London: Chelsea Flower Show erlaubt Gartenzwerge – ist Deutschland jetzt wieder wer?

Datum26.05.2026 17:02

Quellewww.spiegel.de

TLDRDie Chelsea Flower Show erlaubte nach 99 Jahren erstmals wieder Gartenzwerge, um Spenden für Schulgärten zu sammeln. Berühmtheiten wie Cate Blanchett gestalteten Zwerge zur Versteigerung. Die britische Gartenbaugesellschaft RHS hob das bisherige Verbot auf, um spielerisches Interesse am Gärtnern zu wecken. Trotz der breiten medialen Aufmerksamkeit und der Herleitung auf das alte Rom bleibt die Verbindung zur deutschen Gartenzwergtradition fraglich.

InhaltSeit 99 Jahren sind Gartenzwerge bei der renommierten Chelsea Flower Show verboten. Bei der vergangenen Ausgabe wurden sie zum erst zweiten Mal erlaubt. In London spricht man schon von einem "Fiebertraum". Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Chinesische Orchideen blühen, König Charles bewundert mit David Beckham eine weiße Strauchrose, die nach dem Fußballstar benannt wird, außerdem wirft der König einen Blick auf Goldrute, Maulbeere und Rhabarber. Er bekommt eine exklusive Führung über die Chelsea Flower Show , eine Mischung aus Profi-Gartenmesse und englischem Volksfest, ein buntes Erlebnis. Dann beginnt das, was die BBC  einen "Fiebertraum" nennt. "Dem König wurde eine Reihe von Zwergen – darunter einer, der ihm selbst ähnelte – in einem Häuschen gezeigt, das seinem eigenen Anwesen Highgrove in Gloucestershire nachempfunden war", berichtet der britische Sender. Plötzlich sind sie da: die Gartenzwerge, eine der deutschesten Marotten. Ist das jetzt das Ende der britischen Gartenkultur? Und, viel wichtiger: Ist Deutschland jetzt wieder wer? Seit 1913 gibt es die Chelsea Flower Show, 14 Jahre später wurde offiziell ein Verbot von Gartenzwergen erlassen, die Regeln der Veranstaltung besagten: "In den Zelten dürfen weder Skulpturen noch sonstige Gegenstände ausgestellt werden, weder allein noch als Teil einer Ausstellung." Das Verbot sei später auf alle Gärten der Flower Show ausgeweitet worden, heißt es von der Königlichen Gartenbaugesellschaft RHS, Gartenzwerge seien ausdrücklich erwähnt worden. Der ungeheuerliche Verdacht: Hielt sie etwa jemand für geschmacklos? Jedenfalls wurde das Gartenzwergverbot in den inzwischen 99 Jahren seines Bestehens lediglich zweimal gelockert: 2013 für eine Spendenaktion zum hundertjährigen Bestehen der RHS Chelsea. Und eben für die diesjährige Gartenschau, die am Wochenende endete: Promis wie Hollywoodstar Cate Blanchett, Kult-Köchin Mary Berry und Queen-Gitarrist Brian May hatten Gartenzwerge gestaltet, die für den guten Zweck versteigert wurden: Die erzielten Einnahmen kämen einer Kampagne für Schulgärten zugute, "um die nächste Generation von Gärtnern zu inspirieren", heißt es. "Noch nie haben wir die Freude am Gärtnern, die Kraft der Pflanzen für unseren Planeten oder die Ruhe, die es bedeutet, einfach nur im Garten zu sitzen, so sehr gebraucht wie jetzt", sagte Generaldirektorin Clare Matterson: "Wir möchten, dass die Menschen spielerisch an die Gartenarbeit herangehen. Deshalb heben wir das Zwergverbot für diese prominenten Gartenzwerge auf, die uns durch ihre Versteigerung dabei helfen werden, die Neugier der Schulkinder auf die Gartenarbeit noch stärker zu wecken." Gärtnern in der Schule stärke die Resilienz, baue Selbstvertrauen auf, fördere die Neugier und ermögliche den Zugang zur Natur. Wenn es also um Spendengelder geht, muss London auf deutsche Tugenden setzen, den verlässlichen Gartenzwerg, der im Wind steht und nicht umfällt. Der von Queen-Gitarrist May designte Zwerg wurde etwa für 3700 Pfund versteigert, rund 4300 Euro. Die Aufmerksamkeit war der Königlichen Gartenbaugesellschaft sicher, die Zwerge gingen um die Welt, die "New York Times" , die "Vogue"  und "Vanity Fair"  berichteten. "Etwas, das schräg und anders und ein bisschen altmodisch ist, wie ein Gartenzwerg, ist genau das, was die Welt braucht", sagte der britische Komiker Tom Allen, der selbst einen Zwerg entworfen hatte. Ob er dabei an Deutschland gedacht hat? Während manche ganz offen zu ihrer Gartenzwergliebe standen, betrachteten andere die Gnome eher als guilty pleasure. So beobachtete die "New York Times" einen Zwerg in einem Garten, der von der Stiftung von König Charles gesponsert wurde. Der Zwerg sei leicht zu übersehen gewesen, da er dem Weg den Rücken zugewandt habe und größtenteils von Farnen verdeckt gewesen sei, heißt es. Dass das Bekenntnis zum Gartenzwerg also nun die deutsch-britischen Beziehungen stärkt, darf bezweifelt werden. In London berief man sich nämlich nicht auf die Gartenzwerge als Tradition aus dem Sachsen und Thüringen des 18. Jahrhunderts, sondern auf eine weit entferntere Vergangenheit: das alte Rom. So erzählte der britische Komiker Bill Bailey, dass der Name für Gnome vom lateinischen Wort "gnomus" stamme, was so viel wie "Erdbewohner" bedeute. "Die Römer setzten sie als Wächter des Gartens ein und zum Schutz vor bösen Geistern. Ich glaube also, dass sie zu Unrecht in Verruf geraten sind", sagte er. Übrigens: Im thüringischen Trusetal befindet sich der 5000 Quadratmeter große Zwergen-Park, dort kann man rund 2500 Gartenzwerge der verschiedensten Art und Größe bewundern. Cate Blanchett, "Vogue" und "New York Times" dürften schon auf dem Weg sein.