Robert Habeck im SPIEGEL-Gespräch: »Markus Söder gehört wirklich zu den Menschen, an denen ich nichts bewundere«

Datum30.05.2026 01:26

Quellewww.spiegel.de

TLDRRobert Habeck erklärte im SPIEGEL-Gespräch, er bewundere an Markus Söder "nichts". Nach seinem Ausscheiden aus dem Bundestag konzentriert sich Habeck auf Lehrtätigkeiten und sein Talkformat. Er blickt in die Zukunft und schlägt neue politische Formate vor, wie eine Bundestagssitzordnung-freie Debatte und vorbereitete Koalitionsverträge. Bezüglich der aktuellen Regierung wünscht er sich deren Erfolg, sieht jedoch viele Herausforderungen für das Kabinett Merz. Eine Rückkehr in die aktive Politik schloss er vorerst aus.

InhaltIm SPIEGEL-Spitzengespräch sprach Markus Feldenkirchen mit Ex-Wirtschaftsminister Robert Habeck über die Probleme der Merz-Regierung, einen Bundestag ohne Sitzordnung – und über zwei Alpha-Männer aus FDP und CSU. Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Am Ende des Abends muss Robert Habeck, wie alle Gäste beim SPIEGEL-Spitzengespräch, einige Sätze vollenden, die ihm der SPIEGEL-Moderator Markus Feldenkirchen stellt. Was er denn an Markus Söder am meisten bewundere? Es ist eine kleine Spitze, denn der CSU-Chef und bayerische Ministerpräsident gehört zu jenen Politikern, die den Grünenpolitiker einst den schlechtesten Wirtschaftsminister nannten, den die Bundesrepublik je gehabt hätte. Habeck, 56 Jahre alt, überlegt einen kurzen Moment. Dann sagt er einen knappen, schnörkellosen Satz: "Markus Söder gehört wirklich zu den Menschen, an denen ich nichts bewundere." Im Admiralspalast in Berlin brandet Gelächter und Applaus auf. Und auch Habeck kann sich an diesem Freitagabend in Berlin ein Grinsen nicht verkneifen. Fast zwei Stunden lang stellte sich Ex-Wirtschaftsminister Robert Habeck an diesem frühsommerlichen Maiabend den Fragen des Moderators. Er wirkt gut gelaunt und entspannt. In den vergangenen Monaten, seitdem er den Bundestag im Spätsommer 2025 als Abgeordneter verlassen hat, bewegt sich Habeck außerhalb der Politik. Er war an der University of Pennsylvania, den Januar über lehrte er an der Hebrew University in Jerusalem, war danach auf dem Campus in Berkeley, arbeitet derzeit in Kopenhagen am Dänischen Institut für Internationale Studien. Und hat mit "Habeck live" seit Oktober vergangenen Jahres ein eigenes Talkformat am Berliner Ensemble. "Ich hatte keinen Plan für danach", erzählt Habeck, er habe die Bundestagswahl natürlich gewinnen wollen. Es ist bekanntlich anders gekommen für den Kanzlerkandidaten der Grünen, er habe "da keinen Schmerz damit". Über das, was war, im Wahlkampf 2021, als er Annalena Baerbock bei der Grünen-Spitzenkandidatur den Vortritt lassen musste und über seinen eigenen Wahlkampf 2025 will er am liebsten nicht reden. "Die interessantesten Fragen gehen um die Zukunft, nicht um die Vergangenheit", sagt er. Es dreht sich an diesem Abend um vieles: seinen Einstieg in die Politik und seinen Aufstieg, das gemeinsame Arbeiten an Büchern mit seiner Ehefrau, der Schriftstellerin Andrea Paluch, das Ende der Ampel, Russland, die Ukraine, den Krieg gegen Iran, die USA unter Donald Trump. Ein weites Feld. "Ist die Welt aus den Fugen", lautet der Titel des Gesprächs. Trump bleibt auch für Habeck ein Rätsel. Der wolle der "größte Präsident aller Zeiten" werden, das stehe über allem. Deswegen wolle er auch mit Grönland "die größte Insel haben". Es habe letztlich nichts mit Rohstoffen, Öl und sogar nichts mehr mit Korruption zu tun. Sondern mit der Idee, "man muss das Territorium erweitern oder man muss Kriege führen", versucht sich Habeck an einer Erklärung für den Mann im Weißen Haus. "Also am Ende ist es Größenwahn." Was Habeck bewegt: Warum die Politik, seine eigene Partei, aber auch die der anderen in Wahlkämpfen "nicht die Entscheidung treffen" können, "die absehbar die Legislatur definiert". Er nennt beispielhaft das Jahr 2021, als der Krieg Russlands gegen die Ukraine absehbar gewesen sei. Auch 2025, als es darum hätte gehen müssen, die Nato zu stärken. Hätte er nichts tun können? "Ich spreche mich nicht frei davon", sagt er. Aber es sei "naiv zu glauben, dass der eine den Unterschied macht", wenn die Struktur der Gesellschaft und Politik so sei wie sie nun einmal sei. Habeck, der als Lieblingsfach seines Studiums an diesem Abend die Philosophie nennt, schlägt andere Formen des politischen Betriebs vor. "Was wäre, wenn es im Bundestag keine Sitzordnung gäbe?", fragt er. Dann würden etwa diejenigen, die vorne reden, nicht wissen, wer ihre "Peergroup" sei. Heute sei es doch oft so, dass im Bundestag Reden gehalten würden, damit die eigene "Peergroup aktiviert wird". Und als "Gedankenspiel" schlägt er vor, dass jede Partei bereits im Wahlkampf für sich die verschiedenen möglichen Koalitionsverträge machte. So wäre am Ende kein Bürger überrascht, wenn es nach der Wahl Kompromisse geben müsse. Aber Habeck weiß auch, dass es das nicht geben wird, nichts davon werde kommen: "In der Regellogik kann das nicht funktionieren." Im Politikalltag geht es oft um andere Dinge. Am Samstag etwa trifft sich in Berlin die FDP zu ihrem Bundesparteitag, um voraussichtlich Wolfgang Kubicki zum neuen Vorsitzenden zu wählen. Kubicki und Habeck haben einst die Jamaika-Landeskoalition in Schleswig-Holstein auf den Weg gebracht. Zu Ampelzeiten gehörte Kubicki zu den härtesten Kritikern Habecks. Nun kämpft die FDP um ihr Überleben, nach dem zweiten Rauswurf aus dem Bundestag in ihrer Geschichte im Jahr 2025. Robert Habeck über den voraussichtlich künftigen FDP-Chef Wolfgang Kubicki Ob er heute noch Kontakt zu Kubicki habe, will Feldenkirchen wissen. "Nee", sagt er, "wir kannten uns gut früher", sagt Habeck. Aber das will er dann doch klarstellen: Es brauche aus seiner Sicht "eine liberale Kraft in Deutschland", die anderen Parteien könnten diese Lücke nicht schließen, auch wenn seine Grünen einen starken rechtsstaatlichen Flügel habe. Aber in seiner Partei gebe es "auch gegenläufige Tendenzen". Was die Liberalen angeht, gibt es für ihn eine "klaffende Lücke", aber die sei nicht "zwischen CDU und AfD", die "Lücke ist im Zentrum der Demokratie". Ob er denn glaube, dass Kubicki die FDP wiederbeleben könne? "Das weiß ich nicht, aber er wird die FDP nicht zu der Partei machen, die Deutschland braucht", sagt Habeck. Gezeigt wird auch ein Einspieler mit Ex-Verkehrsminister Volker Wissing, der die FDP nach dem Bruch der Ampel verließ und dem Minderheitskabinett aus SPD und Grünen bis zum Schluss angehörte. Die Demokratie lebe vom Kompromiss und nicht davon, "dass sie sich gegenseitig besiegt", sagt Wissing nun im kurzen Filmausschnitt. "Das ist eine FDP, die regierungsfähig ist", sagt Habeck. "Ich glaube, mehr vom Schlage Volker können wir gut gebrauchen." Am Ende dieses Abends geht es auch um die aktuelle Regierung. Er habe sie nicht gewählt, es sei nicht seine Regierung, so Habeck, aber er wünsche sich auch, "dass sie die Dinge gefixt bekommen". Der Ex-Minister sieht die vielen Herausforderungen des Kabinetts Merz: "Jetzt müssen sie sich halt mit der Wirklichkeit auseinandersetzen." Den Saal hat Habeck, was den Applaus angeht, nicht nur in diesem Moment hinter sich. Bevor er geht, muss auch diese Frage noch geklärt werden, die seit Monaten in der Luft liegt und die darum kreist, ob es eines Tages doch noch einen Habeck in der aktiven Politik geben könnte. Wie ist es mit ihm sei, ob er als "Retter der Welt" zurückkehre, will Feldenkirchen wissen? "Ich habe heute Abend ja deutlich gemacht, dass ich der Meinung bin, dass mein politischer Ansatz im Moment wenig Raum hat", sagt Habeck. "Und deswegen", fügt er noch hinzu, "mache ich jetzt andere Sachen". Hinweis: Den Mitschnitt des SPIEGEL-Spitzengesprächs Live sehen Sie am Samstagabend auf spiegel.de.