Datum23.05.2026 07:00
Quellewww.spiegel.de
TLDRÄltere Spielekonsolen können mit sogenannten Modkits modernisiert werden. Diese ermöglichen zum Beispiel HDMI-Ausgabe oder die Nutzung aktueller Bluetooth-Controller. Der Artikel stellt verschiedene Modifikationen vor, von RGB-Mods für bessere Bildqualität auf Röhrenfernsehern bis zu HDMI-Mods für Flachbildschirme. Auch Bluetooth- und interne Speicherlösungen werden behandelt. Selbstgefertigte Teile mittels 3D-Druck und spezielle Leiterplatten erweitern die Möglichkeiten. Die Modifikationen erfordern oft Löterfahrung.
InhaltViele Konsolen von früher haben keine HDMI-Anschlüsse, außerdem nerven die Controller-Kabel. Zum Glück gibt es sogenannte Modkits, die Retrosysteme moderner machen. Sie wollen gern "Grand Theft Auto III" auf der Playstation 2 (PS2) mit einem kabellosen Playstation-5-Controller spielen oder für "Super Mario 64" ein Nintendo 64 (N64) via HDMI-Kabel an Ihren Fernseher anschließen? Für beide Fälle gibt es externe Adapter, doch oft ist diese Lösung nicht optimal. Für die Verbindung von Bluetooth-Gamepads überzeugen etwa die Adapter auf BlueRetro-Basis für rund 20 Euro von RetroScaler. Doch bei der Videoausgabe liefern Analog-zu-Digital-Konverter (DAC) mit HDMI-Ausgang etwa für Nintendos Wii ab 5 Euro eine matschige Bildqualität. Für beide Fälle gibt es interne Lösungen, die externen Adaptern ästhetisch und qualitativ überlegen sind. Wir haben für diesen Artikel den Lötkolben gezückt und eine PS2 Slim aufgewertet. Überdies präsentieren wir weitere Modifikationen verschiedener Videospielkonsolen, während Sie in dieser Linksammlung Anlaufstellen für Shops mit Bauteilen und Foren für Hilfestellungen finden. c't Sonderheft Retro Lesen: Testangebot von "c't" Weiterführende Links: Eine hilfreiche Übersicht, welche Modifikationen zur bestmöglichen Videoausgabe für bestimmte Videospielkonsolen möglich sind, liefert die Website RetroRGB.com . Um etwa Nintendos NES oder Segas Mega Drive die bestmögliche analoge Bildqualität zum Betrieb an einem Röhrenfernseher zu entlocken, eignen sich RGB-Mods. Bei so einer Modifikation ist der Name Programm und die Grundfarben Rot, Grün und Blau werden separat übertragen. Dadurch erstrahlen Farben satter und die Darstellung wirkt deutlich schärfer. Umsetzen lässt sich das mit verschiedenen Modkits, die man auf bestimmten Stellen der Platine der Konsole verlöten muss, um das RGB-Signal abzugreifen. Eine solche Operation ist je nach Konsolenmodell recht aufwendig, und man sollte bereits über Löterfahrung verfügen, um nichts zu zerstören. Wer sich das selbst nicht zutraut, kann zum Beispiel das RGB-Kit für die NES-Konsole inklusive Einbau etwa im Voultar-Shop für 165 Dollar kaufen. Wer seine Retrokonsole an einen modernen Flachbildfernseher anschließen möchte, kann N64, PS2 & Co. mit einer HDMI-Mod versehen. Wir haben so eine Modifikation exemplarisch an einer PS2 durchgeführt und unsere Erfahrungen weiter unten im Abschnitt "HDMI-Mod" dokumentiert. Da es die PS2 in einer Fat- und einer Slim-Variante gibt, die wiederum in verschiedenen Hardwarerevisionen erhältlich sind, muss man anhand der Modellbezeichnung unbedingt darauf achten, das korrekte Kit zu bestellen. Im deutschen Dragonbox-Shop kostet der HDMI-Umbau vom Profi inklusive der Bauteile 235 Euro. Praktisch sind auch Bluetooth-Mods, die aktuelle Gamepads kabellos mit alten Videospielkonsolen verbinden. So eine Platine gibt es etwa von Gusse für die PS2 Fat/Slim für 80 Euro. Die Basis ist ein ESP32-Modul mit der BlueRetro-Firmware, die eine nahezu latenzfreie Eingabe ermöglicht. Praktisch: Mit dieser Modifikation kann man die Konsole sogar über einen kabellosen Controller einschalten. Im späteren Abschnitt "Bluetooth-Controller" schildern wir unsere Erfahrungen mit diesem Umbau. Beliebt sind außerdem moderne Displays für Retro-Handhelds wie den Game Boy Color. Oder interne Massenspeicher für Nintendo Wii oder PS2, um davon Homebrew-Anwendungen und Sicherungskopien zu starten. Dank 3D-Druckern kann man mittlerweile Gehäuse oder kleine Teile wie Abstandhalter selbst zu Hause herstellen oder über einen Serviceanbieter wie Xometry.eu anfertigen lassen. Es gibt unter anderem kostenlose Vorlagen für Zahnräder zum Bewegen des Lasers der PSOne, Ersatzteile wie den Powerbutton fürs N64 und Gehäuse für NES-Controller. Durch die Möglichkeit, maßgeschneiderte Leiterplatten über Anbieter wie PCBWay herstellen zu lassen, ist die Moddingszene in ganz neue Sphären vorgestoßen. Dadurch ist etwa das extrem aufwendige Projekt zum Bau eines Sega Neptune möglich geworden. Dabei handelt es sich um eine Sega-Konsole, die ein Mega Drive mit einem Sega 32X kreuzt. Offiziell ist diese Konsole nie erschienen, dank eines Custom-Motherboards ist sie nun doch noch Realität. Nicht mehr erhältliche Ersatzteile werden mittlerweile auf FPGA-Basis hergestellt. Ein Field Programmable Gate Array ist ein integrierter Schaltkreis, in dem Entwickler durch logische Schaltungen etwa Videospielkonsolenkomponenten in Hardware nachbilden können. Im Moddingbereich ist dieser Ansatz noch ziemlich neu, und bisher haben wir nur ein Projekt für die Nachbildung der SNES-CPU entdeckt. Und damit nun zu sechs Praxisbeispielen für Konsolenumbauten: Die bereits erwähnte Neptune-Konsole von Sega ist offiziell nie erschienen. Sie verschmilzt ein Mega Drive mit der Zusatzhardware 32X. Dank 3D-Druck und selbst designbaren Leiterplatten kann man die Konsole nun als extrem aufwendige Modifikation nachbauen. Dafür hat etwa der Profi-Modder Macho Nacho Productions in seinem gleichnamigen YouTube-Kanal die benötigten elektronischen Bauteile einer originalen Mega-Drive-Konsole und eines 32X auf das vom Modder COSAM entworfene Neptune-Motherboard implantiert. Damit dies gelang, musste er die Chips aus der Original-Hardware entlöten und auf der neuen Platine anbringen. Die Frankenstein-Konsole landete dann in einem maßgefertigten Gehäuse vom digitalen Künstler DVIZIX. Das Ganze ist nicht nur aufwendig, sondern kostet mit rund 500 Dollar auch viel Geld. Bildschirme in mobilen Retrokonsolen wie Nintendos Game Boy oder Ataris Lynx haben für heutige Sehgewohnheiten eine katastrophale Bildqualität. Mit wenig Aufwand und überschaubaren Kosten kann man das Display auswechseln. Unter anderem der Hersteller Hispeedido verkauft Modkits für verschiedene Game-Boy-Modelle. So gibt es etwa für den Game Boy Advance ein beleuchtetes IPS-LC-Display mit einem stabilen Blickwinkel oder ein OLED-Display für den Game Boy Color (GBC). Beide Varianten kosten jeweils ab rund 50 Euro. Das OLED-Kit ist dem Hersteller zufolge mit allen GBC-Motherboards kompatibel. Das Verlöten auf der Platine ist anfängertauglich. Der Aufwand lohnt sich und GBC-Spiele sehen dank dem für OLED-Displays typischen knackigen Kontrastverhältnis und knalligen Farben so gut aus wie noch nie. Die Open-Heart-Hardwaremodifikation für Segas Mega Drive/Genesis übertaktet unter anderem die CPU und ermöglicht es, die Region der Konsole auf PAL oder NTSC umzustellen. Als Basis dafür dient ein Raspberry Pi Pico, auf dem die Open-Heart-Firmware läuft (im Foto rechts neben dem schwarzen Modulschacht positioniert). Ohne Löterfahrung geht es nicht: Der Einplatinencomputer braucht Verbindungen zu mehreren Lötpunkten des Mega-Drive-Motherboards. Die 68000-CPU von Motorola in Segas Genesis taktet in der NTSC-Version der Konsole mit 7,67 MHz. Dank der Mod sind maximal 10,74 MHz drin. So laufen Titel flüssiger. Da man die Konsole außerhalb der offiziellen Spezifikationen betreibt, kann es aber zu Abstürzen kommen. Die Übertaktung kann man im laufenden Spiel ein- und ausschalten. Optional kann man noch eine LED installieren, die die derzeit eingestellte Region und den Overclock-Status anzeigt. Die Methylene-Leiterplatte wird von unten parallel an die vorhandenen zwei Controller-Ports der PS2 Slim gelötet und übernimmt deren Funktion. Dabei spielt jeweils der mittlere Pin der Controllerports eine zentrale Rolle: Die beiden Pins isoliert man zuerst sorgfältig von der Hauptplatine und lötet dann die Zusatzplatine an. So kann diese erkennen, ob ein Controller via Kabel angeschlossen ist. Das stellt wiederum sicher, dass man neben Bluetooth-Pads auch noch Controller mit Kabel anschließen kann. Der Draht, der nach rechts weggeht, versorgt die Leiterplatte auch bei ausgeschalteter Konsole mit Strom. Der linke rote Draht ist mit dem Reset-Pin verbunden. Dank dieser Kombination kann man die Konsole über einen Bluetooth-Controller ein- und ausschalten. Besonders knifflig ist die Installation des Methylene Mod mit passendem Werkzeug nicht. Ohne ist aber das Isolieren von Pin 5 am Controllerport schwierig. Um einer PS2 ein digitales Videosignal via HDMI zu entlocken, muss man unter anderem SMD-Kondensatoren entfernen. Sonst sind diese im Weg und man kann das Flexkabel aus dem Modkit von PixelFX (ab 130 Euro) nicht installieren. Im Anschluss muss man die Kontakte des Kabels an mehreren Stellen am Video-DAC verlöten (siehe Foto), um das digitale Videosignal abzugreifen. Damit der HDMI-Port der Modifikation zugänglich ist, mussten wir bei unserem PS2-Slim-Modell das Abschirmblech und einen Teil des Kunststoffgehäuses zuschneiden. Optional kann man über eine zusätzliche Leitung auch den digitalen Mehrkanalton im Dolby-Digital- oder DTS-Format digital abgreifen und dem HDMI-Signal beimischen. Wer das nicht macht, bekommt digitalen Stereoton serviert, den man aber via Dolby Pro Logic II als Surroundsound ausgeben kann. Diese Modifikation ist aufwendig und erfordert Löterfahrung. Bestimmte PS2-Modelle kann man mit einem internen Massenspeicher ausstatten, um davon Homebrew-Anwendungen und Sicherheitskopien zu starten. Am einfachsten klappt das mit einer PS2 Fat, die über den separat erhältlichen Netzwerkadapter eine IDE-Schnittstelle erhält. Mittels eines IDE-SATA-Adapters für rund 20 Euro schließt man moderne Festplatten und SSD-Speicher an. Bei der PS2 Slim ist der Name Programm und aufgrund der geringeren Baugröße wurde der IDE-Port eingespart. Es gibt aber Slim-Modelle (SCPH-700xx) mit einem IDE-Schaltkreis auf dem Motherboard. Den kann man etwa mit dem iFlash2PS2-Modkit für rund 30 Euro von Arthrimus anzapfen und einen SD-Kartenleser anschließen. Diese Modifikation ist aber nicht ohne und erfordert Lötarbeiten (siehe Foto). Praktisch: Der SD-Kartenslot ist über die vorderen Lüftungsschlitze der PS2 erreichbar. Nachdem Sie sich nun einen Überblick verschafft haben, legen Sie gern direkt los: Die Mühe lohnt sich und es fühlt sich toll an, wenn man die eigenhändig gepimpte Retro-Hardware mit moderner Peripherie und Komfortfunktionen nutzt.