Datum23.05.2026 06:00
Quellewww.zeit.de
TLDRIn Sachsen besteht in vielen Regionen, besonders Ost- und Südwestsachsen, ein Ärztemangel, vor allem bei Hausärzten. Ursachen sind unter anderem der Trend zur Teilzeitarbeit und ein veränderter Anspruch der Ärzte an die Work-Life-Balance. Trotz steigender Ärztezahlen führt dies zu Engpässen. Sachsen setzt auf Maßnahmen wie die Landarztquote und Telemedizin, während kritisiert wird, dass weitere Schritte wie Bürokratieabbau und bessere Vergütung nötig sind.
InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Ärztliche Versorgung“. Lesen Sie jetzt „In Sachsen fehlen vielerorts Ärzte - Trend zu Teilzeitarbeit“. In der ärztlichen Versorgung in Sachsen klaffen vielerorts Lücken. Das machen Zahlen aus dem Gesundheitsministerium deutlich, die Linke-Fraktionschefin Susanne Schaper im Landtag erfragte. Demnach ist vor allem in Ostsachsen und in Südwestsachsen der Bedarf groß. Mangel gibt es nicht zuletzt bei Hausärzten. In zehn der 48 sächsischen Planungsgebiete herrscht oder droht Unterversorgung. Die Daten beziehen sich auf den 1. Januar dieses Jahres. Der Versorgungsgrad als statistische Messgröße gibt an, wie gut die Bevölkerung in einer Region betreut wird. Er vergleicht die tatsächliche Anzahl der verfügbaren Ärzte mit dem theoretisch festgelegten Bedarf. Von einer Unterversorgung spricht man in der Regel, wenn der Versorgungsgrad unter 75 Prozent liegt. Aber auch Werte darüber gelten schon als problematisch. So gibt es in vielen Planungsgebieten zu wenig Hausärzte, etwa in Annaberg-Buchholz, Aue, Auerbach, Döbeln, Frankenberg-Hainichen, Marienberg, Reichenbach, Stollberg, Werdau, Zwickau, Dippoldiswalde, Görlitz, Hoyerswerda, Löbau, Riesa, Weißwasser, Oschatz und Torgau. Der Planungsbereich Werdau ist nur zu 69,1 Prozent versorgt. Rein rechnerisch werden rund 308 zusätzliche Hausärzte zu den vorhandenen 2.607 gebraucht. Bei Augenärzten sieht es besser aus, in Stollberg liegt der Versorgungsgrad aber nur bei 67,7 Prozent. Neu ist das Versorgungsproblem bei Frauenärzten in Riesa-Großenhain. Eine Unterversorgung mit HNO-Ärzten existiert etwa in Freiberg (70,2), Löbau-Zittau (74,2) und in der Sächsischen Schweiz (71,5). Bei Hautärzten gibt es Probleme in sieben Regionen. Akut ist die Lage in Löbau-Zittau mit einem Grad von nur 15 Prozent. Ein Defizit an Kinderärzten gibt es vor allem in Freiberg. Im Bereich Urologie gilt das für Bautzen, Riesa-Großenhain und Löbau-Zittau. Ein großes Problem ist auch der Personalmangel in der Kinder- und Jugendpsychiatrie: Hier liegt der Versorgungsgrad sachsenweit bei 85,9 Prozent. Südsachsen (69,7 Prozent) und Oberlausitz-Niederschlesien (55,9 Prozent) haben akuten Mangel. Sachsens Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) führt das auch auf eine veränderte Einstellung zum Beruf zurück. 1995 hätten in Sachsen rund 13.000 Ärztinnen und Ärzte gearbeitet, 2024 seien es knapp 20.200 gewesen. Viele Tausend Ärztinnen und Ärzte mehr, das klinge zwar gut. Doch sie hätten heute einen anderen Anspruch an ihre Arbeit und ihr Leben neben der Arbeit. Köpping kann den Wunsch nach Vereinbarkeit von Beruf und Familie und einer überschaubaren Arbeitszeit gut nachvollziehen. Er entspreche der gesellschaftlichen Entwicklung. "Dadurch müssen wir trotz steigender Ärztezahlen weiter mit einem Bedarf und unbesetzten Arztsitzen umgehen. Doch die gute Nachricht ist: Unsere langfristigen Maßnahmen beginnen zu wirken." Auch bei den Hausärzten sieht sie Besserung in Sicht. Um den Ärztemangel im ambulanten Bereich zu begegnen, hatte sich Sachsen auf die Ausbildung konzentriert und deutlich mehr Studienplätzen angeboten - auch, um mehr Mediziner für die ländlichen Regionen zu gewinnen. "Aktuell sind in den Studienprogrammen 435 junge Menschen gebunden. In den nächsten Jahren kommen dann jährlich 10 bis 30 weitere Hausärztinnen und Hausärzte in den ländlichen Regionen an", rechnete die Ministerin vor. Köpping erinnerte an ein ganzes Bündel von Maßnahmen, die bereits ergriffen worden seien - vom "20-Punkte-Programm - Medizinische Versorgung 2030" über die Landarztquote bis zur Landzahnarztquote. Dabei unterliegen Bewerber nicht mehr dem Numerus clausus, wenn sie sich verpflichten, nach dem Studium für mehrere Jahre in der Provinz zu arbeiten. Aber auch die Telemedizin oder Modelle wie die mobile Augenarztpraxis in Südwestsachsen könnten helfen. Für Linke-Politikerin Susanne Schaper steht fest: "Es darf keine Frage des Wohnorts sein, ob man schnell ärztliche Hilfe bekommt. Niemand soll monatelang auf einen Termin warten müssen." Der Blick auf die Altersstruktur der Bevölkerung sowie des ärztlichen Personals mache klar, dass Engpässe auch in Gebieten drohen, in denen es heute keine oder nur kleine Lücken gibt. Schaper zufolge wird es die Landarztquote allein nicht richten. Sie verweist unter anderem auf Weiterbildung, Bürokratieabbau und bessere Vergütung. Im Ausland erworbene Abschlüsse müssten rasch anerkannt werden. Zudem würden mehr Studienplätze gebraucht. "Das Studium sollte einer größeren Zahl an geeigneten Menschen offenstehen – nicht mehr die Abiturnote sollte für die Zulassung ausschlaggebend sein, sondern auch soziale Kompetenzen." © dpa-infocom, dpa:260523-930-119364/1