Meinung: Steuerreform: Wie lohnt sich Arbeit wieder mehr – und wie zahlen Sie jetzt schon weniger?

Datum23.05.2026 13:59

Quellewww.spiegel.de

TLDRDie schwarz-rote Koalition plant eine Steuerreform zur Entlastung von Durchschnittsverdienern. Bedenken gibt es bei der Finanzierung und der mangelnden Unterstützung für Geringverdiener, die oft eher von Wohngeld profitieren. Diskutiert werden eine Erhöhung der Mehrwertsteuer, was als unsozial gilt, oder eine Vermögensteuer. Der Artikel rät, die Steuererklärung selbst zu machen, um zusätzliche Entlastungen zu erzielen.

InhaltSteuerzahler in Deutschland sollen entlastet werden. Über das Wie diskutiert die schwarz-rote Koalition noch. Worauf es dabei ankommt - und wie Sie jetzt schon etwas für Ihren Geldbeutel tun können. Die Koalition aus Union und SPD will eine große Steuerreform starten. Diese soll dafür sorgen, dass Durchschnittsverdiener – gemeint sind Männer und Frauen mit 2500 Euro brutto im Monat, 4000 Euro brutto oder auch 7000 Euro Einkommen –, künftig weniger Steuern zahlen. Sie sollen am Ende des Monats spürbar mehr Geld im Portemonnaie haben. Arbeiten soll sich mehr lohnen . Doch wie wird das finanziert und was machen Menschen mit kleinen Einkommen? Hermann-Josef Tenhagen, Jahrgang 1963, ist Chefredakteur von "Finanztip" und Geschäftsführer der Finanztip Verbraucherinformation GmbH. Der Geldratgeber ist Teil der gemeinnützigen Finanztip Stiftung. "Finanztip"  refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links, nach deren Anklicken "Finanztip" bei entsprechenden Vertragsabschlüssen des Kunden, etwa nach Nutzung eines Vergleichsrechners, Provisionen erhält. Mehr dazu hier .Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "taz". Dort war er jahrelang ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Auf SPIEGEL.de schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld. Über die grundsätzliche Idee sind sich beide Parteien einig. Im SPD-Wahlprogramm hieß es, Ziel einer SPD-Regierung sei die "Entlastung für Gering- und Normalverdiener bei der Einkommensteuer". Die Union wollte laut Programm "vor allem Menschen mit niedrigen und mittleren Einkommen" entlasten. Wo die Grenze zwischen Normal- und Besserverdienern oder mittleren und hohen Einkommen liegt, bleibt in den Programmen offen. Aber dazu gibt es ja inzwischen immerhin Vorschläge. Eine kurze Zusammenfassung  der unterschiedlichen Vorschläge liefert der Steuerexperte Stefan Bach vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung. Die Reform der Einkommensteuertarife soll danach den Ertrag aus der Einkommensteuer um 22 bis 28 Milliarden Euro im Jahr kürzen. Beim Vorschlag der Unionsabgeordneten Yannick Bury und Florian Dorn sollten alle Einkommensgruppen entlastet werden, besonders aber Besserverdiener und begrenzt auch Spitzenverdiener . Bachs eigener Vorschlag sieht eine Entlastung nur bis zu einem Bruttoeinkommen von gut 10.000 Euro im Monat vor, besonders entlastet werden sollten Einkommen zwischen 4000 und 6000 Euro im Monat. Spitzenverdiener hätten dagegen mehr zahlen sollen, um die Reform mitzufinanzieren. Geringverdiener profitieren in keinem der beiden Steuermodelle so richtig. Sie zahlen auch nicht so viel Einkommensteuer. Ihnen wäre häufig mehr geholfen, wenn man die Beantragung von Wohngeld einfacher machen würde und wenn klar würde, dass es auf Wohngeld bei wenig Einkommen einen Rechtsanspruch gibt. Für die Steuerreform beim Wohngeld zu kürzen, wie es diskutiert wird, gäbe den Reformplänen eine Schieflage . Spoiler: Eine vierköpfige Familie kann in Großstädten oft 5000 Euro Bruttoeinkommen im Monat haben und hat noch Anspruch auf Wohngeld . Uneinig waren sich die beiden Regierungsparteien schon vor der Wahl vor allem über die Finanzierung einer solchen Steuerreform. Während die SPD von vornherein argumentierte, auch die Steuersätze für Spitzenverdiener müssten dafür erhöht werden, wollte CDU-Kanzlerkandidat Friedrich Merz seine Steuerreform vor allem über Wirtschaftswachstum finanzieren . Schließlich wollte er für Besserverdienende auch noch den verbliebenen Soli abschaffen. Das mit dem Wirtschaftswachstum klappt gerade nicht, schon wegen des Irankriegs, aber nicht nur. Im Haushalt klaffen riesige Löcher. Auch die bislang diskutierte Refinanzierung über ein wenig mehr Steuern für Spitzenverdiener reicht bei Weitem nicht aus für eine bedeutende Steuerreform. Wo also soll das Geld herkommen? Die einfachste Variante: Tatsächlich die Steuern für große Erbschaften oder für Menschen mit Vermögen zu erhöhen und auf die Art und Weise quasi eine Umverteilung zu bewerkstelligen. Von denen, die richtig viel haben, zu denen, die von ihrem Arbeitseinkommen leben müssen . Die Vermögensteuer steht zwar im Grundgesetz, ist aber bislang mit der Union nicht zu machen. Kein Wunder, dass hinter den Kulissen stattdessen über eine Erhöhung der Mehrwertsteuer diskutiert wird. Damit haben Koalitionen von Union und SPD schon Erfahrung. Vor dem Regierungswechsel von Kanzler Gerhard Schröder zu Kanzlerin Angela Merkel im Jahr 2005 hatte die SPD mit einer möglichen Mehrwertsteuersenkung Wahlkampf gemacht. Die CDU hatte zwei Prozent Steigerung der Mehrwertsteuer gewollt, um parallel die Einkommensteuer zu senken. Das Ergebnis der Koalitionsgespräche nach der Wahl war dann eine Mehrwertsteuererhöhung um drei Prozent von 16 auf 19 Prozent. Eine Erhöhung der Mehrwertsteuer ist aber unsozial, im Steuerfachdeutsch heißt das, sie wirkt degressiv. Der Grund: Die Mehrwertsteuer betrifft bei jedem Einkauf tatsächlich jeden, auch die Leute mit ganz kleinem Einkommen, Rentnerinnen und Rentner, Studierende und Auszubildende. Die aktuelle Mehrwertsteuer liegt mit 19 Prozent höher als der erste Steuersatz bei der Einkommensteuer . Auch gibt es bei der Mehrwertsteuer keinen Freibetrag. Sie muss schon vom ersten ausgegebenen Euro abgeführt werden. Würde der allgemeine Mehrwertsteuersatz jetzt um zwei Prozentprozentpunkte von 19 Prozent auf 21 Prozent erhöht, wie manchmal vorgerechnet, würde das 31 Milliarden Euro zusätzlich in die Staatskasse spülen und eine ordentliche Einkommensteuerreform ermöglichen. Würde auch der ermäßigte Steuersatz von sieben auf zehn Prozent erhöht, kämen weitere vier Milliarden Euro Finanzvolumen hinzu, hat Stefan Bach vom DIW ausgerechnet. Einen schalen Geschmack hinterlässt jede Erhöhung der Mehrwertsteuer zusätzlich, weil ausgerechnet die Besserverdienenden am wenigsten getroffen würden. Sie können und wollen gar nicht ihr ganzes Geld ausgeben, sie sparen stattdessen. Und jeder Euro, den sie heute zum Beispiel für die Altersvorsorge zurücklegen, wird zu Recht nicht mit Mehrwertsteuer belegt. Schließlich will der Staat genau diese private Altersvorsorge. Die unsoziale Schlagseite der Mehrwertsteuer kennen auch die meisten Finanzpolitikerinnen und Finanzpolitiker. Deshalb wird dort häufig die Idee vorgebracht, parallel zur allgemeinen Erhöhung die Mehrwertsteuer auf Lebensmittel zu senken oder Brot und Nudeln komplett von der Mehrwertsteuer zu befreien. Nur bei den anderen Konsumgütern soll dann mit einer höheren Steuer zugeschlagen werden. Eine solche Differenzierung gibt es auch in anderen europäischen Ländern, manchmal geschmäht mit dem Begriff Luxussteuer.Würde man als sozialen Ausgleich andererseits die Mehrwertsteuer auf Lebensmittel ganz streichen, kostet das rund 15 Milliarden Euro. Zur Erinnerung: Deutsche Haushalte geben von ihrem Einkommen im Schnitt 13 Prozent für Lebensmittel aus, arme Haushalte schnell aber bis zu 30 Prozent, sagt das Statistische Bundesamt . In Dänemark gibt es zum Beispiel seit Langem eine sehr hohe Zulassungssteuer für Autos. Der Verkaufspreis teurer Autos wird durch die Steuer leicht verdoppelt . Den Verkauf teurer Autos in Dänemark hat das nicht behindert, weil auch viele Ausländerinnen und Ausländer dort teure Autos gekauft haben. Der Listenpreis der Luxusmobile ohne Steuern war in Dänemark niedriger. Und die dänische Mehrwertsteuer konnte man sich bei der Ausfuhr der Autos zum Beispiel nach Deutschland erstatten lassen und mit niedrigerem Listenpreis und niedrigerer deutscher Mehrwertsteuer ein kleines Geschäft machen. Meine Kolleginnen und Kollegen bei "Finanztip" gucken sich diese Steuerfragen natürlich immer aus dem Blickwinkel an, was die neue Steuerpolitik für Sie bedeutet. Jeder und jede soll seine Steuern ordentlich zahlen, aber nicht mehr als gesetzlich vorgesehen. Das gilt noch mehr für die, die hart arbeiten müssen. Deshalb ist mir die Grundidee dieser Steuerreform auch sympathisch. Die mangelhafte Entlastung, ausgerechnet für diejenigen, die trotz Arbeit am wenigsten haben, bleibt aber das Manko einer solchen Steuerreform. Der Staat kann den Grundfreibetrag erhöhen, das heißt den Teil des Einkommens, für den überhaupt keine Steuern gezahlt werden müssen. Das haben vor der Bundestagswahl auch alle demokratischen Parteien gefordert . Mindestens muss es der Wert aus dem kommenden Existenzminimumbericht sein. Ob es noch mehr sein wird, ist zumindest fraglich. Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung. Was aber auch geht, ist mindestens eine individuelle Steuerreform. Machen Sie Ihre Steuererklärung, auch wenn Sie nicht müssen. Wer nicht muss, bei dem erwartet der Staat keine Nachzahlungen. Wenn Sie dem Staat aber ein paar nach Steuerrecht relevante Kosten nachweisen, gibt es hier Geld zurück. Jede kleine Idee zum Steuern sparen zahlt sich aus. Nützlich ist dafür ein Steuerprogramm. Dafür prüft "Finanztip" jedes Jahr die einschlägigen Steuerprogramme, damit gerade die hart arbeitenden Menschen tatsächlich rausholen, was geht. Und eins dieser Steuerprogramme in guter Qualität gibt es sogar kostenlos . Also machen Sie Ihre Steuerreform. Und dann schauen Sie mal, was Klingbeil und Merz so hinbekommen.