Datum21.05.2026 08:38
Quellewww.zeit.de
TLDRAnwohner sperren am 30. Mai den Brennerpass wegen starker Verkehrsbelastung. Die A13 und Ausweichrouten sind von 11 bis 19 Uhr blockiert. Die Demonstration richtet sich gegen Ruhestörung und Umweltverschmutzung durch Millionen Fahrzeuge und LKWs. Kritiker, darunter die bayerische und italienische Politik, befürchten erhebliche wirtschaftliche Schäden und Staus. Eine langfristige Lösung ist der geplante Brennerbasistunnel.
InhaltEnde Mai demonstrieren Anwohner gegen das Verkehrschaos am Brenner. Folge ist eine Vollsperrung. Was wird blockiert und wie lange? Wer kritisiert die Pläne? Ein Überblick Der Brennerpass ist eine der wichtigsten Verkehrsrouten Europas, für den Tourismus wie den Warentransport. Millionen Autos und Lkw nutzen die Brennerautobahn jedes Jahr. Auch die Nebenstrecken sind voll, zum Leidwesen der Menschen in den kleinen Dörfern entlang der Strecke. Jetzt wehren sie sich mit einer Demonstration, die am 30. Mai zu einer Vollsperrung der Route führt. Alles Wichtige im Überblick: Am Samstag, dem 30. Mai, wird die Brennerautobahn A 13 zwischen der Mautstelle Schönberg in Tirol und der Passhöhe in beiden Richtungen voll gesperrt. Die Sperre gilt auch für die neben der Autobahn verlaufenden Ausweichstraßen B 132 und L 38. Von 11 Uhr bis 19 Uhr darf niemand durchfahren. "Für Durchreisende ist es am 30. Mai nicht möglich, den Brennerkorridor zu nutzen", teilte die Landesregierung des österreichischen Bundeslandes mit. Der Protest richtet sich gegen die immense Verkehrsbelastung, unter der die Menschen leiden, die in den Gemeinden rund um die Brennerautobahn leben. Angemeldet hat sie Karl Mühlsteiger, der Bürgermeister der österreichischen Gemeinde Gries am Brenner. Mühlsteiger hat bereits in der Vergangenheit zwei ähnliche Demonstrationen angemeldet. Die Behörden hatten sie allerdings aus Sorge vor einem Verkehrschaos nicht genehmigt. Im vergangenen Jahr gab das Tiroler Landesverwaltungsgericht einer Beschwerde gegen diese Entscheidungen statt: Es sah die Versammlungsfreiheit verletzt. Ein Untersagen der Demonstration gegen eine hohe Verkehrsbelastung am Brenner und im Wipptal "mit einer hohen Verkehrsbelastung zu begründen, führt im Grunde die Versammlungsfreiheit ad absurdum", begründete das Gericht. Der ADAC rät dazu, wenn möglich umzuplanen und nicht am 30. Mai in Richtung Italien oder zurückzureisen, zumindest nicht mit dem Auto. Die Demonstration sei ein "Hilferuf", sagte Anmelder Karl Mühlsteiger der Abendzeitung München. Der enorme Verkehr sei der heimischen Bevölkerung nicht mehr zumutbar. Gemeinsam mit anderen Bürgermeistern aus dem Wipptal habe er einen Forderungskatalog erstellt, der bei der Demonstration an die Politik übergeben werden solle. Zu den Forderungen gehören der Bau 13 neuer Lärmschutzwände entlang der Autobahn und die Aufrechterhaltung des Nacht-, Feiertags- und Wochenendfahrverbots für Lkw. Italien hat vor dem Europäischen Gerichtshof gegen die Verbote geklagt. Für den Fall, dass die Forderungen nicht erfüllt werden, droht Mühlsteiger mit weiteren, ausgedehnten Blockaden. Zur erwarteten Beteiligung an der Protestaktion äußerte sich Mühlsteiger zurückhaltend. "Ich würde mich niemals getrauen, eine Zahl zu nennen, wie viele zur Demo erscheinen werden", sagte er den OVB Heimatzeitungen. "Ich hoffe, es werden mehr als 100. Alles, was mehr als 100 ist, ist für uns schon ein Riesenerfolg." Eine Hoffnung der Anwohnerinnen und Anwohner liegt auf dem Brennerbasistunnel. Mit 64 Kilometern soll er der längste Eisenbahntunnel der Welt werden. Die Planungen starteten 1989, seit 2009 wird er gebaut. Wenn der Tunnel fertig ist, verringert sich die Fahrtzeit für Personen- und Güterzüge zwischen Innsbruck und Franzensfeste in Italien von derzeit 80 auf 25 Minuten. Das soll dazu führen, dass sich ein großer Teil des Verkehrs auf die Schiene verlagert. Geplant ist, dass der Tunnel in sechs Jahren in Betrieb geht. Um schon in der Zwischenzeit für Entlastung zu sorgen, hat Mühlsteiger weitere Vorschläge. So wünscht er sich von Deutschland und Italien die Zustimmung dafür, die Mauttarife ab der Mautstelle Schönberg auf das Preisniveau der Schweiz anzuheben. Außerdem fordert er eine Abschaffung der steuerlichen Begünstigung des Diesels in Österreich, um Tanktourismus zu verringern. Die Brennerautobahn wurde in den 1960er-Jahren in Betrieb genommen. Seither hat sich das Verkehrsaufkommen nach Angaben der Betreibergesellschaft Asfinag fast versiebenfacht. 2025 befuhren demnach fast elf Millionen Autos und rund 2,5 Millionen Lastwagen die Brennerautobahn. Der Lkw-Verkehr ist seit 2010 um etwa 40 Prozent gestiegen. Der große Andrang führt häufig zu Staus – auch auf den Nebenstrecken, die durch die Ortschaften führen. "Ein Verkehrschaos ist programmiert", schreibt der ADAC. Der Brennerpass gilt als meistbefahrene Verkehrsverbindung von Mittel- und Nordeuropa nach Italien. In Österreich sind die Pfingstferien am Tag der Sperrung zwar schon zu Ende, in einigen deutschen Bundesländern liegt der 30. Mai allerdings mitten darin, etwa in Bayern und Baden-Württemberg. In Sachsen-Anhalt fällt der Termin auf das letzte Ferienwochenende. Schon ohne Vollsperrung wäre an einem solchen Tag rund um den Brenner mit langen Staus zu rechnen. Die Tiroler Landesregierung rät dazu, das gesamte Bundesland an diesem Tag weiträumig zu umfahren. Auf nicht notwendige Autofahrten in Tirol solle man verzichten, hieß es. Das Land Tirol will den Durchgangsverkehr "großräumig" durch die Schweiz und benachbarte Länder umleiten. Klassische Alternativen zum Brenner auf dem Weg gen Süden sind die Tauernautobahn, der Reschenpass oder das Timmelsjoch. Allerdings sind diese selbst schon stauanfällig und nicht dafür geeignet, den kompletten Brennerverkehr mit abzufangen. Österreichs Mobilitätsminister Peter Hanke (SPÖ) appellierte an die Organisatoren der Demonstration, diese wegen der schwerwiegenden Folgen für den Verkehr zu überdenken. Die Folgen des Transitverkehrs für Menschen und Umwelt seien "inakzeptabel", weswegen Maßnahmen gegen die Transitwelle am Brenner "oberste Priorität" hätten, teilte Hanke mit. Allerdings dürften die Beziehungen mit den Nachbarländern Österreichs "durch derartige Aktionen" nicht aufs Spiel gesetzt werden. Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU) bezeichnete die Demonstration und die damit verbundene Sperrung als "Knüppel zwischen die Beine der Logistikbranche". Südtirols Ministerpräsident Arno Kompatscher sagte, dass eine stundenlange Blockade in weiten Teilen der Bevölkerung Kopfschütteln auslösen und zum Eigentor werden könne. Auch die norditalienischen Handelskammern in Bozen, Trient, Verona, Cremona-Mantua-Pavia und Modena protestieren. Die Sperrung werde "erhebliche soziale, ökologische und wirtschaftliche Schäden verursachen", heißt es in einer Pressemitteilung. Auch auf die Tage vor und nach der Sperrung werde die Demonstration negative Auswirkungen haben, etwa durch gestiegene Transportkosten und ausbleibende Touristen. Mit Material der Nachrichtenagentur dpa