war ein hochrangiger Manager des Ölkonzerns Elf Aquitaine, heute TotalEnergies, verantwortlich für Geschäfte in Afrika. Stunden später galt die Maschine als vermisst. Bis zuletzt hoffte die Familie, der Vater, ein starker, durchtrainierter Mann, habe überlebt. Doch als die Familie sich am nächsten Morgen in der Pariser Wohnung der Eltern versammelte, erfuhr sie aus den Fernsehnachrichten: Das Flugzeug war über einer Sandwüste in Niger abgestürzt, niemand überlebte. Gelähmt habe er sich in dem Moment gefühlt, erzählt Denoix de Saint Marc. Damals war der Franzose 26 Jahre alt. Eine Bombe, so stellte sich heraus, war an Bord explodiert und hatte das Flugzeug zerrissen. Seit über drei Jahrzehnten kämpft er nun dafür, das Verbrechen aufzuklären. Was als Familientragödie begann, könnte mit einem Prozess enden, der den früheren französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy hinter Gitter bringt. Denn für den Terroranschlag im September 1989 soll das Regime des damaligen Diktators Muammar al-Gaddafi verantwortlich gewesen sein. Und Nicolas Sarkozy wurde bereits im September 2025 in erster Instanz zu einer fünfjährigen Gefängnisstrafe verurteilt, weil er seinen Wahlkampf im Jahr 2007 mit libyschem Geld finanziert haben soll. Im Gegenzug, so ist die Staatsanwaltschaft weiterhin überzeugt, half er Terroristen des Regimes. Männern, die für den Tod von 170 Menschen verantwortlich sein sollen, darunter Denoix de Saint Marcs Vater. Im Berufungsprozess, der in dieser Woche mit den Plädoyers seiner Anwälte endet, bestritt Sarkozy erneut alle Vorwürfe. "Ich habe Frankreich nicht verraten", sagte er am letzten Prozesstag. Er sei unschuldig – die Anklage fuße auf Lügen und Verschwörungstheorien. Nachdem er im Herbst vergangenen Jahres bereits drei Wochen der verhängten Haftstrafe abgesessen hatte, entschied ein Gericht, das Urteil erst zu vollstrecken, wenn das Berufungsurteil rechtskräftig ist. Sarkozy wiederum beklagte sich über eine angeblich feindselige Justiz und veröffentlichte wenige Wochen nach seiner Haft ein selbstmitleidiges Buch über seine Zeit in einem Pariser Gefängnis. Seit März nun verfolgte Denoix de Saint Marc jede Verhandlung im erneuten Prozess gegen Sarkozy, drei bis vier Tage pro Woche. Er suche keine Rache, sagt er, sondern eine "wahre Geschichtsschreibung". Er betont auch: "Sarkozy hat meiner Überzeugung nach Terroropfer verraten." Diese Schuld empfinde er als offene Wunde. Im Gespräch mit der ZEIT zeigt er sich überzeugt: Sarkozy werde eine noch längere Haftstrafe erhalten als im ersten Prozess. Denn dieses Mal spielten die 95 Familien eine Schlüsselrolle, die Denoix de Saint Marc als Vorsitzender der Vereinigung der Attentatsopfer vertritt und die dieses Mal ausführlich vor Gericht aussagten. "Wir geben der hier verhandelten Korruption ein Gesicht", sagt er. Diese habe Opfer aus Fleisch und Blut. Das Gericht hörte die Angehörigen der Terroropfer dieses Mal über viele Stunden als Nebenkläger an. Sie seien "traumatisiert" gewesen von der "unanständigen Reaktion Sarkozys" und vieler Medien, die den Konservativen bemitleideten. "Im ersten Prozess waren wir leise, wir wollten kein Pathos, keine Aufmerksamkeit." Dann aber, sagt Denoix de Saint Marc seufzend, habe sich ausgerechnet Sarkozy als Opfer stilisiert. Deshalb konnten sie nicht mehr schweigen, sie, die Väter, Mütter, Schwestern und Brüder, Ehemänner und Ehefrauen durch ein libysches Attentat verloren hatten. In den dunklen Stunden der Ungewissheit, kurz vor der Todesmeldung in den Fernsehnachrichten, hätte sich seine Familie an jede Hoffnung geklammert. Der 49-jährige Vater hatte kurz zuvor spezielle Überlebenstrainings seiner Firma für Flugzeugabstürze absolviert. Schließlich flog der Manager oft für den Energiekonzern von Europa nach Afrika und um die Welt. Er war sogar schon einmal von afrikanischen Milizen festgenommen und inhaftiert worden. "Ein hart gesottener Mann", sagt Denoix de Saint Marc. "Ein Kämpfer. Aber er hatte keine Chance." Seine Stimme klingt, als wäre es gestern geschehen – und nicht vor mehr als 36 Jahren. Was Denoix de Saint Marc besonders bestürzt: Als Vertreter der Terroropfer traf er Sarkozy mehrfach während dessen Amtszeit – etwa, um Entschädigungen für Angehörige auszuhandeln, oder bei Gedenkveranstaltungen. Der Präsident habe damals viel gesprochen, aber kaum Interesse an den Schicksalen der Opfer gezeigt, gibt Denoix de Saint Marc heute an. Viele der Angeklagten und Zeugen kennt er ebenfalls aus den Verhandlungen vor rund 20 Jahren, darunter Sarkozys früherer Innenminister Claude Guéant und ehemalige Vertraute wie Brice Hortefeux. "Es wirkt, als verberge sich hinter der bekannten Geschichte eine noch viel größere", sagt er.