Datum26.05.2026 08:14
Quellewww.zeit.de
TLDRDie ukrainische Dramatikerin Alina Sarnatska diente über zwei Jahre als Frontsanitäterin und trat freiwillig in die Armee ein, als Russland die Ukraine überfiel. Sie nutzt ihre Kunst, um Erfahrungen von Soldatinnen und deren Einfluss auf Geschlechterrollen im Krieg zu thematisieren. Ihre Theaterstücke beleuchten die Transformation von Zivilisten zu Soldaten und die spezifischen Herausforderungen von Frauen im Militär, obwohl sie argumentiert, dass Frauen im Krieg gewisse Vorteile im Vergleich zu Männern haben können.
InhaltDie Ukrainerin Alina Sarnatska meldete sich freiwillig zur Armee, dann begann sie zu schreiben. Was sie im Krieg über Männer und Frauen gelernt hat. Seit Beginn der russischen Vollinvasion hat die Zahl der Frauen in der ukrainischen Armee stark zugenommen. Über 75.000 Frauen dienen heute freiwillig in den Streitkräften. Die Wehrpflicht gilt für sie nicht. Die Dramatikerin Alina Sarnatska aus Kyjiw war mehr als zwei Jahre lang eine von ihnen. Die Veteranin spricht darüber, ob der Krieg die Geschlechterverhältnisse verändert. DIE ZEIT: Sie sind Veteranin und Dramatikerin. Was kam zuerst: die Armee oder das Schreiben? Alina Sarnatska: Ich habe mit dem Schreiben angefangen, weil mein Leben davon abhing. Als am 24. Februar 2022 die russische Vollinvasion begann, habe ich einige Tage in Kyjiw in einer U-Bahnstation Schutz gesucht. Da habe ich beschlossen, mich freiwillig zum Militärdienst zu melden. Elf Tage später bin ich einem Bataillon der Territorialverteidigung beigetreten. Am Anfang des Krieges hatten wir fast keine Waffen und kein Geld. Ich wusste, dass jetzt alle das tun müssen, was sie am besten können – und ich kann schreiben. Seit meiner Kindheit wollte ich Bücher schreiben, habe aber nicht an mich geglaubt. Jetzt musste ich also schnell in den sozialen Medien Reichweite bekommen, um damit alles Mögliche auftreiben zu können: Erste-Hilfe-Sets, Tourniquets, Geld, Freiwillige. ZEIT: Es war Krieg um Sie herum, fiel es Ihnen nicht schwer? Sarnatska: Wenn dein Leben davon abhängt, lernst du sehr schnell. Das ist ein Mechanismus, der in der taktischen Medizin in Kriegssituationen funktioniert – und auch beim Schreiben. Am besten haben Dialoge funktioniert. Deshalb schrieb ich ununterbrochen Dialoge, jeden Tag. Ich notierte, wer was sagte und was um uns herum geschah. Ich beschrieb die Realität des Krieges. Ich befand mich an einem sehr interessanten Ort. Ich wollte verstehen, wie Zivilisten zu Soldaten werden. Als die Invasion begann, war ich Managerin einer gemeinnützigen Organisation und schrieb gerade meine Dissertation in Sozialarbeit. Mein Bataillon war im Stadtzentrum von Kyjiw. 95 Prozent der Einheit hatten keinerlei militärische Erfahrung. Wir waren fast alle Zivilisten, die in den ersten Kriegstagen dazugestoßen sind. Und vor unseren Augen verwandelten wir uns in Soldaten. Ich wollte diesen Prozess und die Geschichten der Menschen um mich herum festhalten, denn mir war klar, dass viele von ihnen sterben werden. ZEIT: Sie haben über zwei Jahre gedient, als Frontsanitäterin unter anderem nahe der Stadt Bachmut. Im Juli 2024 haben Sie die Armee verlassen. Wie sind Sie dann zum Theater gekommen? Sarnatska: Als ich vor Bachmut saß, hat mir jemand von einem Projekt erzählt, das Schriftstellern gewidmet war, die von Russland getötet wurden. Plötzlich wurde mir bewusst: Wenn sie dich töten, wirst du nicht Teil dieses Projekts sein. Denn ich war ja überhaupt noch keine Schriftstellerin. Zurück in Kyjiw schickte mir jemand einen Link zum "Theater der Veteranen". Das ist ein Projekt, in dem Veteranen zu Dramatikern werden und ihre Erfahrungen in Bühnenstücken verarbeiten. Damals wusste ich nicht einmal, was das ist: ein Dramatiker. Vielleicht Shakespeare, aber der ist schon lange tot. Aber ich wusste, dass ich eine Gemeinschaft brauche, um nicht mit dem Schreiben aufzuhören. Ich habe dort meinen Platz gefunden. ZEIT: Sind Ihre Theaterstücke also autobiografisch? Sarnatska: Mein Stück Menstruation zeigt die Welt von Sexarbeiterinnen: von Mädchen, die auf OnlyFans Geld verdienen, um es für die Armee zu spenden. Ich habe es geschrieben, um den Europäern das Thema Krieg näherzubringen. Ich habe es hinter einem liberalen Thema versteckt, das im Westen verständlicher ist als die schockierenden Geschichten über Frauen an der Front. Aber in Wirklichkeit geht es natürlich um den Krieg. Denn für uns ist es lebenswichtig, dass man sich in Europa an uns erinnert, dass man uns unterstützt. In Penelope wiederum geht es um die Ehefrauen von Veteranen. Sie werden von Schauspielerinnen gespielt, die wissen, wie es sich anfühlt, auf die Rückkehr eines nahen Menschen von der Front zu warten. ZEIT: Das ist sicher auch für viele Zuschauer ein Thema? Sarnatska: Ja, ich höre oft, dass dem Publikum die Vorstellungen wichtig sind. Viele junge Menschen, die etwa meine Stücke über das Militär sehen, denken: Das könnte meine Zukunft sein, vielleicht gehe ich zur Armee, ich will wissen, wie das ist. Andere sagen: Ich lebe in Kriegszeiten, ich will die Welt verstehen, in der ich lebe. ZEIT: Ihr Debütstück Militärmama zeigt eine Frau, die als Freiwillige in den Krieg zieht und ihre kleine Tochter zu Hause lässt. Bei Zivilisten wie Soldaten stößt die Mutter auf Unverständnis und sogar offene Ablehnung. Unterscheiden sich Ihre Erfahrungen als Frau im Militär von denen der Männer? Sarnatska: Eine Frau beim Militär braucht eine Waffe und darf nicht sterben, deshalb gibt es keinen großen Unterschied zwischen ihr und den Männern. Ich schreibe über Frauen, weil ich selbst eine Frau bin. Ich habe zwar kein Kind, aber ich kenne viele Frauen mit ähnlichen Geschichten, wie ich sie in diesem Stück beschrieben habe. ZEIT: In der ukrainischen Armee dienen immer mehr Frauen, inzwischen sind es mehr als 75.000. Kann die Armee ein Ort der Emanzipation sein? Oder ist sie zu fest im patriarchalen System verankert? Sarnatska: Die Armee ist für niemanden da. Niemand sollte kämpfen müssen, denn der Krieg ist etwas völlig Unmenschliches. Er ist eine andere Realität, ein anderes Universum. Natürlich hat die Struktur der Armee etwas Patriarchales. Aber es stimmt nicht, dass es Frauen dort bloß schlechter geht. In einem gewissen Sinne haben Frauen mehr Auswahlmöglichkeiten: Dank des Patriarchats leisten sie keinen Pflichtdienst. Wenn sie wollen, können sie leichter auf sichere oder administrative Posten versetzt werden oder im Stab dienen. Es gibt verschiedene informelle Privilegien. Frauen dürfen sich zum Beispiel häufiger waschen. Und wenn eine Soldatin evakuiert werden muss, gehen ihre Kameraden oft viel größere Risiken ein, um sie zu retten. ZEIT: Es ist also von Vorteil, eine Frau in der ukrainischen Armee zu sein?