Datum25.05.2026 15:05
Quellewww.zeit.de
TLDRDer Konflikt in Mali eskaliert, die Bevölkerung verliert den Glauben an die Militärregierung. Eine Großoffensive von Tuareg-Rebellen und Dschihadisten erschütterte das Land und machte jüngste Erfolge zunichte. Während die Junta auf militärische Lösungen setzt, mehren sich Rufe nach Verhandlungen und Wahlen. Die Fronten verhärten sich, eine Ende des Konflikts ist nicht in Sicht. Die internationale Gemeinschaft wird kritisch gesehen.
InhaltDer Konflikt in Mali eskaliert. In der Bevölkerung scheint die Euphorie für die Militärregierung zu schwinden. Das Land diskutiert, wie Frieden gelingen könnte. Nana Coulibaly glaubte an ihren Durchbruch als Sängerin und Tänzerin. Sie glaubte an eine große Karriere in einem Land, in dem endlich Frieden einkehren würde. Nun schickt die 30-Jährige verzweifelte WhatsApp-Nachrichten aus der Wüste im Norden Malis. "Ich dachte, alles wird gut", heißt es in einer. "Aber gar nichts wird gut." Coulibaly ist auf der Flucht. Sie hat sich auf einen sandigen Hof in einem winzigen Dorf gerettet. Ihr Unterschlupf: ein unverputzter Verschlag, den sie sich mit ihrer Familie teilt – sieben Menschen auf fünf Quadratmetern. Die ZEIT hatte Coulibaly im Dezember auf der Biennale in Timbuktu getroffen, einem Kulturfestival, das nicht nur Coulibaly, sondern dem ganzen Land Hoffnung gegeben hatte. Der Junta, die in Mali regiert, war es während des mehrwöchigen Spektakels gelungen, für Sicherheit zu sorgen. Und das in einer Region, in der dschihadistische und separatistische Gruppen besonders häufig angreifen. Das Festival war eine Demonstration der Stärke. Ein Signal an die eigene Bevölkerung und den Rest der Welt, dass es nun endlich wieder positive Nachrichten aus dem Land geben werde. Doch davon kann keine Rede mehr sein. Ende April überraschten zwei bewaffnete Gruppen die Streitkräfte der Militärregierung mit einer Attacke, die das ganze Land erschütterte: die Front zur Befreiung von Azawad (FLA), eine Bewegung von Tuareg-Rebellen, die einen eigenen Staat im Norden Malis anstrebt. Und die Gruppe zur Unterstützung des Islam und der Muslime (JNIM), eine Terror-Organisation mit Verbindungen zu Al-Kaida, die in Mali die Scharia einführen will. Die beiden Bewegungen griffen im Morgengrauen des 25. April in Kidal, Gao, Mopti und der Hauptstadt Bamako an. Auch in Kati, am Rande der Hauptstadt, schlugen sie zu. Dort residieren die Spitzen der Junta. Der Verteidigungsminister Sadio Camara kam bei einer Attacke eines mit Sprengstoff beladenen Wagens ums Leben. Präsident und Junta-Chef Assimi Goïta wagte es tagelang nicht, öffentlich aufzutreten, weil auch er um sein Leben fürchten musste. Es war die bisher bitterste Niederlage im Kampf gegen die Gewalt im Land, seit das Militär 2020 die Macht übernommen hat. Und sie war besonders schmerzlich, weil es zuletzt immer wieder Fortschritte zu vermelden gab, Hoffnung aufkeimte. In einer Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung im vergangenen Jahr sagten noch zwei von drei Malierinnen und Maliern, dass sich die Lage des Landes endlich verbessere – nach mehr als einem Jahrzehnt, in dem es stets bergab zu gehen schien. Der Konflikt in Mali begann 2012 mit einer Rebellion von Tuareg-Rebellen, die nach kurzer Zeit von Islamisten gekapert wurde. Die Kräfte nahmen etliche Städte im Norden Malis ein. Die damalige Regierung schaffte es nicht, die Ausbreitung des Terrors zu verhindern – trotz der Hilfe der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich und einer Blauhelmmission, an der sich auch Deutschland beteiligte. Es war zuletzt der größte Auslandseinsatz der Bundeswehr. Doch der Terror dehnte sich von Mali nach Burkina Faso und Niger aus. Die Sahelzone, zu der diese Staaten gehören, entwickelte sich zu einem Hotspot islamistischen Terrors. Nirgends werden mehr Menschen von Dschihadisten getötet. Zuletzt erreichte die Gewalt gar die Staaten am Golf von Guinea. 2020 gelang es einer Reihe frustrierter Soldaten, die korrupte und weitgehend tatenlose Regierung Malis zu stürzen. Kaum an der Macht, fingen sie auch an, die Kooperation mit dem Westen aufzulösen, sie jagten Frankreich aus dem Land, Deutschland und die UN. Dabei wurden sie von großen Teilen der Bevölkerung Malis bejubelt. Viele sahen im Bruch mit den alten Partnern in einem hitzig geführten postkolonialen Diskurs auch einen Schritt hin zu echter nationaler Souveränität. 2023 erkämpfte die malische Armee dann tatsächlich auch ihren ersten Sieg. Mit ihrem neuen Partner: russischen Söldnern. Erstmals seit dem Beginn des Konfliktes konnten sie die Stadt Kidal im Norden Malis einnehmen, die seit 2012 unter Kontrolle der Tuareg-Rebellen geblieben war. Auch die Zahl getöteter Zivilistinnen und Zivilisten ging zurück. Doch mit ihrer Großoffensive ist es den bewaffneten Gruppen nun gelungen, diese Erfolge zunichtezumachen. Die Tuareg-Rebellen konnten Kidal zurückerobern. Und an eine Biennale wie in Timbuktu ist wegen der Präsenz JNIMs selbst in der Hauptstadt derzeit nicht zu denken. Das Konzert "Bal des Grands" mit einigen Weltstars auf dem Programm wurde wegen einer Ausgangssperre abgebrochen. Im September 2025 begann JNIM, Schlüsselstraßen, die in die Hauptstadt führen, zu blockieren. Die Islamisten griffen gezielt Benzinkonvois an, sorgten dadurch monatelang dafür, dass in Bamako das Licht ausging. Um die Blockade zu durchbrechen, mussten die malischen Streitkräfte und ihre Partner enorme Ressourcen aufwenden, die dann fehlten, um auf die Offensive im April im ganzen Land zu reagieren. Für diese Offensive wiederum mussten die bewaffneten Gruppen enorme Ressourcen aufwenden, um die Junta derart zu treffen. Es ist ein Hin und Her: Schon kurz nach der Offensive im April gelang es den Streitkräften, Mopti und Gao zurückzugewinnen, die zum Teil von JNIM überrannt worden waren. Auch in Bamako und Kati kehrte schnell wieder eine gewisse Normalität ein. In der vergangenen Woche griff die Armee dann zusammen mit russischen Söldnern Kidal an. Seither erheben Bewohnerinnen und Bewohner der Region den Vorwurf, dass bei Luftangriffen auch international geächtete Streumunition eingesetzt wurde. Es wäre das erste Mal in diesem Konflikt. Die malische Armee und vor allem die russischen Söldner an ihrer Seite wurden schon wiederholt beschuldigt, Menschenrechtsverbrechen begangen zu haben. JNIM wiederum tötete in verschiedenen Dörfern im Zentrum des Landes mindestens 70 Menschen. In Mali ist eine Situation entstanden, in der keine der Konfliktparteien stark genug erscheint, um die Konfrontation endgültig für sich zu entscheiden. JNIM und FLA haben mit geschätzt 12.000 Kämpfern nicht die Kapazitäten, um mehrere Städte langfristig zu halten. Dass die Gruppen so mächtig erscheinen, hat eher mit ihrem strategischen Geschick zu tun. Droht also ein Krieg ohne Ende? Kenner der bewaffneten Gruppen pochen darauf, dass die Junta verhandeln könnte, dass Kompromisse möglich wären, nicht nur mit den Separatisten, sondern auch den Dschihadisten. Denkbar wären religiöse Reformen, denkbar wären auch stärkere lokale Autonomien, vielleicht gar der Versuch, Vertreter der bewaffneten Gruppen an der Regierung zu beteiligen. Darin unterscheiden sich FLA und JNIM von einer dritten bewaffneten Gruppe, die in Mali aktiv ist: dem Islamischen Staat Sahel Provinz (ISSP), der es auf absolute Dominanz anlegt und zu keinen Gesprächen bereit ist. Die meisten Malierinnen und Malier allerdings waren stets gegen Verhandlungen mit bewaffneten Gruppen. Und das hat sich vermutlich auch mit der Großoffensive nicht geändert. Eher im Gegenteil. "Wir müssen JNIM und die Rebellen endgültig vernichten", sagt die Aktivistin Aissata Soumaoro. Ihr macht Sorgen, was "Kompromisse" mit den bewaffneten Gruppen bedeuten könnten: weniger Recht für Frauen. In Gebieten, die JNIM kontrolliert, müssen Frauen Schleier tragen und dürfen nicht neben Männern im Bus sitzen, die nicht ihre Ehemänner sind. Kurz nach der Großoffensive signalisierte die FLA nun erstmals, dass sie bereit ist, JNIM dabei zu unterstützen, dieses Gesellschaftsmodell durchzusetzen. "Wir haben unsere Religion gemein", sagte der Separatisten-Chef Alghabass ag-Intalla in einem Interview. "Zudem wurde unser Territorium schon immer nach islamischen Grundsätzen regiert." Die Grenzen zwischen Dschihadisten und Separatisten waren seit jeher fließend. Der Chef von JNIM, Iyad ag Ghali, ist ein ehemaliger Tuareg-Rebell, der sich in Saudi-Arabien radikalisiert hat. Der Chef der FLA, ag Intalla, war einst Kader im JNIM-Vorgänger Ansar Dine. Aber dass sie offiziell gemeinsam auftreten ist neu. Und angesichts ihrer aktuellen Stärke stellt sich mehr denn je die Frage, ob die Gruppen bei einem Kompromissangebot überhaupt bereit wären, ihre Waffen niederzulegen. Sollte das nicht der Fall sein, bliebe die Gefahr, dass sie nach anfänglich moderaten Forderungen immer mehr verlangen. Obwohl viele Malierinnen und Malier wie die Junta Verhandlungen wohl weiterhin ablehnen, mehren sich die Stimmen, die von einer schwindenden Begeisterung für die Militärregierung zeugen. "Der Staat muss die Verantwortung übernehmen und Wahlen organisieren", sagt Théodore Guindo aus Bandiagara, einer Stadt im Zentrum des westafrikanischen Landes. "Nur so ist es möglich, wieder Frieden zu finden." Guindo, dessen richtigen Namen die Redaktion zu seinem eigenen Schutz nicht nennt, ist mit seinem Ruf nach einem Regime-Change wohl eine extreme Stimme, doch die ZEIT konnte mit mehreren Malierinnen und Maliern sprechen, die zumindest dabei sind, ihre ursprüngliche Euphorie für die Junta zu verlieren. Eine Quelle aus der Hauptstadt Bamako berichtet sogar, dass eine geplante Massenkundgebung Anfang Mai nur mäßig besucht war. Bei der "Großen patriotischen Mobilmachung", gedacht als Demonstration des Rückhalts der Soldaten in der Bevölkerung, sei kaum die Hälfte der 5500 Plätze im Mamadou-Konaté-Stadion besetzt gewesen. Videos scheinen die Angaben zu bestätigen. Gerät da etwas ins Wanken? Und wenn ja: Wie geht es weiter für das gewaltgeplagte Land, das so kritisch ist für die gesamte Region? Auch wenn die Begeisterung für Junta-Chef Goïta und sein Regime leidet, ist sein kompromisslos militärischer Kurs wohl seine Lebensversicherung. Denn wie die Frauenrechtlerin Soumaoro fürchten viele, was kommen könnte, wenn er abtritt oder gestürzt wird. Nach der Ermordung des Verteidigungsministers übernahm Goïta dann auch prompt selbst dieses Amt, ein deutliches Zeichen dafür, dass er weiterhin auf eine Entscheidung auf dem Schlachtfeld setzt. Totaler Sieg. Oder totale Niederlage. Nur: Derzeit sieht es weder nach dem einen noch dem anderen aus. Die vorübergehenden Erfolge von Dschihadisten und Separatisten im April zeigten aber zumindest, dass Russland als Partner der Militärregierung nicht der erhoffte Game-Changer ist, obwohl Moskau im Gegensatz zum Westen bereit ist, Waffen zu liefern und mit den malischen Soldaten gemeinsam in die Schlacht zu ziehen. Die Söldner mussten mehrere wichtige Stellungen aufgeben und fliehen. Auch das Bündnis, das Mali mit Burkina Faso und Niger geschlossen hat, um die erhoffte Wende zu bringen, blieb bisher hinter den Erwartungen zurück. Die Allianz der Sahelstaaten (AES) sollte die im Kampf gegen Terror und Separatismus weitgehend tatenlose westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas ersetzen, auch mit einer gemeinsamen Eingreiftruppe mit mehreren Tausend Soldaten. Doch außer einigen Luftangriffen geschah nicht viel. Auch den Militärregierungen in Malis Nachbarländern fällt es schwer, die Gewalt in ihren Ländern einzudämmen. Und sie fürchten, dass JNIM ihre erfolgreichen Methoden aus Mali auch bei ihnen einsetzt. Der malische Journalist Nouhoum Keïta zeichnet ein Bild der Destabilisierung, das weit über die Allianz der Sahelstaaten hinausgeht. "Einige meiner Quellen machen Algerien, Mauretanien, die Ukraine und Frankreich mitverantwortlich für den Erfolg der Offensive", schreibt Keïta per WhatsApp. Algerien und Mauretanien hätten den bewaffneten Gruppen Rückzugsräume geboten und Ausbilder aus der Ukraine die Rebellen im Umgang mit Kamikaze-Drohnen geschult – in einem geopolitischen Ringen mit Russland. Frankreich wiederum, fügt er hinzu, habe "mit seinem Geheimdienstnetzwerk die Koordination zwischen den verschiedenen Rebellenfraktionen erleichtert". Das Ziel: Die Junta zu stürzen, die Frankreich aus der Region verdrängt hat. Belege für diese Thesen, die laut Keïta aus dem malischen Sicherheitsapparat stammen, gibt es nicht. "Wir müssen damit aufhören, bestimmte Länder oder Personen zu verunglimpfen, die angeblich die Ursache für unser Unglück sind", warnt dagegen Bréma Ely Dicko. Der bekannte Soziologie-Professor hofft vielmehr darauf, dass sich der Westen wieder stärker im Sahel engagiert. Dass es zum Bruch zwischen der Junta und Staaten in Europa kam, hatte nicht nur mit dem Scheitern des Westens im Kampf gegen den Terror zu tun. Berlin, Paris und Brüssel wollten dem Militär in Mali auch vorschreiben, mit wem sie kooperieren dürfen: nicht mit Russland. Geopolitische Interessen hatten Vorrang vor der Notwendigkeit einer schlagkräftigeren militärischen Antwort im Sahel. Dicko sagt nun: "Der Westen sollte gemeinsam mit den Übergangsregierungen im Sahel eine verantwortungsvolle Form der Zusammenarbeit finden." Danach sieht es derzeit aber kaum aus. Während des Africa-Forward-Gipfels Mitte Mai in Kenia sprach Frankreichs Präsident Emmanuel Macron mit einer Mischung aus Verbitterung und Genugtuung über die Junta in Mali. "In Mali gab es einen Putsch. Ihr wollt nicht, dass Frankreich gegen den Terror kämpft? Dann gehen wir", sagte er. "No Offense", nichts für ungut. "Aber die jüngsten Ereignisse zeigen, dass das nicht die beste Entscheidung war." Auf dem Gipfel bezeichnete Macron sich als der "echte Panafrikanist", eine Ideologie, die sich die Juntas in Mali, Burkina Faso und Niger auf die Fahne schreiben und die historisch eine Antwort auf den Kolonialismus Europas in Afrika war. Dabei spottete der ganze Gipfel einem Umgang auf Augenhöhe – geschweige denn einem panafrikanischen Ansatz. Es handelte sich um einen Frankreich-Afrika-Gipfel, ein Treffen eines einzelnen europäischen Staates also mit einem ganzen Kontinent. Für Junta-Chef Goïta wären derzeit nicht nur Kompromisse mit den bewaffneten Gruppen existenzbedrohend. Auch eine allzu offensichtliche Wiederannäherung an Europa, dessen Kurs Frankreich im Sahel Jahrzehnte lang geprägt hat, wäre für ihn gefährlich. Die Sängerin und Schauspielerin Nana Coulibaly schickt Mitte Mai noch mehr Nachrichten von ihrer Flucht. Sie hat nach dem Fall Kidals zwar den Glauben an Frieden in Mali verloren, den Glauben an sich selbst aber nicht. "Wenn ich an einem Ort wäre, an dem kein Krieg herrscht", träumt sie. "Würde ich groß rauskommen, bald wär‘ ich ein Star."