Datum28.05.2026 14:33
Quellewww.zeit.de
TLDRPhilipp Lahm lobt die strukturierten Spielsysteme der Finalisten Paris Saint-Germain und FC Arsenal, die trotz unterschiedlicher Ansätze funktionieren. Er kritisiert die Dominanz weniger Nationen in der Champions League, die kleinen Ländern die Chance auf Titel verwehrt und fordert mehr europäische Solidarität im Fußball. Budapest wird als symbolträchtiger Austragungsort für das Finale hervorgehoben.
InhaltBudapest ist der ideale Ort für Europas größtes Spiel, denn Ungarn steht wieder für Solidarität. Doch leider bleibt die Champions League eine geschlossene Gesellschaft. Vor dem Endspiel will ich einen Gedanken an einen der ausgeschiedenen Halbfinalisten verlieren. Diego Simeone imponiert mir. Seit 15 Jahren muss er mit Atlético Madrid immer wieder den Stein den Berg raufrollen. Wir flogen mit dem FC Bayern gegen ihn während unserer Hochphase 2016 raus. Jetzt habe ich irgendwo gelesen, Simeone solle sich hinterfragen. Dabei behauptet er sich immer wieder mit unterlegenen Mitteln. Schade, Sisyphus Simeone hätte längst einen Champions-League-Titel verdient. Übrig geblieben sind zwei andere Vereine, deren Trainer ähnlich vorgehen. Sie üben, Dirigenten ähnelnd, pedantisch Abstände, Abläufe, Pässe, choreografieren ihre Abwehr, orchestrieren ihren Angriff. Ihr Betriebssystem, die ballorientierte Raumdeckung, ist auf neuestem Stand. Ihre Elf verhält sich wie ein Schwarm. Voriges Jahr war PSG gegen Arsenal das Halbfinale, dieses Jahr ermitteln sie den Sieger. Da stehen die Richtigen im Finale. Unter dem Leadership Luis Enriques ist PSG, einst eine Sammlung von Individualisten, zu einer Einheit verwachsen. Man hat automatisch Chwitscha Kwarazchelia vor Augen, den Dribbler und Kämpfer, der vorne wie hinten brilliert. PSG wäre nach Real Madrid erst der zweite Verein, der seit der Gründung der Champions League 1992 seinen Titel verteidigen könnte. Sehr gute Trainerarbeit liegt auch dem Aufschwung des FC Arsenal zugrunde. Enriques Landsmann Mikel Arteta hat den Klub in sechs Jahren Stück für Stück nach oben geführt. So gewann der FC Arsenal die erste nationale Meisterschaft seit den Invincibles 2004. Den europäischen Titel holte er noch nie, erreichte nur einmal, 2006, das Finale. Keine gute Bilanz für einen Klub, der dauerhaft zu den Top Ten der umsatzstärksten der Welt zählt. Ansichten eines Fußballers ist die ZEIT-Kolumne von Philipp Lahm. Darin widmet er sich den großen Fragen des Fußballs und gleichzeitig aktuellen gesellschaftlichen Debatten. Bis zu 30 internationale Zeitungen übernehmen die Kolumne, unter anderem La Repubblica (Italien), Delo (Slowenien), El País (Spanien), Tribuna (Ukraine), Expresso (Portugal), Makfudbal (Nordmazedonien), Ilta-Sanomat (Finnland), Ha’aretz (Israel), Aftonbladet (Schweden), Morgunblaðið (Island), Verdens Gang (Norwegen), Gazeta Wyborcza (Polen), 444 (Ungarn), Politiken (Dänemark), L'Équipe (Frankreich), Denník N (Slowakei), Telesport (Kroatien), Sport (Tschechien), Efimerida ton Syntakton (Griechenland), Lead (Rumänien), Times of Malta (Malta) und der Guardian (Großbritannien). Sie entsteht im Austausch mit Oliver Fritsch, dem Sportredakteur der ZEIT. Philipp Lahm, Weltmeisterkapitän von 2014, Ehrenspielführer der deutschen Nationalmannschaft und Ehrenbürger Münchens, wurde nach seiner Karriere Turnierdirektor der Euro 2024 und berät seit 2022 den VfB Stuttgart sportlich. Über die ganz große individuelle Qualität im Kader verfügt Arteta nicht, er hat keinen Thierry Henry, Patrick Vieira, Dennis Bergkamp oder Freddie Ljungberg. Die Stärke des aktuellen Teams ist ihr extrem hoher Organisationsgrad, der Stabilität verleiht. In 14 Champions-League-Spielen kassierte die Mannschaft nur sechs Gegentore und verlor nie. Arsenal ist das Gegenstück zum FC Bayern, der 20 Gegentore hinnehmen musste. Er ist der Sonderfall unter den europäischen Topteams. Vincent Kompany versucht es mit einer Mischung aus höchster Intensität und dem Retromittel Manndeckung. PSG ließ sich eine Halbzeit lang davon überraschen, in der Vorrunde im November. Im Halbfinalrückspiel dagegen nutzte Paris den Raum, der bei dieser Abwehrform zwangsläufig entsteht, zu einem schnellen Tor. Anschließend kontrollierte Enriques Elf das Spiel aus der Defensive. Solide Abwehrarbeit kommt nie aus der Mode. Arsenal war ohnehin auf den unorthodoxen Stil der Bayern vorbereitet, schlug sie in der Vorrunde 3:1. Wie gesagt, die Besten stehen im Endspiel. Das Spektakel findet in Budapest statt. Das ist jetzt genau der richtige Ort für das wichtigste Spiel im europäischen Vereinsfußball. Von Ungarn ging zuletzt ein starkes Signal aus. Wir dürfen uns bei den Menschen dort bedanken, sie sind aufgestanden. Ungarn ist nun nicht mehr das Land, das Solidarität verhindert. Es setzt nun wieder auf europäische Regeln und ein Füreinander. Sportliche Großevents können solche gesellschaftlichen Impulse verstärken. "Autos hupen, Feuerwerkskörper leuchten am Himmel, Fahnen wehen. Leute, die einander nicht kennen, umarmen sich und lachen zusammen", schrieb Gábor Schein, ein ungarischer Autor, in der Süddeutschen, einer Zeitung aus meiner Heimatstadt, nach der Parlamentswahl im April über die Lage in Budapest. Am Samstag könnten sich ähnliche Szenen abspielen. Leider hat Budapest keine Chance, sportlich teilzunehmen. Die Champions League bleibt eine Gated Community. Seit dem Triumph des FC Porto 2004 gewannen nur Vereine aus Spanien, Italien, Deutschland, Frankreich und England, obwohl für diese die nationale Liga oft sogar wichtiger ist, weil dort mehr zu verdienen ist. Im Fußball besteht Europa also nur aus fünf Ländern. Zum Vergleich: Den Eurovision Song Contest (nicht, dass ich ihn schauen würde) erobert seit neun Jahren immer eine andere Nation, diesmal Bulgarien. Der entscheidende Grund für die Monotonie im Fußball beruht auf einem geografischen Zufall: Vereine aus kleinen Ländern haben keine Chance mehr, weil ihre Ligen zu klein und daher nicht wettbewerbsfähig sind. Sie können ihre besten Spieler deswegen nicht halten. Die einstigen Größen Benfica Lissabon und Ajax Amsterdam können international nicht mehr mithalten, weil Portugal und die Niederlande zu wenige Einwohner haben. Da können die Vereine noch so gut gemanagt sein.