Datum17.05.2026 04:30
Quellewww.zeit.de
TLDRIn Bayern wurden mehrere Infektionen mit dem seltenen Borna-Virus (BoDV-1) gemeldet, das meist durch Feldspitzmäuse übertragen wird und tödliche Gehirnentzündungen verursacht. Die Übertragung erfolgt über Ausscheidungen infizierter Tiere. Es gibt keine Impfung oder spezifische Therapie. Eine Vermeidung von Kontakt mit Spitzmäusen und ihrer Exkremente ist die einzige Präventionsmaßnahme.
InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Seltene Erkrankung“. Lesen Sie jetzt „Infektionen in Bayern: Die Feldspitzmaus und das Borna-Virus“. Augsburg, Erding, Tirschenreuth - aus verschiedenen Regionen Bayerns sind in den vergangenen Monaten einzelne Infektionen mit dem sehr seltenen, in der Regel durch die Feldspitzmaus übertragenen und tödlichen Borna-Virus gemeldet worden. Bundesweit werden nach Behörden-Angaben weniger als zehn Infektions-Fälle pro Jahr registriert, ein Großteil davon in Bayern. Was ist über das Virus und seine Verbreitung bekannt? Ein Überblick. Das Borna Disease Virus 1 (BoDV-1) kommt nach Angaben des Landesamtes für Gesundheit (LGL) in der Feldspitzmaus vor und ist in der Forschung seit langem bekannt. Dass es beim Menschen schwere Gehirnentzündungen verursacht, wurde nach Angaben des Landesamtes für Gesundheit (LGL) erst 2018 nachgewiesen. Experten gehen davon aus, dass die Übertragung durch den Kontakt mit Ausscheidungen infizierter Tiere erfolgt, also unter anderem über deren Kot, Urin und Speichel. Die Tiere erkranken selbst nicht. Direkte Übertragungen von Mensch zu Mensch sind nicht bekannt. Markus Naumann, Direktor der Neurologischen Klinik am Universitätsklinikum Augsburg, erläuterte jüngst: "Symptomatisch kommt es nach einer Ansteckung zu einer rasch voranschreitenden Entzündung des Gehirns mit Verwirrtheit, geistigem Abbau, Sprachstörungen und epileptischen Anfällen." Es gibt laut LGL weder eine spezifische Therapie noch eine Impfung. Seit 2020 sind BoDV-1-Infektionen meldepflichtig. In Deutschland gibt es neun heimische Spitzmausarten, von denen eine die Feldspitzmaus (Crocidura leucodon) ist. Spitzmäuse gehören, anders als "echte" Mäuse, nicht zu den Nagetieren, wie Dennis Rubbenstroth erläutert. Er ist Leiter des Nationalen Referenzlabors für Borna-Virusinfektionen der Tiere am Friedrich-Loeffler-Institut (FLI), dem Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit. Vielmehr seien Feldspitzmäuse Insektenfresser und als solche enger verwandt mit Maulwurf und Igel als mit Mäusen. Sie sind scheu, nachtaktiv und haben deutlich spitzere Gesichter als andere Mäuse. Die Feldspitzmaus ist sehr selten - stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht ist sie nicht. Sie steht aber auf der Vorwarnliste für die Rote Liste gefährdeter Arten in Deutschland. Eine gezielte Bekämpfung ist nicht erlaubt. Spitzmäuse sollten aber auch nicht durch für sie attraktive Futterquellen oder Habitate angelockt werden, sagt Fachmann Rubbenstroth. Ein LGL-Sprecher teilt unter Verweis auf Daten des FLI mit, dass BoDV-1 nahezu überall im Freistaat in der Feldspitzmauspopulation vorkomme. Lediglich im Nordwesten Bayerns gebe es bisher keine Nachweise von BoDV-1. Dem LGL ist keine systematische Erhebung der Feldspitzmauspopulation in Deutschland bekannt. Das Virus tritt bei Feldspitzmäusen den Angaben nach bisher regional begrenzt in Teilen Ost- und Süddeutschlands, Österreichs, der Schweiz und Lichtensteins auf. Im Norden und Westen Deutschlands gibt es Rubbenstroth zufolge große Regionen, in denen Feldspitzmäuse kaum oder gar nicht vorkommen. Das seien die Gebiete, in denen bisher keine endemischen Vorkommen des BoDV-1 nachgewiesen worden seien: Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, große Teile Niedersachsens, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein. Grundsätzlich kämen Feldspitzmäuse in gemäßigten Breiten vom Atlantik bis an das kaspische Meer vor, während BoDV-1 nur in dem Streifen von den Alpen bis nach Nordwest-Brandenburg nachgewiesen worden sei. "Es scheint also in Europa auch Feldspitzmauspopulationen zu geben, die das Virus gar nicht tragen." Prinzipiell sei davon auszugehen, dass nahezu jedes Säugetier für eine Infektion mit BoDV-1 empfänglich sei, teilt das LGL mit. Nachweise gebe es bisher unter anderem bei Pferden, Schafen, Alpakas, Igeln und Bibern. Mit Ausnahme der Feldspitzmaus erkranken Säugetiere schwer infolge einer BoDV-1-Infektion und gelten als Fehl- oder Sackgassenwirte. Das bedeute, "dass sie das Virus nicht ausscheiden und nicht übertragen". Auch direkte Übertragungen von Mensch zu Mensch sind nicht bekannt. Bei Katzen liege erst ein einziger Fall einer bestätigten natürlich aufgetretenen BoDV-1-Infektion vor, und zwar in den 1990er Jahren in der Schweiz, sagt FLI-Experte Rubbenstroth. Es sei davon auszugehen, dass Katzen im Fall einer Infektion ebenfalls als Sackgassenwirte fungierten, die das Virus nicht weiterverbreiteten. Anfang Mai wurde in Bayern der jüngste Borna-Fall bekannt: In Augsburg starb ein Mensch an den Folgen einer Infektion. In der schwäbischen Stadt hatte es zuletzt 2023 zwei Erkrankungsfälle gegeben. Ende April war eine tödliche Borna-Infektion im Raum Bad Wörishofen im Landkreis Unterallgäu registriert worden und im März ein Infektions-Fall im Landkreis Erding. Im Herbst 2025 starb im Landkreis Tirschenreuth ein 57 Jahre alter Mensch. Wenige Monate zuvor waren zwei Menschen aus dem Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm an den Folgen einer Borna-Infektion gestorben. Da es keine Impfung gebe, könne das Risiko einer Infektion lediglich durch die Vermeidung von Kontakt mit Spitzmäusen und ihrer Ausscheidungen reduziert werden, heißt es beim LGL. Lebende oder tote Tiere sollten nicht mit bloßen Händen berührt werden. Beim Entsorgen einer toten Maus oder ihrer Ausscheidungen sowie bei Staub aufwirbelnden Arbeiten an Orten, an denen Feldspitzmäuse leben - etwa beim Kehren im Schuppen - sollten Schutzbrille, Gummihandschuhe und Feinstaubmaske getragen werden. Danach sollte man duschen, die Kleidung waschen und kontaminierte Flächen reinigen. Kadaver sollten in einer verschlossenen Plastiktüte im Hausmüll entsorgt werden. Zu BoDV-1 wird unter anderem im Rahmen des Projekts "Zoonotic Bornavirus Focalpoint Bavaria" (ZooBoFo) geforscht, das vom LGL in Kooperation mit dem FLI und dem Uniklinikum Regensburg durchgeführt und den Angaben nach vom bayerischen Gesundheitsministerium gefördert wird. Ziel sind genauere Erkenntnisse zum regionalen Vorkommen des Virus in Bayern und zu den Übertragungswegen auf den Menschen sowie die Eruierung der Wirksamkeit antiviraler Substanzen gegen BoDV in Zellkultur, wie es heißt. © dpa-infocom, dpa:260517-930-89424/1