USA: Harvard University beschränkt die Zahl der Bestnoten - mit einer Quote

Datum20.05.2026 23:41

Quellewww.spiegel.de

TLDRHarvard University führt zur Bekämpfung der Noteninflation eine Quote für Bestnoten ein. Ab dem kommenden Jahr dürfen in Bachelor-Kursen maximal 20 Prozent der Teilnehmer plus vier weitere Studierende die Höchstnote "A" erhalten. Diese Entscheidung, die von den Lehrkräften mit großer Mehrheit unterstützt, von den Studierenden aber kritisiert wird, soll die Aussagekraft von Noten wiederherstellen und herausragende Leistungen deutlicher kennzeichnen.

InhaltMehr als die Hälfte der Bachelor-Absolventen beenden das Harvard College mit einem "A". Doch nun wollen Harvards Lehrkräfte Schluss mit der Noteninflation machen: Mit einer radikalen neuen Regel, die den Studierenden gar nicht gefällt. Es nach Harvard zu schaffen, ist bekanntlich schwer. Aber wer einmal auf Amerikas berühmteste Eliteuniversität aufgenommen ist, hat nicht mehr viel zu befürchten. 98 Prozent der Studierenden schaffen ihren Bachelor-Abschluss – und sage und schreibe 60 Prozent der Absolventen erhielten 2025 sogar die Bestnote "A", was ungefähr einer deutschen "1" entspricht. Jahrelang ist die "A"-Quote in Harvard weiter und weiter gestiegen. Aber nun soll Schluss sein mit der Noteninflation. Die Professoren- und Dozentenschaft der "Ivy League"-Uni in Cambridge bei Boston beschlossen, die Vergabe von Höchstnoten in Bachelor-Studiengängen drastisch zu beschränken. Vom nächsten Jahr an dürfen pro Kurs nur noch höchstens 20 Prozent der Teilnehmer plus vier weitere Studierende ein "A" bekommen. Bei einem Kurs mit 100 Teilnehmern wären also maximal 24 "A", bei 50 Hörern höchstens 14 "A" erlaubt. 458 Harvard-Lehrkräfte votierten für diese neue Regel, die bei den Studierenden höchst unpopulär ist. 201 waren dagegen. Mit diesem Beschluss stemmen sich die Professorinnen und Professoren gegen die ausufernde Notenflut in Harvard – die sie selbst mitverursacht haben. Lag der "A"-Anteil 2005 noch bei 24 Prozent, waren es 2015 bereits 40 Prozent – und zehn Jahre später bei 60 Prozent. Auch in weiteren US-Elitehochschulen wie Princeton oder Yale oder anderen Universitäten werden massenhaft Bestnoten vergeben. Eine Dozentin erzählte dem SPIEGEL, sie traue sich kaum noch, schlechte oder mittlere Noten zu vergeben, um keine Studierenden vom Besuch ihrer Kurse abzuschrecken. Die Harvard-Lehrkräfte schränken sich nun selbst kollektiv ein. Dies sei ein "wichtiger Beitrag, um sicherzustellen, dass unser Benotungssystem seinen zentralen Zwecken besser gerecht wird: den Studierenden aussagekräftiges Feedback zu geben, echte Spitzenleistungen anzuerkennen und den akademischen Auftrag des Colleges zu wahren", schrieb Amanda Claybaugh, Dean of Undergraduate Education, in einem Statement nach der Abstimmung. Die Dekanin für den Bachelorbereich, Professorin für Geschichte und englischsprachige Literatur, kämpft seit Jahren gegen die Noteninflation. Vergangenen Oktober veröffentlichte ihr Dekanat einen Bericht, der zum Schluss kam, das Bewertungssystem "verfehle die zentralen Funktionen der Notengebung" und "beschädige die akademische Kultur des College". Denn so sind herausragende Studenten auf dem Zeugnis nicht von guten oder mittelguten Kommilitonen unterscheidbar. Auch Mitarbeiter von US-Präsident Donald Trump prangern die Bestnotenschwemme an den Universitäten immer wieder an. Die Deckelung der Bestnoten sei "vor allem für unsere Studierenden bedeutend", zitiert die Universitätszeitung "Harvard Crimson" Mitglieder des Komitees, das die neue Regelung entworfen hat. "Eine Harvard-Note ›A‹ wird nun ihnen – ebenso wie Arbeitgebern und Graduiertenschulen – Konkretes darüber verraten, was ein Studierender geleistet hat. Ein ›A‹ wird wieder das sein, als was es die Harvard-Richtlinien seit Langem definieren: eine außergewöhnliche Auszeichnung." Den meisten Harvard-Studierenden indes dürfte der Beschluss gar nicht gefallen. In einer Umfrage des Harvard Crimson vom Februar sprachen sich fast 85 Prozent gegen das "A"-Limit aus – und nicht einmal zehn Prozent dafür. Viele befürchten, dass sie mit einem "B" oder "C" im Wettbewerb um attraktive Arbeitsplätze gegen "A"-Absolventen anderer Unis ins Hintertreffen geraten. Auch Dekanin Claybaugh spricht von einer "folgenreichen Entscheidung". Aber sie kommt zu einem anderen Schluss: "Ich hoffe, sie wird andere Institutionen dazu ermutigen, sich ähnlichen Fragen mit demselben Maß Strenge und Mut zu stellen." Harvard war schon öfter in der US-Hochschulgeschichte ein Vorreiter oder Vorbild für andere Universitäten – zuletzt mit dem Widerstand gegen Trumps Angriffe auf Harvards Autonomie. Bald wird sich in Princeton, Yale oder anderswo zeigen, ob das auch für den Kampf gegen die Noteninflation gilt.