Datum30.05.2026 15:39
Quellewww.spiegel.de
TLDRDer Artikel empfiehlt ETFs auf den MSCI ACWI IMI als überlegene Alternative zum MSCI World für Anleger. Dieser breitere Index umfasst über 8.000 Unternehmen aus Industrie- und Schwellenländern, inklusive kleinerer Firmen, und bietet maximale Streuung zu sehr geringen Kosten. Frühere hohe Gebühren klassischer Fonds werden als Nachteil hervorgehoben. ETFs ermöglichen nun weltweite Diversifikation und Kosteneffizienz, auch mit kleinen Sparraten.
InhaltDer MSCI World galt lange als das Nonplusultra für ETF-Anleger. Doch mittlerweile gibt es einen Index, der noch mehr bietet und ähnlich günstig ist. Ich war 22, und die Bankangestellte war die große Schwester einer Mitschülerin. Sie empfahl mir damals einen Fonds. Genauer: den UniGlobal. Und sie sagte einen Satz, der mich in den folgenden Jahrzehnten immer wieder beschäftigen sollte: Die gute Idee an so einem Fonds sei, dass man seine Geldanlage streue. Dass also nicht alles vom Wohl und Wehe einer einzigen Firma abhänge. Nicht von Siemens, nicht von BASF, nicht von Daimler-Benz. Auch nicht von Windkraftanbietern, die mir damals viel näher waren. Sondern von vielen Unternehmen gleichzeitig. Hermann-Josef Tenhagen, Jahrgang 1963, ist Chefredakteur von "Finanztip" und Geschäftsführer der Finanztip Verbraucherinformation GmbH. Der Geldratgeber ist Teil der gemeinnützigen Finanztip Stiftung. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links, nach deren Anklicken "Finanztip" bei entsprechenden Vertragsabschlüssen des Kunden, etwa nach Nutzung eines Vergleichsrechners, Provisionen erhält. Mehr dazu hier .Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "taz". Dort war er jahrelang ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Auf SPIEGEL.de schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld. Das mit der Streuung war damals ein ziemlich guter Rat – von einer Bankerin. Denn wenn Sie Geld in Aktien anlegen, ist Streuung schon die halbe Miete. Vielleicht sogar mehr als die halbe. Wer nur eine Aktie kauft, setzt auf ein Unternehmen. Wer zehn Aktien kauft, setzt auf zehn Unternehmen. Wer aber einen breit gestreuten Aktienfonds kauft, beteiligt sich an sehr vielen Unternehmen auf einmal. Geht eines davon bankrott, ist das ärgerlich, aber nicht existenziell. Läuft ein anderes besonders gut, profitiert man mit. Diese Idee hat mich nie wieder losgelassen . In den ersten Jahren meiner Beschäftigung mit Geldanlage hörte ich dann viele Faustregeln. Mindestens sechs verschiedene Aktien solle man haben, hieß es. Das reiche aus als Streuung. Später kursierte die Zahl 20. Es waren so wenige, weil mehr Firmen zwar die Streuung verbessern, aber die Beobachtung von mehr Firmen auch Arbeit macht. Viel Arbeit. Mir ist mal eine Solarfirma, in die ich ein paar Hundert Euro gesteckt hatte, pleitegegangen, bevor ich das Geld abziehen konnte. Eigentlich muss man bei Konzernen heute immer auch beobachten, was diese Firmen in anderen Teilen der Welt wirtschaftlich anstellen. VW baut mehr Autos in China als in Deutschland. Die größte Fabrik von BMW steht in Spartanburg, South Carolina. BASF erzielt 90 Prozent seines Umsatzes im Ausland . Apple fertigt die meisten Handys in China, inzwischen ein Viertel in Indien. Mein Lieblingsscherz: Wenn Sie in Einzelaktien anlegen, gehört dazu ein Online-Abo der South China Morning Post aus Hongkong. Kostet einen Zehner im Monat. Dann wissen Sie jeden Morgen mindestens schon mal, wie sich Ihre Firmen in Südostasien schlagen. Alles richtig. Nur drängte sich irgendwann die Frage auf: Warum dann nicht gleich einen Fonds nehmen, in dem Hunderte oder Tausende Aktien stecken? Die Antwort vor 20 Jahren lautete: Kosten. Und auch das war richtig. Klassische Aktienfonds kosteten an Gebühren oft 1,5 oder zwei Prozent der Anlagesumme im Jahr. Nicht einmalig. Sondern jedes Jahr. Auf das Geld, das man schon angelegt hatte. Das klingt harmlos, ist es aber nicht. Wenn der Kapitalmarkt langfristig vielleicht sechs oder sieben Prozent Rendite bringt, dann fressen 1,5 oder zwei Prozent Kosten einen erheblichen Teil davon weg. Jahr für Jahr. Jahrzehnt für Jahrzehnt. Bei 250 Euro Einzahlung im Monat in einem Fonds-Sparplan fehlen nach 20 Jahren mehr als 20.000 Euro, wenn man statt sechs nur vier Prozent Rendite bekommt . Ganz abgesehen davon, dass Banken mit ihrem Quasi-Wertpapier-Monopol damals beim Kauf von Fondsanteilen noch einmal fünf Prozent Ausgabeaufschlag vorweg verlangten. Und fünf Jahre später dann erzählten, dass der andere Fonds doch das deutlich bessere Management habe. Wenn man als Anleger dann umschichtete, verlangte die Bank auch noch mal fünf Prozent Ausgabeaufschlag. Tatsächlich managen unterschiedliche Managementteams bei unterschiedlichen Fondsgesellschaften unterschiedlich gut, aber eben nicht notwendig jedes Jahr oder gar lange Jahre besser als die Konkurrenz. Fonds wie der UniGlobal waren damals nicht schlecht, die hätte man wegen des Anlageergebnisses nicht auszuwechseln brauchen. Aber er bleibt ein Fonds aus einer alten Welt. Einer Welt mit hohen jährlichen Gebühren und unverfrorenen Ausgabeaufschlägen. Dann kamen die ETFs. ETFs sind im Kern auch Fonds. Aber sie versuchen nicht, mit teuren Fondsmanagerinnen und Fondsmanagern besser abzuschneiden als der Gesamtmarkt. Sie bilden einfach einen Index nach. Zum Beispiel den MSCI World. Darin stecken rund 1300 große und mittelgroße Unternehmen aus 23 Industrieländern . Also viele amerikanische, japanische, europäische und andere große Aktiengesellschaften. Der große Unterschied: Die Kosten eines solchen ETFs sind dramatisch niedriger als die aktiv gemanagter Fonds. Statt 1,5 oder zwei Prozent im Jahr zahlen Sie bei vielen ETFs nur noch 0,2 oder 0,3 Prozent. Manchmal sogar weniger. Einen Ausgabeaufschlag gibt es nicht. Zu wechseln brauchen Sie auch nicht mehr, das bessere Management gibt es ja nicht. Das war und ist immer noch eine Revolution für normale Anlegerinnen und Anleger. Denn plötzlich wurde möglich, was früher nur theoretisch schön klang: weltweit streuen, einfach bleiben, wenig zahlen. ETFs auf den MSCI World boten die beste aller Welten, wenn auch nicht die ganze Welt. Im MSCI World finden sich vor allem große Unternehmen aus Industrieländern, auch alle Konzerne aus dem deutschen Leitindex DAX40. Die USA mit ihrer starken Börsenorientierung haben ein Riesengewicht. Aktien aus Schwellenländern fehlen völlig. Kleinere Börsenunternehmen fehlen auch. Konzerne, die nicht börsennotiert sind, fehlen ohnehin. Aber die Streuung ist schon sehr breit. Und die Kosten für die entsprechenden ETFs sind sehr niedrig. Deshalb habe ich die Anlage wie meine Kolleginnen und Kollegen von Finanztip auch immer empfohlen. Aber geht noch mehr? Ja, heute geht noch mehr. Sie können auf einen Schlag nicht nur in die großen und mittleren Unternehmen aus Industrieländern investieren. Auch in Unternehmen aus Schwellenländern. Also etwa Aktien aus China, Indien, Taiwan, Südkorea, Brasilien oder Südafrika. Und gleichzeitig können Sie sich mit einem Indexfonds inzwischen auch an kleineren Aktiengesellschaften beteiligen. Mit einem sehr viel breiteren Index, etwa dem sogenannten MSCI ACWI IMI, kurz IMI . Die Fonds, die diesen Index nachbildeten, waren früher deutlich teurer. Inzwischen gibt es aber ETFs, die genauso günstig sind wie die, die den MSCI World abbilden. Der Name MSCI zeigt, dass es sich beim IMI um dieselbe Analysefirma handelt, die auch den MSCI World erstellt. ACWI steht für All Country World Index. IMI steht für Investable Market Index. Auf Deutsch: möglichst viel von der investierbaren Aktienwelt in einem Index. Wir reden über mehr als 8000 Unternehmen. Nach aktuellem Stand etwa 8233 Aktien . Aus Industrie- und Schwellenländern. Große, mittlere und kleinere börsennotierte Unternehmen. Das ist schon ziemlich nah an dem, was Anlegerinnen und Anleger heute mit Aktien erreichen können: maximale Streuung mit minimalem Aufwand und zu geringen Kosten. Und das Beste daran: Man braucht dafür kein großes Vermögen. Man kann sich wie schon beim MSCI World mit einem Sparplan von beispielsweise nur 25 Euro im Monat an Tausenden von Unternehmen beteiligen. An Apple und Microsoft, aber eben nicht nur an Apple und Microsoft. Auch an Unternehmen aus Europa, Asien, Schwellenländern und kleineren Marktsegmenten. Das sind zum Beispiel Unternehmen wie der chinesische IT-Konzern Alibaba, die indische Axis Bank oder vergleichsweise kleine Börsenunternehmen wie der deutsche Sportartikelhersteller Puma oder der südafrikanische Konsumgüterhersteller Tiger Brands . Früher brauchte man dafür entweder viel Geld, viel Zeit oder einen teuren Fonds. Heute braucht man ein Depot, einen Sparplan und die Disziplin, das Ganze lange laufen zu lassen. Natürlich ist auch ein solcher ETF keine Garantie. Aber aktuell ist er die beste Näherung an die richtig gute Geldanlage in Aktien, die ich mir vorstellen kann . Wenn Sie als Anleger in einen klassischen ETF auf den MSCI World investiert haben, müssen Sie sich deswegen noch nicht ärgern. Die Breite und die Mischung sind immer noch gut. Sie brauchen nicht zu verkaufen – mehr Infos zur weiterentwickelten Geldanlage-Empfehlung von Finanztip finden Sie hier . In den vergangenen Jahren wäre man mit dem IMI beim Anlageerfolg gar nicht besser gefahren. Tatsächlich aber schwankte der IMI in den vergangenen Jahren wirklich weniger als der klassische MSCI World. So wie es die Theorie vorhersagt. Aktienmärkte schwanken nun mal. Manchmal sogar heftig. Wer in Aktien anlegt, muss damit rechnen, dass der Wert des Fonds zwischenzeitlich auch mal um 20 oder 30 Prozent fallen kann. Das ist kein Betriebsunfall, sondern Teil des Systems. Aktien sind keine Sparkonten. Sie sind Beteiligungen an Unternehmen. Wer breit streut, reduziert aber das Risiko, mit einer falschen Einzelauswahl danebenzuliegen. Man muss nicht wissen, ob Tesla in zehn Jahren noch vorn ist. Ob Nvidia seine hohe Bewertung rechtfertigt. Ob Bayer sich erholt. Ob irgendein deutsches Traditionsunternehmen wieder Anschluss findet. Bleibt die Frage: Ist ein ETF auf den MSCI ACWI IMI wirklich das Nonplusultra? Ich denke: Für die börsennotierte Aktienwelt ist er ziemlich nah dran. Der MSCI World ist gut, Panikverkäufe sind keinesfalls angebracht – der ACWI IMI ist eben noch besser, weil breiter. Gleichzeitig gibt es natürlich viele Unternehmen, die gar nicht an der Börse sind. Mittelständler, Familienunternehmen wie Bosch oder Würth, Start-ups, Handwerksbetriebe. An denen kann man sich als normale Anlegerin oder normaler Anleger nicht ohne Weiteres beteiligen. Jedenfalls nicht einfach, breit gestreut, transparent und kostengünstig. Sollte es irgendwann gute, einfache und preiswerte Möglichkeiten geben, sich auch diese Teile der Wirtschaft sinnvoll ins private Portfolio zu holen, schauen wir uns das an. Bis dahin ist der Gipfel für normale Menschen ziemlich klar: ein weltweit extrem breit gestreuter Aktien-ETF mit sehr niedrigen Kosten. 8233 Aktien für 25 Euro im Monat. Das ist ziemlich verrückt. Und großartig. Die Grundidee fürs Anlegen ist seit 40 Jahren, seit meinem 22. Lebensjahr, dieselbe geblieben: Streuen, Kosten niedrig halten, lange dranbleiben. Nur ist sie heute viel einfacher umzusetzen.