Datum25.05.2026 17:50
Quellewww.spiegel.de
TLDRDer Sudetendeutsche Tag in Brünn gedachte der Vertreibung von Deutschen aus der Tschechoslowakei nach dem Zweiten Weltkrieg. Ein Friedensmarsch erinnerte an die Opfer, begleitet von tschechischen und deutschen Politikern. Die Veranstaltung stieß auf Proteste der tschechischen Regierung, doch die Präsidenten beider Länder betonten die gute deutsch-tschechische Partnerschaft. Lokalpolitiker forderten weitere Schritte zur Versöhnung. Kleinere Rangeleien gab es am Rande.
InhaltDeutsche und Tschechen erinnerten am Wochenende im mährischen Brno an die Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung 1945. Die tschechische Regierung hatte zuvor gegen die Veranstaltung protestiert. Mit einer Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus ist am Montag an der ehemaligen Gestapo-Zentrale im mährischen Brno (Brünn) der Sudetendeutsche Tag zu Ende gegangen. Die Zusammenkunft wurde von kleineren Protesten einiger Dutzend Demonstranten begleitet, wie Radio Prag unter Berufung auf die Presseagentur CTK berichtete. Am Samstag erinnerten rund 2000 Tschechen und Deutsche mit einem Friedensmarsch an die Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung aus Brünn unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Der sogenannte Friedensmarsch wurde zum zehnten Mal im Rahmen des Festivals "Meeting Brno" veranstaltet. Er führte von Pohorelice (Pohrlitz) nach Brünn. Bevor sich der Zug in Bewegung setzte, gedachten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Massengrab in Pohorelice der Opfer des Brünner Todesmarsches. Erstmals in diesem Jahr hatte "Meeting Brno" auch den Sudetendeutschen Tag nach Tschechien eingeladen. Daher sprachen beim Gedenkakt am Samstag neben tschechischen Lokal- und Regionalpolitikern auch bayerische Politiker. Im Vorfeld hatte es Proteste gegen die Veranstaltung des Sudetendeutschen Tages in Tschechien gegeben. Die Regierungskoalition von Regierungschef Andrej Babis setzte in der vergangenen Woche eine entsprechende Resolution im tschechischen Abgeordnetenhaus durch. Am Freitag dann telefonierten die Präsidenten Tschechiens und Deutschlands, Petr Pavel und Frank-Walter Steinmeier, miteinander und veröffentlichten im Anschluss eine gemeinsame Erklärung. Beide Länder hätten einen weiten Weg im Geist von gegenseitigem Verständnis, Respekt und Partnerschaft zurückgelegt, hieß es darin. Sie beide seien überzeugt, dass auch die Zusammenkunft in Brünn "ebendiesen Geist widerspiegeln" werde. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) würdigte am Samstag vor allem die Initiative von "Meeting Brno" und bezeichnete die Veranstaltung des Sudetendeutschen Tages in Brünn als ein "historisches Ereignis". Bayerns Sozialministerin Ulrike Scharf (CSU) sagte: "Versöhnung ist möglich, und sie verlangt Verantwortung. Dass wir heute hier gemeinsam sind – Deutsche und Tschechen –, ist ein starkes Signal für Europa und für die Welt. Die Bürgermeister jener Gemeinden, durch die Ende Mai 1945 der Brünner Todesmarsch führte, betonten in einer gemeinsamen Erklärung, wie wichtig Versöhnung mit den Vertriebenen und ihren Nachfahren sei. Von tschechischer Seite müssten aber in dieser Richtung entschiedenere Schritte kommen. Wörtlich hieß es: "Es ist an der Zeit, dass wir ein für alle Mal das hinter uns lassen, was uns trennt, und den Mut finden, unsere Vergangenheit zu akzeptieren. Die Sudetendeutschen haben dies getan. Nun ist die Reihe an uns." Die Bürgermeister wandten sich auch gegen die Resolution des Abgeordnetenhauses. Solche Aktionen seien "verzweifelte Versuche" des Buhlens um ein paar mehr Wählerstimmen. Am Rande des Gedenkakts und des Friedensmarsches äußerten laut dem Bericht auch einige Dutzend Protestierende ihren Unwillen über die Ausrichtung des Sudetendeutschen Tages auf tschechischem Boden. Laut tschechischen Medien gab es auch einige kleinere Rangeleien. Drei Wochen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren im Mai 1945 rund 19.500 Deutsche aus Brünn vertrieben worden. Beim sogenannten Todesmarsch am 30. und 31. Mai kamen nach unbestätigten Angaben rund 1700 Menschen ums Leben. Sudetendeutsche Historiker führen höhere Zahlen an. Verlorene Heimat Rund 14 Millionen Deutsche mussten am Ende des Zweiten Weltkriegs die bis dahin deutschen "Ostgebiete" verlassen. Die aktuelle Ausgabe von SPIEGEL Geschichte erzählt von Schicksalen, vom Fliehen und vom Ankommen – und davon, wer für die Vertreibungen verantwortlich war. Zum Programm am Pfingstsonntag gehörten auch ein evangelischer und ein katholischer Gottesdienst. Letzteren zelebrierten der langjährige Erzbischof von Olmütz und später von Prag, Jan Graubner, sowie der frühere Pilsener Bischof Frantisek Radkovsky gemeinsam mit zahlreichen tschechischen und sudetendeutschen Geistlichen. Die Sudetendeutsche Landsmannschaft sprach am Montagnachmittag in München von einem "großen Friedensfest in Brünn". Der Bundesvorsitzende, Bernd Posselt (CSU), sagte dem Bayerischen Rundfunk, dass die Zusammenkunft künftig abwechselnd in Tschechien und in Deutschland ausgerichtet werden könnte. Ein entsprechendes Angebot gebe es etwa aus der Grenzstadt Cheb (Eger). 2027 soll das Treffen in Nürnberg stattfinden.