Meinung: Péter Magyars Gespür für Österreich - Ungarns Premier in Wien

Datum23.05.2026 09:20

Quellewww.spiegel.de

TLDRUngarns neuer Premier Péter Magyar betont in Wien gemeinsam mit Kanzler Stocker eine neue Ära der ungarisch-österreichischen Beziehung. Er kritisiert die Politik seines Vorgängers Orbán und verspricht eine engere Zusammenarbeit sowie die Einhaltung von EU-Regeln. Eine erste Herausforderung ist die Aufklärung von asbestbelastetem Schotter aus dem Burgenland, für das Magyar ein gemeinsames Gremium zur Verantwortungsklärung vorschlägt.

InhaltNach dem Machtwechsel in Budapest ruft Premier Magyar in Wien eine Ära der ungarisch-österreichischen Gemeinsamkeit aus. Eine erste Bewährungsprobe steht allerdings schon bevor – es geht um Asbest. Im Wiener Kanzleramt beweist Péter Magyar bei seinem Antrittsbesuch am Donnerstag sein besonderes Gespür für Österreich. Überraschend dankt Ungarns neuer Premier auf Deutsch während der Pressekonferenz dem Hausherrn Christian Stocker für die Einladung. "Ich freue mich sehr, dass ich die Möglichkeit hatte, deine - Ihre - schöne Sprache zu üben." Es folgen von Pathos durchwirkte Minuten. Magyar preist die Schönheit Wiens und Budapests, beschwört die gemeinsame "historische wie kulturelle Vergangenheit", damals, als Österreich-Ungarn unter der Krone der Habsburger eine europäische Großmacht darstellte. Ein neues Kapitel beider Länder wolle man nun beginnen , versichern beide Regierungschefs. Mit regelmäßigen gemeinsamen Regierungskonsultationen, Verbesserungen für Pendler. Die Bahnstrecke zwischen beiden Hauptstädten, auf der der Zug ab der Grenze wie ein Bummelzug rollt, soll ertüchtigt werden, verspricht Magyar. Für Wien besonders wichtig: Das Mobbing österreichischer Handelsunternehmen  und Firmen aus anderen europäischen Ländern, das die Regierung von Viktor Orbán betrieb, soll aufhören. Man werde sich an die "Regeln des Clubs" halten, versichert der Gast. Den Namen seines Vorgängers nimmt Magyar nicht in den Mund, er spricht nur von der alten Regierung, beklagt den desolaten Zustand, in dem sie Ungarn hinterlassen hat. Magyar kannte vor zwei Jahren kaum jemand in Wien. Dann rollte er in nur zwei Jahren die ungarische Innenpolitik auf und beendete mit einem fulminanten Wahlsieg  die Ära des kremlnahen Kraftmeiers Orbán. Der hatte noch 2022 Zigtausende Migranten nach Österreich durchwinken lassen, er paktierte offen mit der rechtsradikalen FPÖ und, etwas verdeckter, mit Ex-Kanzler Sebastian Kurz. Die direkte Konfrontation mit Orbán hatte Österreich stets gemieden. "Schauen Sie, wenn sich zwei Nachbarn nicht mögen, kann einer wegziehen", sagte Kanzler Stocker im April 2025 dem SPIEGEL. Doch Wegziehen, "das lässt sich bei zwei Staaten schwer machen". STANDARD und SPIEGEL erklären, was Österreich bewegt, ordnen politische Debatten ein, erzählen unbekannte Besonderheiten und analysieren die Hintergründe der Macht. Inside Austria erscheint jeden Samstag als Newsletter und Podcast. Für Inside-Austria Hörer- und Leserinnen gibt es jeweils ein besonderes Angebot: 4 Wochen SPIEGEL+ für 1 €, danach 5,99 € pro Woche sowie 1 Monat STANDARD Smart für 1 € statt 14,90 € . Der Konservative hielt still in der Hoffnung auf einen Regierungswechsel – der Wahlsieg Magyars ein Jahr danach gibt Stocker recht. Nun, beim Besuch des Orbán-Nachfolgers ist dem Kanzler die Genugtuung anzusehen, wenn sein Gast davon spricht gemeinsam Geschichte zu schreiben. Doch Péter Magyars Auftritt deutet schon eine Bewährungsprobe an. "Ich will nicht um den heißen Brei herumreden", sagt er und wird konkret. Es geht um asbestbelasteten Schotter aus Steinbrüchen im Burgenland . Auch in Ungarn kam der Stoff zum Einsatz im Straßen- und Hausbau. In mehr als 30 Orten soll das Material verwendet worden sein, ob Menschen krank geworden sind, ist noch unklar. Stocker und Magyar wollen ein gemeinsames Gremium einsetzen, das schon am Montag seine Arbeit aufnehmen soll. Der neue Premier stellt unangenehme Fragen, will wissen, wer die Verantwortung für das Asbest-Desaster trägt und wer für Schäden aufkommt. Wie Orbán klingt er dabei nicht. Österreich hat also nun in Budapest einen konstruktiven Partner sitzen – mit großem Potenzial und mit großen Erwartungen. Eine fünfteilige Serie  widmen unsere Podcast-Hosts Lucia Heisterkamp und Antonia Rauth Sigmund Freud, dem Erfinder der Psychoanalyse. Sigmund Freud  war Meister darin, verborgene Konflikte im Alltag aufzuspüren — bei anderen und bei sich selbst. In der aktuellen Folge der Podcastserie "Der Fall Freud" geht es um Fehlleistungen, etwa Versprecher oder kleine Irrtümer, die nach Freud oft mehr verraten, als uns lieb ist. Außerdem sprechen die Autorinnen Antonia Rauth und Lucia Heisterkamp über den großen Irrtum im Leben von Sigmund Freud. Mit der Machtübernahme der Nazis 1933 in Deutschland wird die Lage für jüdische Wissenschaftler wie ihn auch in Österreich immer gefährlicher. Doch Freud will seine Heimat Wien nicht verlassen. Erst, als es fast schon zu spät ist, beginnt er, seine Flucht zu planen. Schönes Wochenende und herzliche Grüße aus Wien! Oliver Das GuptaAutor für SPIEGEL und STANDARD Und noch einmal der Hinweis in eigener Sache: Dieses Briefing als Newsletter in Ihr E-Mail-Postfach können Sie hier bestellen.