Datum30.05.2026 18:59
Quellewww.zeit.de
TLDRDie Ausstellung von Jon Rafman im K21 Düsseldorf präsentiert sein Werk, das sich mit den Bildwelten des Internets auseinandersetzt. Rafman, ein "digitaler Flaneur", nutzt Fundstücke aus Google Street View und animiert seine eigenen Träume, um die Transformation des digitalen Zeitalters darzustellen. Seine Arbeiten, viral geworden durch Plattformen wie Tumblr, thematisieren die Melancholie vergangener digitaler Ära und entfalten sich in humorvollen, aber tiefgründigen Installationen.
InhaltKaum ein anderer Künstler taucht so tief hinab in die Bildwelten des Internets wie Jon Rafman. Nun zeigt eine Ausstellung in Düsseldorf sein spektakuläres Pandämonium. Stellen Sie sich vor, es ist das Jahr 2126, Sie studieren Kunstgeschichte und sitzen in einer Prüfung zum Thema "Das frühe digitale Zeitalter". Frage: Welcher kanadische Künstler beschäftigte sich mit der großen Transformation des Internets, weg von den anarchisch-wilden Anfängen, hin zu den dominanten Plattformen und ihren alles beherrschenden Algorithmen? Betretene Stille, rauchende Köpfe. Ein kleiner Tipp: Er animierte seine eigenen Träume und stellte Bilder aus Google Street View im Museum aus. Street View, Street View … was war das gleich? Da hebt sich eine Hand. "Ist es vielleicht Rafman, Professor?" Jon Rafman ist ein Star der Kunstwelt. Zumindest in jenen Gefilden, die sich für flimmerndes und verzerrtes Zeug auf Bildschirmen begeistern. Dort, wo auch Glitch Kitsch sein darf, also noch die größten technischen Verzerrungen als ästhetische Entdeckung gefeiert werden. Die Videos und Installationen des 45-Jährigen wollen das tiefe Innere der digitalen Welt ausstellen. Davon kann man sich aktuell im K21 in Düsseldorf überzeugen. Eine humorvolle Schau ist das, die kaum Beipackzettel braucht. Doch entgegen allen Erwartungen blickt sie gar nicht so sehr in die Gegenwart, sondern melancholisch in die Vergangenheit. Der Weg führt hinab. Rafmans Ausstellung liegt im Untergeschoss des Museums. Weg vom lichten, historistischen Bau aus der Gründerzeit, hinunter in den Bauch des Hauses. Hierhin verirrt sich kein Sonnenstrahl, Wände und Fußboden verschwinden hinter riesigen Lkw-Planen, bedruckt mit Motiven aus der digitalen Welt. Also: mit allem Möglichen, aber irgendwie verzerrt, edgy. Den Anfang machen Rafmans älteste Arbeiten. Das sind hübsch gerahmte, großzügig ausgedruckte Fotografien. Darauf zu sehen sind Menschen, die nackt in Vorgärten sonnenbaden, verloren am Straßenrand herumlungern, den Mittelfinger ins Bild recken. Oder auch Schulkinder, die mit ausgestreckten Armen ins Bild laufen. Lauter Fotos, die nicht von Menschen gemacht wurden, sondern von den neun Linsen des Kamerawagens von Google Street View. 2007 begann der Konzern, die Welt visuell zu erfassen und im Internet für alle öffentlich zu machen. Bis zu acht Stunden am Tag wandelte der junge Jon Rafman – der zu dieser Zeit in Montreal Literatur und Philosophie und später in Chicago Kunst studierte – auf dem Schirm durch die digitalen Landschaften. Was ihn amüsierte, speicherte er ab und lud es auf seinem Blog hoch. Seine Lieblingsaufnahme, sagt er in einem Interview, zeigt eine ehemalige Freundin. Splitternackt stand sie an einem Steinstrand, als die "neun Augen" von Google vorbeifuhren, Blick und Körper hatte sie scheu abgewandt. Rafman beobachtete die Szenerie vom Hotelbalkon. Jahre später habe er wochenlang im Internet nach dem Bild gesucht. Jetzt hängt es in Düsseldorf. Rafman beschreibt sich selbst als digitalen Flaneur. Wie Charles Baudelaire einst durch das Paris des 19. Jahrhunderts streifte und das Flüchtige der Moderne festhielt, bewege er sich durch die Räume des Internets. 1981 geboren, hat er das Netz als junger Erwachsener kennengelernt und dadurch einen besonders analytischen Blick entwickelt, sagt er. Seine kuriosen Google-Fundstücke trafen um 2010 jedenfalls einen Nerv: Auf Plattformen wie Tumblr, 4chan und Twitter ging Rafmans Sammlung viral und begründete seine Karriere. Rasch folgten Ausstellungen im Palais de Tokyo in Paris und im Stedelijk Museum Amsterdam, auch einen LED-Laufsteg für eine Balenciaga-Show durfte er entwerfen. Und schließlich, 2019, zeigte er eine Filmarbeit bei der bedeutendsten Kunstversammlung der Welt, auf der Biennale in Venedig. Hier erweckte er seine eigenen Träume in der klobigen Ästhetik von Onlinerollenspielen der Nullerjahre zum Leben. Eine surrealistische Tour de Force voller Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll, die ohne Sprache, aber dafür mit erzählerischer Leichtigkeit nach vorne prescht. 90 Minuten lang. Lösen kann man sich kaum davon, wenn sich Xanax Girl, Protagonistin von Rafmans Träumen, auf die Suche nach ihrem entführten Begleiter begibt, einem hybriden Wesen aus Hund und Robbe mit Menschenkopf. Es war das vielleicht meistbesprochene Werk auf dieser Biennale. Und auch in Düsseldorf läuft der Film, erweitert durch ergonomische Plastiksitze, die passenderweise ein bisschen klebrig sind, fast wie eine alte Computertastatur.