Gesundheitssystem: Krankenschwester: «Jeder von uns kann morgen Patient sein»

Datum21.05.2026 13:44

Quellewww.zeit.de

TLDREine Krankenschwester betont bei einer Kampagne für freigemeinnützige Kliniken in Niedersachsen die menschliche Seite der Pflege und kritisiert finanzielle Ungleichheiten. Sie hebt hervor, dass Würde und Empathie wichtiger seien als reine Wirtschaftlichkeit. Freigemeinnützige Krankenhäuser seien finanziell benachteiligt, was zu Leistungseinschränkungen führen könne. Die Debatte betrifft laut ihr alle, da jeder zum Patienten werden könne.

InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Gesundheitssystem“. Lesen Sie jetzt „Krankenschwester: "Jeder von uns kann morgen Patient sein"“. Ruth Fangmann ist Krankenschwester. Seit 38 Jahren arbeitet sie im St. Josefs-Hospital in Cloppenburg in der Pflege. Bei einer Pressekonferenz von mehr als 50 freigemeinnützigen Kliniken in Niedersachsen spricht sie über Geld, Gesetze und Krankenhausfinanzierung – aber vor allem über Würde. "Ein Patient ist eben nicht der Blinddarm in Zimmer 12", sagt die 56-Jährige. Bei ihnen bleibe ein Patient ein Mensch "mit einer Geschichte, mit Ängsten und eben auch mit dieser seiner Würde". Mit solchen Sätzen holt Fangmann die Debatte über Klinikfinanzierung aus der Welt der Bilanzen ans Krankenbett. Die Kampagne "Klinikfinanzierung fair Niedersachsen" wirbt nach Angaben der Organisatoren für bessere Bedingungen für freigemeinnützige Krankenhäuser. Mehr als 50 Häuser – also fast alle in Niedersachsen – hätten sich angeschlossen. Ihr Vorwurf: Während kommunale Krankenhäuser Defizite teils durch öffentliche Mittel ausgleichen könnten, fehle freigemeinnützigen Häusern diese Möglichkeit. Dadurch entstehe eine Wettbewerbsverzerrung zulasten eines wichtigen Teils der stationären Versorgung. "Es geht hier nicht um abstrakte Zahlen", sagt die Krankenschwester. "Es geht um reale Einschnitte, um Einsparungen, die in der Praxis bedeuten: weniger Zeit, weniger Personal, mehr Belastung, noch mehr Leistung und letztlich noch weniger Raum für die wichtige Menschlichkeit." Sie habe ihre gesamte Dienstzeit bewusst in einem katholischen, freigemeinnützigen Krankenhaus verbracht, sagt Fangmann. Nicht aus Zufall, sondern aus Überzeugung. "Es ist ein Geist, in dem wir arbeiten, ein christliches Leitbild, was uns führt", sagt sie. Es gehe um die Art, wie man Menschen begegne – Kranken, Angehörigen, Sterbenden. Fangmann spricht von kleinen Entscheidungen, die in keiner Statistik auftauchen: ob man noch zwei Minuten länger am Bett bleibe, ob man eine Frage beantworte, ob man einem verzweifelten oder weinenden Menschen zuhöre. "Höre ich zu, obwohl es wirtschaftlich nichts bringt? Bleibe ich ein Mensch trotz wirtschaftlichen Drucks?" Natürlich müssten auch freigemeinnützige Kliniken wirtschaftlich arbeiten, sagt die 56-Jährige. Aber es mache einen Unterschied, "ob Wirtschaftlichkeit ein Rahmen ist oder das oberste Ziel". Wenn Rendite zum Maßstab werde, verändere das etwas: wie über Patienten gesprochen werde, wie Entscheidungen getroffen würden, wie Pflegekräfte und Patienten den Alltag erlebten. Fangmann bewegt nach eigenen Worten die Sorge, dass Häuser wie ihres unter wirtschaftlichem Druck verschwinden könnten. "Dann macht mir das ehrlich Angst. Nicht nur beruflich, sondern ganz besonders auch gesellschaftlich." Es ginge dann um mehr als medizinische Versorgung: "Wir würden ein Stück Haltung verlieren, ein Stück Menschlichkeit, vielleicht sogar ein Stück Seele des Gesundheitssystems." Krankenpflege sei mehr als ein Beruf, sagt Fangmann. "Sie ist eine Beziehung, sie ist Verantwortung, sie ist ein zutiefst menschlicher Auftrag." Und weiter: "Am Ende geht es um uns alle. Jeder von uns kann morgen der Patient sein." © dpa-infocom, dpa:260521-930-111066/1